US-Börsen zeigen Anzeichen einer Stabilisierung, nachdem ein Abverkauf bei Chip- und KI-Aktien die Kurse belastete. Insbesondere tech-lastige Indizes konnten zum Handelsende hin Verluste auffangen und sich erholen. Analysten sprechen von einer „KI-Korrektur“, während Umschichtungen einzelner Investoren hin zu Softwarewerten erkennbar sind.
Chipsektor unter Druck
Die jüngsten Marktturbulenzen traten maßgeblich im Halbleitersegment auf. US-Chipkonzerne verzeichneten binnen einer Woche Verluste von mehr als einer Billion US-Dollar. Nvidia verlor zeitweise 2,3 Prozent, Meta 4,5 Prozent.
Der Philadelphia Semiconductor Index fiel um rund fünf Prozent. Separat notiert der Morningstar Global Semiconductor Index trotz kräftiger Zugewinne in der ersten Jahreshälfte 2026 inzwischen etwa 17 Prozent unter seinem Höchststand vom Juni.
Die Korrektur betraf nicht nur reine Chiphersteller, sondern ebenfalls Aktien aus dem KI-Bereich. Positive Quartalszahlen konnten den Abwärtsdruck zunächst nicht stoppen. TSMC meldete ein Gewinnwachstum von 77 Prozent, seine in den USA gehandelten Papiere gaben daraufhin 2,3 Prozent nach.
Micron verzeichnete Kurseinbußen im Bereich von rund vier bis neun Prozent, obwohl dort ebenfalls gute Zahlen vorlagen. Stephen Innes, Marktbeobachter von SPI Asset Management, kommentierte die Entwicklung: „Wenn sich der heißeste Tummelplatz plötzlich in eine hektische Fluchtsituation verwandelt, bleibt das den Händlern nicht verborgen.“
Umschichtungen zu Softwareaktien
Die anhaltende Unsicherheit über Bewertungen im KI-Sektor geht mit einer Neubewertung von Portfolios einher. Die ING-Bank spricht von einer „KI-Korrektur“. Bob Homan, Global Chief Investment Officer bei ING, erklärte dazu: „Ich glaube, das ‚schnelle Geld‘ ist bereits ein wenig aus dem Spiel.“ Er ergänzte, die Bank verlagere Engagements „ein wenig von Halbleiteraktien hin zu Softwareaktien.“
Marktdaten zeigen starke Relativebewegungen: Der Morningstar Global Semiconductor Index stieg in der ersten Jahreshälfte 2026 um rund 60 Prozent. Der Morningstar Global Software – App Index fiel im selben Zeitraum um etwa 30 Prozent und erholte sich seit seinem Tief im Juni um rund 16 Prozent. US-Softwarewerte wie Salesforce, Workday und ServiceNow legten in der vergangenen Woche zwischen 15 und 25 Prozent zu.
Die Deutsche Bank weist darauf hin, dass US-Softwareunternehmen historisch einen Bewertungsaufschlag von 36 Prozent gegenüber dem S&P 500 hatten. Aktuell beträgt dieser Aufschlag laut ihrer Analyse etwa sechs Prozent. Für das laufende Jahr prognostiziert der Konsens für US-Softwareunternehmen ein Gewinnwachstum von rund 24 Prozent.
Bewertungen und Risikobereitschaft
Analysten wie Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners sehen die Bedenken über hohe Bewertungen rund um KI-Aktien wiederkehren. Er sagte: „Die Stimmung ist gerade dabei, sich zu drehen. Anleger werden generell vorsichtiger.
Die Risikoaversion nimmt zu.“ US-Notenbankchef Jerome Powell hatte Aktienkurse bereits als „ziemlich hoch bewertet“ bezeichnet. Morgan Stanley beschreibt die Marktsituation als „aufgeschäumt“.
Die Marktkapitalisierung des US-Aktienmarktes ging seit Mitte Februar um rund fünf Billionen US-Dollar zurück. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 liegt bei etwa 24,1 und damit über dem historischen Durchschnitt. Überdies sind die Anleiherenditen auf Mehrjahreshochs gestiegen, was Tech-Werte zusätzlich belastet.
Emma Moriarty von CG Asset Management betonte: „Die Lage im Nahen Osten spitzt sich eindeutig wieder zu, und die langfristigen Zinsen steigen – und das sind Faktoren, die letztlich den Wert von Aktien untergraben.“
Ausblick und offene Fragen
Die Entwicklung unterstreicht die hohe Volatilität im Technologiesektor. Die kurzfristige Stabilisierung an den US-Märkten kann eine Atempause nach dem starken Abverkauf sein. Ob es sich um eine nachhaltige Trendwende handelt, bleibt offen. Die Umschichtung von Halbleiter- zu Softwareaktien könnte sich fortsetzen, sollten Bewertungsunterschiede und Gewinnprognosen Anleger weiter dazu veranlassen.
Marktteilnehmer beobachten weiter, wie sich die Gewinnaussichten der KI- und Chipunternehmen entwickeln und welchen Einfluss makroökonomische Faktoren wie Inflation und Zinspolitik auf die Anlegerstimmung haben. William Beavington von Jefferies fasst zusammen: „Aus unserer Sicht war die Marktbewegung am Freitag weniger auf einen grundlegenden Wandel bei der Kapitalallokation zurückzuführen, sondern vielmehr auf eine überhitzte Positionierung.“







