Die offiziellen Wachstumszahlen der US-Wirtschaft zeichnen auf den ersten Blick das Bild robuster Stabilität. Hinter Zuwächsen beim Bruttoinlandsprodukt von annualisiert zeitweise rund drei Prozent verbergen sich jedoch deutliche Bremsspuren im ökonomischen Gefüge. Gleich drei zentrale Frühindikatoren signalisieren einen spürbaren Dynamikverlust, der an den internationalen Finanzmärkten die Debatte über eine bevorstehende Rezession neu entfacht.

Risse im Fundament des Arbeitsmarkts

Lange gilt die US-Beschäftigung als verlässliche Stütze der Konjunktur. Mittlerweile mehren sich die Anzeichen, dass der Stellenaufbau an Schwung verliert. Besonders deutlich zeigt sich dieser Umschwung im Juli 2024, als die US-Wirtschaft außerhalb der Landwirtschaft lediglich 114.000 neue Stellen schafft.

Analysten rechnen im Vorfeld mit 175.000 neuen Arbeitsplätzen. Damit nähert sich der Stellenzuwachs der von Volkswirten genannten Schwelle von 100.000 neuen Jobs an, die zur reinen Absicherung des Bevölkerungswachstums im Erwerbsalter erforderlich ist.

Parallel dazu steigt die Arbeitslosenquote: Nachdem sie im Januar 2023 bei 3,4 Prozent gelegen hatte, klettert sie im Juli 2024 auf 4,3 Prozent. Die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe liegen zuletzt bei 219.000 Anträgen. Sie verharren damit noch unter der Schwelle von rund 270.000 Anträgen, ab der Ökonomen von einer manifesten Trendwende sprechen.

Die Federal Reserve reagiert auf die Signale vom Arbeitsmarkt und leitet im September 2024 mit einer Zinssenkung um 50 Basispunkte die Zinswende ein.

Kontraktion bei Industrie und Dienstleistungen

Neben dem Arbeitsmarkt liefern die Stimmungsindikatoren der Unternehmen Warnsignale. Der ISM-Einkaufsmanagerindex für den US-Dienstleistungssektor fällt im Juni 2024 unerwartet um fünf Punkte auf 48,8 Zähler, nach 53,8 Zählern im Mai. Damit markiert der Indikator ein Vierjahrestief und rutscht unter die Expansionsschwelle von 50 Punkten.

Werte unter dieser Marke signalisieren ein Schrumpfen der wirtschaftlichen Aktivität.

Das verarbeitende Gewerbe verharrt zeitgleich in der Kontraktion. Der ISM-Industrieindex notiert im Juni 2024 bei 48,5 Punkten und damit bereits den dritten Monat in Folge im Schrumpfungsbereich. Nachlassende US-Industrieaufträge verstärken dieses Bild.

Je nach Bereinigung um Transport- und Rüstungsgüter gehen die Bestellungen im Juni 2024 im Vormonatsvergleich um 0,5 Prozent bis 3,3 Prozent zurück. Volkswirte der Commerzbank werten die Abkühlung als direkte Folge der restriktiven Geldpolitik. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, betont die Aussagekraft der Frühindikatoren: Sie gäben Aufschluss darüber, wie das Unternehmerlager über die jüngsten Entwicklungen denke.

Die Stimmung in den Führungsetagen trübt sich quer durch die Branchen ein.

Der Konsum verliert seine Zugkraft

Der private Konsum macht knapp 70 Prozent der US-Wirtschaftsleistung aus und gerät zunehmend unter Druck. Zwar steigen die Konsumausgaben real phasenweise noch moderat, etwa um 1,4 Prozent im zweiten Quartal 2025. Verbraucherstimmung und anhaltende Teuerung belasten die privaten Haushalte jedoch spürbar.

Das allgemeine Preisniveau steigt seit 2019 kumuliert um 21 Prozent. Die Verbraucherpreisinflation liegt zuletzt bei 3,0 Prozent im Jahresvergleich im September 2025. Anhaltend hohe Zinsen verteuern Kredite und bremsen den kreditgetriebenen Konsum aus.

Das Konsumklima der University of Michigan spiegelt diese Belastung wider: Der Index fällt im Herbst 2025 auf 50,3 bis 53,6 Punkte, nachdem er im September 2024 noch bei 69 Punkten gestanden hatte. Historisch korrelieren derart niedrige Stimmungswerte eng mit einer Eintrübung der allgemeinen Wirtschaftsdynamik.

Überdies trägt der Wohnungssektor zur Schwäche bei. Hohe Hypothekenzinsen bremsen den Wohnungsbau, Neumieten geraten unter Druck und Angebotsüberhänge dämpfen die Neubautätigkeit.

Der KI-Boom als fragiler Puffer

Dass die Gesamtwirtschaft bislang nicht abrupt einbricht, ist vorrangig massiven Investitionen großer Technologiekonzerne in Künstliche Intelligenz, Rechenzentren und Halbleiterinfrastruktur geschuldet. Schätzungen zufolge fließen 2025 rund 1,1 bis 1,2 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts in KI-bezogene Investitionen.

Dieser Investitionsschub kompensiert Teile der Industrieschwäche. Unter Analysten ist jedoch umstritten, ob er die Schwäche des privaten Konsums dauerhaft ausgleichen kann. Morningstar-Ökonom Preston Caldwell erwartet infolge der Konsumzurückhaltung eine anhaltende Wachstumsverlangsamung.

Entsprechend uneinheitlich schätzen führende Investmenthäuser das Rezessionsrisiko ein: Goldman Sachs beziffert die Wahrscheinlichkeit eines Abschwungs für die kommenden zwölf Monate auf 25 Prozent, JPMorgan sieht sie bei 50 Prozent. Metzler Asset Management taxiert das Risiko auf 30 Prozent, was nach eigener Einordnung etwa doppelt so hoch ist wie im historischen Normalumfeld.

Die kommenden Konjunkturberichte und die nächsten Zinsentscheide der Federal Reserve werden zeigen, ob der Infrastrukturboom die Konsumschwäche weiterhin überdecken kann oder ob den USA eine breitere wirtschaftliche Korrektur bevorsteht.