Die Schweizer Digital-Asset-Bank Sygnum lanciert gemeinsam mit der Plattform Debifi das Produkt MultiSYG, einen durch Bitcoin besicherten Lombardkredit auf Basis nativer Multi-Signatur-Verwahrung. Das Angebot verknüpft Bitcoin-Technologie mit dem traditionellen Lombardkreditwesen. Kreditnehmer müssen die Verwahrung ihrer Sicherheiten dadurch nicht mehr vollständig an eine einzelne Partei abtreten.
Das Institut zielt damit auf institutionelle Investoren, Unternehmen mit Bitcoin-Beständen in der Bilanz sowie vermögende Privatkunden ab.
Kryptografische Sperre gegen Weiterverpfändung
Der Vorstoß adressiert das strukturelle Misstrauen, das die Branche seit den Insolvenzen unregulierter Krypto-Kreditplattformen wie Celsius oder BlockFi prägt. Bei früheren Marktmodellen flossen hinterlegte Sicherheiten häufig direkt in die Bilanz des Anbieters und dienten der riskanten Renditegenerierung. Die MultiSYG-Architektur schließt eine solche Rehypothecation technisch aus.
Jede Kreditsicherheit verbleibt on-chain in einer separaten Treuhand-Wallet, die als 3-von-5-Multi-Signatur-Escrow fungiert. Für die Freigabe einer Transaktion sind drei von fünf privaten Schlüsseln zwingend erforderlich. Diese Schlüssel verteilen sich auf den Kreditnehmer, die Sygnum Bank sowie unabhängige institutionelle Signatare.
Weder das Bankinstitut noch der Kunde können folglich einseitig über die hinterlegten Bestände verfügen.
Gleichzeitig schützt das Setup vor einem Totalverlust, falls ein einzelner Schlüssel abhandenkommt, da die verbleibenden Parteien den Zugriff gemeinsam rekonstruieren können. Die Sicherheiten lagern strikt getrennt außerhalb der Bankbilanz in On-Chain-Treuhand-Wallets. Nach Schweizer Bankenrecht gelten sie im Insolvenzfall des Instituts als geschütztes Sondervermögen.
Kreditnehmer erhalten so bankübliche Kreditkonditionen hinsichtlich Laufzeit und Flexibilität, behalten jedoch die kryptografische Kontrolle über ihr Vermögen.
Konservative Beleihung und zweistufige Risikokontrolle
Das Geschäft mit besicherten Krediten wächst bei der Schweizer Bank dynamisch. Mittlerweile nutzen mehr als 20 Prozent der Sygnum-Kunden einen Lombardkredit. Bitcoin stellt dabei über 80 Prozent des gesamten verpfändeten Kreditsicherheitenvolumens dar, nachdem dieser Wert im Jahr 2023 noch bei 63 Prozent lag.
Treiber dieser Entwicklung ist auch die abnehmende Kursschwankung: Die rollierende Ein-Jahres-Volatilität von Bitcoin ging von rund 80 Prozent im Jahr 2021 auf etwa 40 Prozent zurück, was die Eignung der Kryptowährung als Kreditsicherheit im Bankensektor deutlich stärkt.
Beim Risikomanagement agiert das Institut vorsichtig. Der maximale Beleihungsauslauf für Bitcoin liegt bei 50 Prozent des hinterlegten Gegenwerts. Um abrupte, automatisierte Zwangsliquidationen bei Marktturbulenzen zu verhindern, greift ein zweistufiger Kontrollprozess: Ein sogenannter Soft Margin Call warnt Kreditnehmer bei Erreichen eines Beleihungswerts von rund 55 Prozent vor.
Erst bei etwa 70 Prozent folgt eine formelle Nachschussforderung, bei der das Risikomanagement vorrangig eine Restrukturierung der Position anstrebt.
Die Mindestticketgröße für Neukunden beträgt 100.000 Schweizer Franken oder den entsprechenden Gegenwert in Fremdwährung. Sygnum staffelt die Kreditzinsen nach Währung und Verwendungszweck. Bei einer Reinvestition von mehr als 50 Prozent der Kreditsumme auf der bankeigenen Plattform fallen Zinssätze von 5,65 Prozent pro Jahr für Schweizer Franken, 7,00 Prozent für Euro sowie 8,50 Prozent für US-Dollar an.
Zieht der Kreditnehmer mehr als die Hälfte der Summe als freie Liquidität ab, steigen die Sätze auf 6,65 Prozent in Schweizer Franken, 8,00 Prozent in Euro und 9,50 Prozent in US-Dollar. Eine Bereitstellungsprovision von 1,0 Prozent entfällt, sobald die aufgelaufenen Jahreszinsen diesen Betrag übersteigen.
Expansion im institutionellen Kreditmarkt
Die technische Infrastruktur hinter MultiSYG stammt von Debifi, einer auf Multi-Signatur-Lösungen spezialisierten Plattform. Die Partner zahlen die Kreditlinien wahlweise in Schweizer Franken, Euro oder US-Dollar aus. Für Sygnum markiert das standardisierte Produkt den nächsten Schritt im Kreditgeschäft: Bereits 2024 arrangierte das Institut ein syndiziertes Darlehen über 50 Millionen US-Dollar auf Bitcoin-Basis, gefolgt von einer Refinanzierung samt Tokenisierung über die eigene Plattform Desygnate im Folgejahr.
Offen bleibt vorerst, welche konkreten Partnerbanken oder Treuhänder als unabhängige institutionelle Signatare die übrigen Schlüssel kontrollieren. Sygnum und Debifi nennen diese Partner bislang nicht öffentlich. Institutionelle Großanleger und Treasury-Abteilungen von Unternehmen dürften die Bonität und operationelle Sicherheit dieser Schlüsselverwahrer im Rahmen ihrer Due-Diligence-Prüfungen daher genau analysieren, bevor sie nennenswerte Bilanzreserven binden.







