Die führenden US-Banken bauen ihren Vorsprung gegenüber den europäischen Großbanken weiter aus. Dies belegt eine aktuelle Analyse des Beratungs- und Prüfungsunternehmens EY, die ein außergewöhnlich gutes Halbjahr für Finanzinstitute auf beiden Seiten des Atlantiks konstatiert. Während europäische Institute ihre Gewinne steigern, wächst die Ertragslücke zu ihren amerikanischen Wettbewerbern substanziell.
Die Ergebnisse des ersten Halbjahres zeigen: Die europäischen Top-10-Banken, gemessen an der Bilanzsumme, steigern ihren Nettogewinn um 21 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Insgesamt verbuchen sie rund 58,7 Milliarden Euro. Die zehn größten US-Banken hingegen verzeichnen eine Gewinnsteigerung von 42 Prozent und erreichen gut 110,6 Milliarden Euro.
Damit liegt ihr absoluter Nettogewinn fast doppelt so hoch wie der, der europäischen Konkurrenz. Ralf Eckert, Partner bei EY, resümiert: „Zugleich müssen wir aber konstatieren, dass der amerikanische Vorsprung größer geworden ist und weiterhin substanziell ist.“
Divergierende Rentabilität und Wachstumstreiber
Die unterschiedliche Gewinnentwicklung spiegelt sich auch in der Eigenkapitalrendite (Return on Equity/RoE) wider. Die europäischen Großbanken steigern ihren RoE von 10,5 Prozent auf 12,3 Prozent. Die US-Institute erhöhen ihre RoE im gleichen Zeitraum von 11,3 Prozent auf 15 Prozent. Die RoE in den USA liegt damit deutlich über der in Europa.
Ein Grund für diese Diskrepanz liegt in der Ertragsstruktur. Eckert hebt hervor, dass US-Institute mit anhaltend hohen Handelserlösen aus Börsengängen und Kapitalmarkttransaktionen rechnen können. Diese Einnahmequellen erreichen europäische Pendants in dieser Form nicht. „In Konsequenz dürfte sich so die Ertragslücke weiter ausweiten“, sagt Eckert.
Einzelne Institute im Fokus
Ein Blick auf einzelne Akteure verdeutlicht die Kluft. JPMorgan Chase erzielt im ersten Halbjahr ein Vorsteuerergebnis von gut 42 Milliarden Euro, nach Steuern bleiben fast 33 Milliarden Euro. Damit verdient das größte US-Institut allein mehr als die beiden größten europäischen Banken zusammen.
Auf europäischer Seite erreicht die HSBC das höchste Ergebnis mit rund 17,1 Milliarden Euro vor Steuern und etwa 13,4 Milliarden Euro nach Steuern. Die Deutsche Bank, als einziges deutsches Institut unter den Top-20 der EY-Analyse, verbucht gut 5,7 Milliarden Euro vor Steuern und rund 3,6 Milliarden Euro nach Steuern.
Die EY-Analyse umfasst jeweils die zehn größten Banken in Europa und den USA, nach Bilanzsumme ausgewählt. Diese Vergleichsgruppe zeigt, dass der Vorsprung der US-Banken breit angelegt ist.
Ausblick: Konsolidierungsdruck und offene Fragen
Der anhaltende Erfolg der US-Institute verstärkt den Konsolidierungsdruck auf die europäischen Banken. Die Frage nach Fusionen wird als mögliche Reaktion auf den Wettbewerb diskutiert. EY-Partner Gunther Tillmann warnt: „Fusionen um jeden Preis können nicht die Antwort in Europa auf den zunehmenden Konsolidierungsdruck sein.
Die Unterschiede der Ertragsstruktur mit starkem Fokus auf Zinsertrag und entsprechender Kapitalisierung der europäischen Banken bleiben.“
Analysten und Beobachter werden in den kommenden Monaten verfolgen, wie die europäischen Großbanken reagieren. Mögliche Strategien könnten eine stärkere Ausrichtung auf ertragsstärkere Kapitalmarktgeschäfte umfassen, sofern regulatorische Rahmenbedingungen und die Risikobereitschaft dies zulassen. Die weitere Entwicklung der Zinserträge in Europa sowie die Aktivität an den Kapitalmärkten bleiben entscheidende Faktoren für die Ertragskraft der Banken auf beiden Kontinenten.







