Eine Sicherheitslücke beim chinesischen Wechselrichterhersteller Sungrow hätte einen Eingriff in das deutsche Stromnetz ermöglichen können. Dies entdeckte ein deutscher Sicherheitsforscher. Eine zentrale digitale Infrastruktur des Herstellers erlaubte demnach eine potenzielle, koordinierte Trennung von rund 250.000 Solaranlagen in Deutschland vom Netz.

Obwohl kein tatsächlicher Angriff stattfand, offenbart der Fall die wachsende Anfälligkeit dezentraler Energiesysteme und die Notwendigkeit robuster Cyberabwehr.

Der Vorfall zeigt, wie die zentralisierte Steuerung vieler kleiner Erzeuger zu einem gemeinsamen Angriffsvektor wird.

Zentrale Plattformen als Achillesferse

Die Schwachstelle betraf die Cloud-Plattform iSolarCloud von Sungrow. Über diese Plattform überwacht und steuert der Hersteller Wechselrichter und Photovoltaikanlagen. Marlon Starkloff von der Jakkaru GmbH entdeckte, dass diese Infrastruktur einen potenziellen Zugriff auf eine große Anzahl verbundener Anlagen zuließ.

Ein koordiniertes Abschalten dieser Anlagen hätte einen plötzlichen Leistungsabfall im Stromnetz verursachen können.

Eine Paywall-Quelle beziffert die theoretisch anschließbare Gesamtleistung, die hätte abgeschaltet werden können, mit 8 Gigawatt. Diese konkrete Zahl fehlt in frei zugänglichen Quellen. Sungrow ist ein führender chinesischer Wechselrichterhersteller.

Allein in Deutschland wurden im ersten Halbjahr 2026 laut Angaben von ZSW und BDEW Anlagen mit einer Leistung von 8,3 Gigawatt neu installiert. Der Vorfall verdeutlicht die Risiken, die entstehen, wenn dezentrale Erzeuger über wenige zentrale Cloud-Systeme verwaltet werden.

Wiederkehrende Sicherheitsbedenken

Für Marlon Starkloff ist es nicht der erste Fund dieser Art. Bereits im März 2026 veröffentlichte die Jakkaru GmbH eine gravierende Sicherheitslücke bei Wechselrichtern von APsystems. Dabei konnten Geräte aus der Ferne vollständig übernommen und koordiniert abgeschaltet werden.

Starkloff kündigte damals an, weitere Schwachstellen bei einem großen chinesischen Hersteller zu untersuchen, nannte aber keinen Namen.

Sungrow hatte bereits 2025 mit Sicherheitsproblemen in seiner iSolarCloud zu kämpfen. Eine Schwachstelle erlaubte angemeldeten Nutzern den Zugriff auf Daten anderer Wechselrichter. Sungrow bestätigte den Fehler und schloss ihn am 7. Juni 2025. Der aktuelle Vorfall zeigt, dass Cybersicherheit in diesem Sektor eine kontinuierliche Herausforderung bleibt.

Tobias Castagna, Leiter des Nationalen Testinstituts für Cybersicherheit (NTC) in der Schweiz, betont: „Nicht allein die Schwere einer Schwachstelle macht sie gefährlich, sondern ihre Reichweite.“ Das NTC untersuchte elf Produkte von acht Herstellern, darunter sieben Wechselrichter und vier Energiemanagementsysteme. Die Prüfer fanden mehr als 50 Schwachstellen.

Sieben wurden als kritisch und sechs als schwerwiegend eingestuft. Fünf der elf Produkte wiesen mindestens eine gravierende Sicherheitslücke auf. Bei fast allen getesteten Wechselrichtern gelang es den Fachleuten, die Einspeiseleistung ohne Authentifizierung auf null zu reduzieren.

Die wachsende Bedrohung für kritische Infrastruktur

Die Bundesnetzagentur warnte vor „Solar-Schwachstellen, die Anlass zur Sorge geben“. Die Anzahl wöchentlicher Cyberangriffe auf Versorgungsunternehmen weltweit hat sich in den lvergangenenzwei Jahren verdoppelt. Laut Internationaler Energieagentur (IEA) verzeichnen EU-Staaten mehr als 200 Angriffe pro Jahr auf ihre Energieinfrastruktur.

Die NATO führte zudem Übungen in Schweden zur Sicherung von Solar-, Wind- und Wasserkraftsystemen durch.

Experten wie Dick O’Brien, Analyst bei Symantec, weisen darauf hin, „dass Unternehmen oft nicht genug in Risikomanagement investieren“. Vangelis Stykas kritisiert, „dass diese Geräte zwar zur kritischen Infrastruktur zählen, aber nicht ausreichend gesichert sind“. Stykas führte Demonstrationen in Thessaloniki vor, in denen er die Umgehung von Solarmodul-Firewalls zeigte.

Er berichtet, dass nur wenige Hersteller auf seine Hinweise reagieren und Schwachstellen beheben.

Ausblick: Stärkere Regulierung und Kooperation erforderlich

Die aktuelle Schwachstelle bei Sungrow wurde nach vorliegenden Angaben geschlossen. Dieser Vorfall unterstreicht die Forderung nach verstärkter Regulierung und größerer Kooperation zwischen Herstellern, Betreibern und Sicherheitsforschern. Die IEA prognostiziert bis 2030 rund 100 Millionen Solaranlagen auf Dächern weltweit.

Vor diesem Hintergrund wächst die Relevanz der Cybersicherheit für dezentrale Energiesysteme.

Die offene Frage bleibt, wie schnell und umfassend die Branche auf diese Bedrohungen reagiert, um die Resilienz der Stromnetze zu verbessern. Analysten und Beobachter werden die weiteren Entwicklungen in diesem Sektor genau verfolgen.