Das Berliner Fintech Upvest besetzt die seit rund einem halben Jahr verwaiste Position des Finanzchefs neu. Quiron Cunha übernimmt die Rolle des Chief Financial Officer bei dem Anbieter von digitaler Wertpapierinfrastruktur. Cunha wechselt vom Berliner B2B-Zahlungsdienstleister Mondu zu dem Unternehmen.
Dort soll er die operative Skalierung leiten und das Fintech in die Profitabilität führen, während Upvest Großprojekte wie die Migration der Kunden der Deutschen Kreditbank und die Anbindung an das neue deutsche Altersvorsorgedepot vorbereitet.
Die Neubesetzung beendet eine Vakanz, die seit Mai 2026 besteht. Zu diesem Zeitpunkt verließ der bisherige Finanzchef Julian Lange die Fintech-Branche und wechselte als kaufmännischer Leiter zum Frauen-Fußballverein FC Viktoria Berlin. Mit Cunha holt Upvest-Gründer und CEO Martin Kassing einen Finanzmanager an Bord, der umfangreiche Erfahrung mit komplexen Finanzierungsstrukturen mitbringt.
Bei Mondu begleitete Cunha seit 2022 mehrere Finanzierungsrunden mit einem kumulierten Eigenkapitalvolumen von rund 150 Millionen Euro sowie eine Refinanzierungslinie über 100 Millionen Euro mit J.P. Morgan Payments.
Wachstumsdruck trifft auf strikte Kostendisziplin
Bei Upvest trifft Cunha auf anspruchsvolle Rahmenbedingungen. Das 2017 gegründete Unternehmen stellt Banken und Neobrokern eine Programmierschnittstelle für den Handel sowie die Verwahrung von Wertpapieren und Kryptoanlagen bereit und befindet sich mitten in einer Skalierungsphase. Im Jahr 2025 wickelte die Plattform mehr als 100 Millionen Wertpapierorders ab.
Gleichzeitig arbeitet das Berliner Fintech, das mittlerweile zwischen 250 und 280 Mitarbeiter beschäftigt, operativ defizitär. Für das Geschäftsjahr 2024 wies das Unternehmen bei einem Umsatz von acht Millionen Euro einen operativen Verlust vor Zinsen und Steuern in Höhe von 27 Millionen Euro aus. Für 2022 belief sich der Umsatz auf rund 2,8 Millionen Euro bei einem EBIT von minus 11,3 Millionen Euro beziehungsweise 286.098 Pfund Umsatz mit einem EBITDA von minus 14,25 Millionen Pfund.
Das Management steht damit vor der Aufgabe, das wachsende Transaktionsvolumen in nachhaltig positive Margen zu überführen.
Finanziellen Spielraum verschaffte dem Fintech eine Finanzierungsrunde über 125 Millionen US-Dollar, die das Unternehmen im März 2026 abschloss. Die Transaktion gliederte sich in 90 Millionen US-Dollar frisches Eigenkapital und eine Kreditlinie über 35 Millionen US-Dollar. Das entspricht einer Kapitalspritze von rund 105 bis 110 Millionen Euro.
Insgesamt flossen dem Unternehmen seit der Gründung rund 293 Millionen Euro an Kapital zu.
Das Investorenkonsortium führten Sapphire Ventures und der Technologiekonzern Tencent an. Zudem beteiligten sich Bestandsinvestoren wie BlackRock, Bessemer Venture Partners, Notion Capital und Motive Partners. Die Bewertung von Upvest stieg dabei auf rund 640 Millionen Euro oder umgerechnet etwa 735 Millionen US-Dollar, nachdem sie Ende 2024 noch bei 360 Millionen Euro gelegen hatte.
Das Altersvorsorgedepot als künftiger Wachstumstreiber
Strategisch setzt das Management darauf, dass regulatorische Weichenstellungen im europäischen Markt für Sparprodukte zusätzliche Volumina auf die eigene Plattform leiten. Im Mittelpunkt der deutschen Wachstumsstrategie steht das staatlich geförderte Altersvorsorgedepot, dessen Marktstart die Bundesregierung für Januar 2027 plant.
Für dieses Großprojekt sicherte sich Upvest im Oktober 2026 Quirion, den digitalen Vermögensverwalter der Quirin Privatbank, als ersten Referenzkunden. Nach Unternehmensangaben bereitet Upvest den technischen Start von mehr als 20 weiteren Implementierungen des Altersvorsorgedepots für 2027 vor.
Parallel dazu forciert das Fintech die internationale Expansion. Nachdem sich das Unternehmen 2024 die Zulassung der britischen Aufsichtsbehörde Financial Conduct Authority gesichert hatte, eröffnete Upvest 2025 eine Niederlassung in London. Dort entwickelt das Fintech unter anderem Schnittstellen für britische Altersvorsorgestrukturen wie Self-Invested Personal Pensions und betreut Kunden wie die Zopa Bank, die über 1,6 Millionen Nutzer für steuerbegünstigte Individual Savings Accounts zählt.
Das Portfolio an Referenzkunden umfasst neben Neobanken wie Revolut, N26 und bunq auch Plattformen wie Raisin, Vivid sowie die Santander-Tochter Openbank.
Operative Bewährungsprobe bei Großbanken
Die zentrale operative Bewährungsprobe steht Upvest im klassischen Bankensektor bevor. Die Deutsche Kreditbank beendete die Zusammenarbeit mit ihrem bisherigen IT-Dienstleister DWP Bank und migriert ihre Wertpapierkunden vollständig auf die cloudbasierte Infrastruktur von Upvest. Für das Fintech gilt dieser Wechsel als wichtigster Beleg dafür, dass die eigene Plattform auch den Anforderungen traditioneller Großbanken genügt.
Die technologische Integration komplexer Altbankensysteme und der Ausbau von KI-gestützten Anlage-Engines binden erhebliche Ressourcen in der Produktentwicklung. Mit der Bewertung von rund 640 Millionen Euro wächst zugleich die Erwartung der Investoren, dass sich diese Investitionen zeitnah in operativer Effizienz niederschlagen. Für Cunha markiert der Wechsel daher einen klaren Auftrag: Der neue Finanzchef muss beweisen, dass Upvest die Transformation vom kapitalintensiven Infrastrukturbauer zum profitablen Plattformanbieter gelingt.







