Der Waiblinger Motorsägen- und Gartengerätehersteller Andreas Stihl AG und Co. KG plant vorerst keine neuen Fertigungskapazitäten am Heimatstandort Deutschland. Während der Vorstandsvorsitzende Michael Traub neuen inländischen Werken mit den Worten „Da fehlt mir derzeit die Fantasie“ eine Absage erteilt, stellt der Beirats- und Aufsichtsratsvorsitzende Dr.

Nikolas Stihl der Bundespolitik ein Reformultimatum bis zum Jahr 2030. Die Unternehmensführung fokussiert sich in der Bundesrepublik auf Rationalisierung und Automatisierung. Größere Ausbauprojekte verlagert der Konzern schrittweise ins europäische Ausland.

Automatisierung statt Expansion am Heimatstandort

In der Unternehmenszentrale in Baden-Württemberg dominiert Skepsis mit Blick auf den industriellen Ausbau im Inland. Das Familienunternehmen betreibt weiterhin seine acht deutschen Werke in Waiblingen, Ludwigsburg, Fellbach, Tengen und Weinsheim in der Eifel, erweitert diese Standorte jedoch nicht mehr. Ursprünglich geplante Großprojekte liegen auf Eis.

Dies betrifft unter anderem ein Vorhaben in Ludwigsburg, wo Stihl die Fertigung von Führungsschienen aus dem Stammwerk Waiblingen bündeln und ausbauen wollte.

Gleichwohl fließen weiterhin erhebliche Mittel in das deutsche Bestandsnetz, primär zur Produktivitätssteigerung. Von den weltweiten Gesamtinvestitionen in Höhe von 335,7 Millionen Euro im Jahr 2025 investiert das Unternehmen rund 175 Millionen Euro und damit mehr als die Hälfte in den deutschen Stammbetrieb. Das Kapital fließt vorrangig in die Prozessautomatisierung, die Motorenfertigung sowie die Modernisierung bestehender Anlagen.

Parallel dazu passt die Geschäftsführung die Personalstrukturen an die abflauende Sonderkonjunktur der Pandemiejahre an. Die Stammbelegschaft in Deutschland sinkt zum Jahresende 2025 von 6.064 auf 5.831 Beschäftigte. Zudem baut Stihl mehr als 100 Verwaltungsstellen sozialverträglich über Altersteilzeitmodelle ab.

Je nach Einbeziehung aller inländischen Tochtergesellschaften liegt die Mitarbeiterzahl in Deutschland zwischen 5.800 und 6.700 Personen. Weltweit beschäftigt die Gruppe 20.246 Mitarbeiter.

Kostenvorteile im Ausland setzen den Standort unter Druck

Für industrielle Großprojekte evaluiert Stihl zunehmend Standorte jenseits der deutschen Grenzen. Die Realisierung des gestoppten Schienenwerks in Ludwigsburg koppelt das Management an wirtschaftspolitische Reformen; alternativ prüft der Konzern eine Verlagerung in die Schweiz. In den Schweizer Werken in Wil und Bronschhofen im Kanton St.

Gallen produziert Stihl bereits seit rund 50 Jahren Sägeketten.

Unternehmensinterne Berechnungen verdeutlichen die veränderten Rahmenbedingungen: Der Gesamtaufwand pro Arbeitsstunde liegt in der Schweiz trotz nominal höherer Löhne heute rund zehn Prozent unter dem deutschen Niveau. Als Ursachen gelten längere Wochenarbeitszeiten, geringere tarifliche Urlaubsansprüche und schlankere bürokratische Vorgaben. Vor zehn Jahren war die Arbeitsstunde in der Schweiz noch etwa drei Prozent teurer als in Deutschland.

Zudem richtet Stihl die Großserienfertigung von Akkusystemen international neu aus. Im rumänischen Werk Oradea investierte das Unternehmen 125 Millionen Euro in eine neue Produktionsstätte. Nach einer Bauzeit von unter 18 Monaten nahm das Werk im Oktober 2025 den Betrieb auf.

Die Fabrik ist auf eine Kapazität von einer Million Batteriepacks bis 2026 ausgelegt, flankiert von Ausbauoptionen bis 2028. Eine Akkufertigung in dieser Größenordnung lässt sich nach Einschätzung der Unternehmensführung in Deutschland betriebswirtschaftlich nicht rentabel darstellen.

Technologischer Wandel und industriepolitisches Ultimatum

Die Standortentscheidungen fallen in eine Phase tiefgreifender Produkttransformationen. Auf dem deutschen Markt setzt Stihl mittlerweile fast doppelt so viele Akku- wie Benzingeräte ab. Bestimmte Produktlinien, darunter rein benzinbetriebene Heckenscheren, entwickelt das Unternehmen mangels Marktnachfrage nicht mehr weiter.

Michael Traub steuert den Wandel über eine duale Technologiestrategie, die sich an den Anforderungen professioneller und privater Anwender orientiert und auf Wettbewerbsfähigkeit bei Verbrennern wie auch bei Akkugeräten setzt.

Finanziell agiert der Traditionskonzern aus einer Position der Stabilität. Der Umsatz klettert 2025 auf rund 5,48 Milliarden Euro nach 5,33 Milliarden Euro im Vorjahr. Der deutsche Stammbetrieb steuert 1,85 Milliarden Euro bei. Als Familienunternehmen unterliegt Stihl nicht dem kurzfristigen Renditedruck börsennotierter Konzerne, was langfristig angelegte Strategien erlaubt.

Diesen Handlungsspielraum nutzt Nikolas Stihl für deutliche Signale an die Bundespolitik. Er bewertet die Lage der deutschen Industrie als kritisch und verweist auf strukturelle Belastungsfaktoren: die um rund 15 Prozent gesunkene Industrieproduktion in den vergangenen acht Jahren, einen monatlichen Nettoverlust von etwa 15.000 industriellen Arbeitsplätzen sowie inländische Investitionen, die sich überwiegend auf Ersatzbeschaffungen beschränken.

Der Aufsichtsratschef fordert konkrete wirtschaftspolitische Weichenstellungen: die Erhöhung der regulären Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich, ein höheres Renteneintrittsalter, die Deckelung der Sozialversicherungsbeiträge bei maximal 40 Prozent des Bruttolohns sowie spürbaren Bürokratieabbau und gezielte Fachkräftezuwanderung. Bis 2030 setzt Stihl der Politik eine Frist zur Verbesserung dieser Rahmenbedingungen. Sollten grundlegende Reformen greifen, schließt das Unternehmen neue Fertigungskapazitäten in der Region nicht aus.

Ausblick für Belegschaft und Standorte

Für die Beschäftigten im baden-württembergischen Stammbetrieb greift eine bis Ende 2027 verlängerte Beschäftigungs- und Standortsicherungsvereinbarung, während parallel ein Effizienzprogramm bis Ende 2026 läuft. Bis zum Ablauf der gesetzten Frist im Jahr 2030 entscheidet sich, ob politische Impulse Investitionen wie das Schienenwerk in Ludwigsburg reaktivieren können oder ob der Trend zur Verlagerung industrieller Kernfertigungen ins Ausland unumkehrbar bleibt.