Düsseldorf – Das Hotel-Suchportal Trivago setzt auf eine umfassende KI-Transformation, um Disruptionen im Reisesektor zu begegnen. CEO Johannes Thomas führt das Wachstum und die Profitabilität des Unternehmens auf den konsequenten Einsatz Künstlicher Intelligenz zurück. Trivago, das während der Pandemie beinahe zahlungsunfähig war, agiert in einem Wettbewerbsumfeld, das von deutlich größeren Konkurrenten wie Booking Holdings und dem Mehrheitseigentümer Expedia geprägt ist.

Nach Angaben von Trivagos CEO Thomas zielt die Transformation, die bei dem Unternehmen mit rund 600 Mitarbeitern vor der KI-Strategieentscheidung begann, nicht allein auf Effizienzsteigerung ab. Thomas formuliert die strategische Wahl so: Entweder eine Reduktion auf 200 Mitarbeiter oder ein „Impact von 6.000“ mit 600 Mitarbeitern durch den Einsatz von KI. Er betont, kleine und mittelständische Unternehmen mit einer ausgeprägten Tech-DNA befänden sich in einer vorteilhaften Position, da sie mit weniger bürokratischen Hürden und Gewerkschaftseinflüssen agieren.

Nach seinen Angaben verwendet er inzwischen mehr als die Hälfte seiner Arbeitszeit für die Gestaltung dieser Transformation; zuvor lag dieser Anteil bei etwa einem Viertel.

Von der Nische zur Skalierung mit intelligenten Agenten

Trivago entwickelt eigene KI-Anwendungen und Systeme in einer flachen Organisationsstruktur. Ein zentrales Element ist der sogenannte Role-Evolution-Agent, ein KI-Agent, der Mitarbeiter bei der Automatisierung von Aufgaben unterstützt und zukünftige Jobprofile mitgestaltet. Thomas berichtet, sein persönlicher Agent habe etwa die Vorbereitung der Ergebnispräsentation übernommen und bereite ihn auf Leistungsgespräche vor, da 70 Prozent der Arbeit bereits erledigt sei.

Er ergänzt, die Automatisierung ermögliche nun Projekte, die zuvor aufgrund von Ressourcenbeschränkungen undenkbar waren.

Parallel dazu beginnt der Reisesektor, den wirtschaftlichen Wert von KI zu quantifizieren. Einige Online-Reisebüros (OTAs) wie Booking und Airbnb belegen bereits konkrete wirtschaftliche Vorteile durch KI; andere stehen dem Bericht zufolge noch am Anfang dieser Entwicklung. Airbnb verzeichnete im zweiten Quartal einen Anstieg des Aktienkurses um 17 Prozent; zugleich sanken die Supportkosten pro Buchung im Jahresvergleich um rund 16 Prozent.

Fast 45 Prozent der Probleme werden dort bereits ohne menschliches Eingreifen gelöst. Trivago positioniert KI nicht nur als Kostensenker, sondern auch als Instrument zur Skalierung von Geschäftsmodellen.

Marktentwicklung und der Wandel der Customer Journey

Die Notwendigkeit zur KI-Adoption wird durch übergeordnete Marktentwicklungen untermauert. Eine Studie aus dem November 2025 zeigte, dass 46 Prozent der Kaufentscheidungen in KI-Systemen beginnen. Google-Funktionen wie AI Overviews erreichten nach Angaben der Anbieter über 1,5 Milliarden Nutzer in 200 Ländern.

Die Google-Gemini-App verzeichnete im Mai 2026 rund 900 Millionen monatliche Nutzer, während ChatGPT 2026 mit über 800 Millionen wöchentlich aktiven Nutzern genannt wird. In diesem Umfeld verlagert sich die Sichtbarkeit von Angeboten: Empfehlungen auf Basis von KI gewinnen zunehmend an Bedeutung gegenüber traditionellen Suchrankings. Für Unternehmen wie Trivago bedeutet dies, die eigene Präsenz und die zugrundeliegenden Daten für KI-Systeme zu optimieren.

Die Herausforderung besteht darin, den erwarteten Mehrwert aus KI-Transformationen tatsächlich zu realisieren. Die Kearney-„Transformation Study 2026“ stellt fest, dass weniger als die Hälfte der KI-Initiativen bei über 80 Prozent der befragten Führungskräfte einen messbaren finanziellen Einfluss liefern. Nur 29 Prozent der Transformationen erreichen dem Bericht zufolge den erwarteten Wert.

Jennifer McGee, Partnerin bei Kearney, hebt hervor, dass die Adoption von Anfang an die Transformation mitgestalten muss, nicht erst im Anschluss. Trivagos Ansatz, Rollen weiterzuentwickeln und Mitarbeiter aktiv einzubinden, könnte sich nach dieser Logik als vorteilhaft erweisen.

Ausblick: Der Weg zur Agentic AI und ihre Implikationen

Die Entwicklung im Bereich Künstlicher Intelligenz geht in Richtung „Agentic AI“, also KI-Systeme, die autonomer agieren und ganze Prozesse orchestrieren können. Einzelhändler wie Albertsons setzen „Ask AI“-Suchtools ein, die eine Steigerung der Warenkorbgröße um etwa zehn Prozent melden. Mark Leadbetter, Head of IT bei House of Travel, skizziert eine Zukunft, in der KI-Agenten telefonische Anfragen beantworten und Ticketänderungen vornehmen, wodurch Mitarbeiter mehr Zeit für komplexe Kundeninteraktionen oder zusätzliche Buchungen gewinnen.

Trivagos strategische Weichenstellung unterstreicht die Bedeutung organisatorischer Anpassungen. Nicht allein die technische Implementierung, sondern auch die Neudefinition von Rollen, Prozessen und die Entwicklung von Mitarbeitern spielen eine entscheidende Rolle. Ob das Unternehmen den Spagat zwischen veränderten Suchgewohnheiten, der Konkurrenz durch große Tech-Konzerne und der internen Anpassung erfolgreich meistert, wird darüber entscheiden, ob Trivago die gesteckten Ziele erreicht und sich im KI-getriebenen Reisemarkt behauptet.

Die Marktreaktion auf Trivagos transformative Bemühungen wird in den kommenden Quartalsberichten und der weiteren Entwicklung des Reise-Tech-Sektors ablesbar sein.