Die Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden wachsen in den kommenden Jahren langsamer als bisher kalkuliert. Nach den Ergebnissen des Arbeitskreises Steuerschätzungen klettert das gesamtstaatliche Aufkommen von rund 990 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf rund 999 Milliarden Euro im Jahr 2026. Erst 2027 überschreitet das Volumen mit 1.033,4 Milliarden Euro erstmals die Schwelle von einer Billion Euro.

Gegenüber der Prognose vom Herbst 2025 bedeutet dies eine Abwärtskorrektur von rund 87 Milliarden Euro für den Zeitraum 2026 bis 2030, was den fiskalischen Spielraum der öffentlichen Haushalte spürbar einengt. Nominal steigen die Einnahmen bis 2030 dennoch weiter auf rund 1.138 Milliarden Euro.

Geopolitische Verwerfungen belasten das Wachstum

Hinter dieser Korrektur stehen erhebliche makroökonomische Belastungsfaktoren. Der Ausbruch des Iran-Kriegs, die faktische Sperrung der Straße von Hormus und die daraus resultierenden Preissprünge bei Energie und Rohstoffen dämpfen die Konjunktur. Die Bundesregierung rechnet in ihrer Frühjahrsprojektion 2026 mit einem realen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von lediglich 0,5 Prozent für 2026 und 0,9 Prozent für 2027.

Gewinnabhängige Steuern und die Lohnsteuer entwickeln sich wegen schwächerer Unternehmenserträge und einer Eintrübung am Arbeitsmarkt verhalten. Dagegen weist die Umsatzsteuer kurzfristig eine stabilere Dynamik auf, gestützt durch Wohnbauinvestitionen und staatliche Ausgaben. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil betonte bei der Vorlage der Schätzung, wie schwer der Iran-Krieg der wirtschaftlichen Entwicklung schade.

Die Verwerfungen bremsen nach Einschätzung des Arbeitskreises die konjunkturelle Dynamik vorerst aus.

Gesetzliche Entlastungen schmälern das Aufkommen

Neben dem konjunkturellen Dämpfer schlagen mehrere neu verabschiedete Steuergesetze im Schätzergebnis zu Buche. Diese Maßnahmen verringern das Steueraufkommen für den Zeitraum 2026 bis 2030 kumuliert um rund 47,9 Milliarden Euro. Für 2026 ergibt sich daraus ein jährliches Minus von 6,8 Milliarden Euro. Bis 2030 steigt der jährliche Einnahmeausfall auf 10,9 Milliarden Euro an.

Zu den berücksichtigten Maßnahmen zählen die dauerhafte Senkung des Umsatzsteuersatzes für Gastronomie- und Verpflegungsdienstleistungen, die Anhebung der Entfernungspauschale sowie das Aktivrentengesetz, das Beschäftigten im Rentenalter einen steuerfreien Hinzuverdienst von bis zu 2.000 Euro pro Monat ermöglicht. Ebenfalls eingerechnet sind die Verstetigung der Stromsteuerentlastung für das produzierende Gewerbe auf das EU-Mindestmaß und befristete Erleichterungen bei der Energiesteuer auf Kraftstoffe. Degressive Abschreibungen und begleitende Investitionsanreize mindern das Aufkommen kurzfristig ebenfalls, sollen jedoch mittelfristig Wachstumsimpulse setzen.

Ungleiche Lastenverteilung trifft Bund und Kommunen

Die fiskalischen Einbußen verteilen sich ungleich auf die staatlichen Ebenen. Den größten Teil der Abwärtskorrektur von 87 Milliarden Euro schultert der Bund mit einem Minus von rund 52 Milliarden Euro bis 2030. Allein für 2027 verzeichnet der Bund gegenüber der Oktober-Prognose 2025 Mindereinnahmen von rund zehn Milliarden Euro.

Den Kommunen fehlen im Fünfjahreszeitraum rund 24 Milliarden Euro, während die Länder Einbußen von rund 16 Milliarden Euro hinnehmen müssen. Zugleich fallen die Abführungen an die Europäische Union um etwa fünf Milliarden Euro höher aus.

Auf kommunaler Ebene wiegt vorrangig der Einbruch bei der Gewerbesteuer schwer. Am Beispiel Baden-Württemberg fehlen den Städten und Gemeinden nach der Schätzung 973 Millionen Euro im Jahr 2026, 988 Millionen Euro im Jahr 2027 und knapp eine Milliarde Euro im Jahr 2028 im Vergleich zur vorigen Erhebung. Kommunale Spitzenverbände bewerten diese Entwicklung als ernstes Warnsignal, da parallel die Ausgaben für Personal und soziale Pflichtleistungen kontinuierlich steigen.

Verteilungskämpfe um den Bundeshaushalt zeichnen sich ab

Trotz des nominalen Zuwachses der gesamtstaatlichen Einnahmen verschärft das Schätzergebnis den Konsolidierungsbedarf der öffentlichen Hand. Für den Zeitraum 2027 bis 2029 weist die mittelfristige Finanzplanung des Bundes rechnerische Deckungslücken von rund 170 Milliarden Euro aus. Zusätzliche Spielräume für schuldenfreie Mehrausgaben stehen nach den vorgelegten Daten nicht zur Verfügung.

Damit geraten Fragen der Ausgabendisziplin und Budgetkonsolidierung ins Zentrum der politischen Agenda. In den parlamentarischen Beratungen zum Bundeshaushalt 2027 stehen die Regierungsfraktionen vor richtungsweisenden Entscheidungen über gezielte Ausgabenkürzungen, den Abbau steuerlicher Subventionen oder eine mögliche Reform der Schuldenbremse.