Bürokratiebremse für Gründer: Notar-Gebühren und Auslandsgründungen

Eine aktuelle Debatte um deutsche Bürokratie und hohe Notargebühren wirft erneut Fragen zur Attraktivität Deutschlands als Gründungsstandort auf. Ausgelöst durch einen X-Post von Stripe-CEO Patrick Collison am Wochenende vor dem 31. August 2026, diskutieren Gründer und Investoren über Belastungen durch langwierige Verfahren und Kosten, die einige junge Unternehmen ins Ausland treiben.

Kritiker fordern Reformen, andere relativieren die Bedeutung bürokratischer Hürden.

Standort Deutschland im Wettbewerb

Startups und Investoren kritisieren die deutsche Bürokratie als innovationshemmend. Ein anonymer Gründer berichtete Patrick Collison, er habe für die Beurkundung eines 90-seitigen Investmentvertrags in Deutschland Notar-Gebühren von 30.000 Euro entrichtet. Der Beurkundungsprozess dauerte zudem einen vollen Tag. Seine Konsequenz: Das zweite Unternehmen gründete er im Ausland.

Florian Huber, Mitgründer und Managing Partner des Accelerators EWOR, kommentiert hierzu: „Burdens like notaries are pushing founders to register their companies elsewhere and are making the country look bad.“

Die Gründung einer Kapitalgesellschaft wie einer UG oder GmbH in Deutschland erfordert zwingend einen Notartermin und die Eintragung ins Handelsregister. Dies gilt als einer der größten Zeitfresser im Gründungsprozess. Während die Gründung eines Einzelunternehmens klassisch zwei bis vier Wochen dauert, nimmt eine GmbH-Gründung sechs bis zehn Wochen in Anspruch.

Digitale Tools können diese Zeiten auf drei bis vier Wochen für eine GmbH verkürzen, der Prozess bleibt jedoch langwierig. Der DIHK-Report Unternehmensgründung 2025 zeigt, dass sich 74 Prozent der Gründer schnellere Abläufe wünschen.

Kontroverse um die Relevanz bürokratischer Hürden

Nicht alle Marktteilnehmer teilen die Einschätzung, dass Bürokratie das größte Problem darstellt. Torsten Reil, Mitgründer des Verteidigungs-Tech-Unternehmens Helsing, sagte: „it’s underestimated how much of a difference aggression and ambition makes. …Everything else is excuses. Regulation doesn't matter.

Yeah sure it takes longer to start a company in Germany. Yes you have to go to a notary. Who cares?“

Auch Christian Miele, VC-Investor bei Headline Berlin, schrieb: „yes, we need to work on bureaucracy. For sure. No, this is not the reason why Germany isn’t producing more world class startups.“

Andere Stimmen zeigen sich frustriert von solcher Relativierung. Jérôme Bau, ein Berliner Gründer, beschrieb bereits 2024 die Formalitäten als: „Everything I do as a founder, when it comes to formalities, feels like I’m building a factory for metalworking in the 1800s. I go to notaries, there’s a lot of paper, nothing is digital. There are things taped together. It all feels very ancient.“

Judith Dada, Senior Partner bei Visionaries und Co-CEO des KI-Startups Langdock, kritisierte den „Defätismus“ in der Debatte. Sie stimmte jedoch der Notwendigkeit dringender Veränderungen in Bezug auf Arbeitsgesetze, Energiekosten, Bürokratie und Investitionen in Zukunftstechnologien zu. Ihre Aussage: „I agree things need to change, urgently and drastically.

I agree we must reinvigorate the economy and boost entrepreneurship. I agree that our labour laws, energy costs, bureaucracy and low investment into future technology is unbefitting of the reality we live in today and of a country like Germany. But to speak of all the ills in Germany like it was some doomed hell hole without even for a second realising or acknowledging that the country still has SO MUCH to offer makes me disappointed and angry. …I join your harsh criticism — I reject your defeatism entirely.“

Hohe Finanzierungsvolumina trotz Bürokratie

Trotz der genannten Hürden verzeichnete der deutsche Startup-Sektor zwischen Januar und Juli ein Gesamtfinanzierungsvolumen von 8,64 Milliarden Euro. Ein signifikanter Anteil entfiel auf wenige große Deals: Die drei als besonders relevant eingestuften Startups Helsing, Quantum Systems und Neura Robotics akquirierten zusammen 44,3 Prozent dieses Volumens, das entspricht 3,83 Milliarden Euro.

Dies deutet darauf hin, dass bürokratische Herausforderungen Investoren nicht grundsätzlich davon abhalten, in deutsche Startups zu investieren.

Die Debatte um Notar-Gebühren und Gründungszeiten steht zudem im Kontext der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung Deutschlands. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im ersten Quartal um 0,4 Prozent und im zweiten Quartal um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Die Exporte legten im ersten Halbjahr um 3,9 Prozent auf 817,8 Milliarden Euro zu; das Exportvolumen belief sich im Juni auf 139,3 Milliarden Euro, ein Rekordwert.

Diese Zahlen werden in der Diskussion um die Standortattraktivität für junge Unternehmen häufig genannt.

Ausblick auf mögliche Reformen und offene Fragen

Die Debatte über Notar-Gebühren und Gründungsbürokratie in Deutschland wird voraussichtlich fortgesetzt. Die unterschiedlichen Positionen von Gründern, Investoren und etablierten Akteuren unterstreichen die Komplexität des Themas. Während einige eine grundlegende Reform administrativer Prozesse fordern, betonen andere die Bedeutung von Unternehmergeist und Ambition.

Es bleibt abzuwarten, ob politische Akteure konkrete Schritte einleiten, um Prozesse für Unternehmensgründungen und Finanzierungsrunden zu vereinfachen und zu beschleunigen. Eine offene Frage ist, inwiefern digitale Lösungen konsequent eingeführt werden, um Wartezeiten und Kosten zu reduzieren. In diesem Zusammenhang wird auch die Digitalisierung notarieller Leistungen diskutiert.

Ein internationaler Vergleich zeigt mögliche Vereinfachungen: Die Gründung einer Limited in England erfolgt über das Companies House. Ein gesetzliches Mindestkapital gibt es nicht, theoretisch ist ein Anteil mit einem Pfund möglich. Beobachter werden verfolgen, ob die aktuellen Diskussionen zu strukturellen Verbesserungen für Gründer in Deutschland führen.