Die US-Regierung setzt Teile ihres Sanktionsregimes gegen Russland vor den anstehenden Kongresswahlen zeitweise außer Kraft. Eine Ausnahmegenehmigung des US-Finanzministeriums gestattet ab sofort direkte Importe von russischem Dieselkraftstoff in die Vereinigten Staaten. Der bilaterale Deal zwischen US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin sorgt international für scharfe Kritik.

Washington lockert Sanktionen für russischen Treibstoff

Die General License No. 135 bildet die rechtliche Grundlage für das überraschende Handelsabkommen. Bradley T. Smith, Direktor des Office of Foreign Assets Control (OFAC), unterzeichnete das Dokument am 9. Oktober 2026. Die Lizenz erlaubt bis zum 7. April 2027 Transaktionen für Verkauf, Lieferung, Entladung und Import von russischem Diesel, ausdrücklich auch in die USA sowie in Drittstaaten.

Transaktionen mit der russischen Zentralbank, dem Nationalen Wohlstandsfonds und dem russischen Finanzministerium bleiben weiterhin untersagt.

Der Schritt folgt auf eine deutliche Preisrally an den amerikanischen Zapfsäulen. Im September 2026 kletterte der US-Durchschnittspreis für Diesel nach Angaben des Automobilclubs AAA auf ein Rekordniveau von 6,52 US-Dollar pro Gallone. Marktbeobachter führen den Preissprung vorrangig auf den Konflikt zwischen den USA und Israel auf der einen sowie dem Iran auf der anderen Seite zurück.

Trump unterzeichnete im September 2026 den vom Kongress beschlossenen „Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act of 2026“, der Strafzölle von bis zu 100 Prozent auf russische Energieimporte vorsieht. Am 16.

Oktober 2026 setzte das Weiße Haus per Präsidialverordnung die Anwendung dieser Mechanismen unter Berufung auf das nationale Interesse weitgehend aus.

Moskau hob das seit Sommer 2026 geltende Exportverbot für Diesel am 9. Oktober 2026 auf. Der stellvertretende Ministerpräsident für Energiefragen, Alexander Nowak, kündigte den Start eines ersten Tankers mit 40.000 Tonnen Treibstoff in Richtung USA an. Abfahrtshafen und Verträge standen nach seinen Angaben unmittelbar vor dem Abschluss.

Reale Kapazitätsgrenzen dämpfen Trumps Mengenzusagen

Die von der US-Administration genannten Volumina stoßen im Markt auf Skepsis. Trump kündigt eine Sofortlieferung von mehr als 300.000 Tonnen an, gefolgt von 500.000 Tonnen im November 2026 und monatlich einer Million Tonnen in den Folgemonaten. Rechnerisch deckt die Initialmenge von 300.000 Tonnen den US-Dieselverbrauch jedoch lediglich für rund 14 Stunden ab.

Zudem entspricht das Gesamtvolumen der ersten beiden Monate von 800.000 Tonnen nur einem Bruchteil des russischen Gesamtexports: Moskau exportierte 2025 über 30 Millionen Tonnen Diesel.

Gleichzeitig schränken Raffinerieschäden die russische Produktion ein. Nach Schätzungen von Branchenanalysten sind infolge ukrainischer Drohnenangriffe bis zu 45 Prozent der Raffineriekapazitäten beschädigt. Die Internationale Energieagentur (IEA) beziffert den Rückgang der russischen Dieselproduktion auf rund 30 Prozent.

Bei einer Gesamtproduktion von etwa 1,4 Millionen Barrel pro Tag und einem Inlandsverbrauch von rund 1,2 Millionen Barrel täglich verbleibt rechnerisch ein Exportüberschuss von rund 200.000 Barrel pro Tag. Analysten bezweifeln daher, dass Russland die zugesagten Mengen über den Eigenbedarf hinaus kontinuierlich in die USA verschiffen kann.

Scharfe Kritik aus Kiew und Streit über europäische Zahlungen

Politisch löst das Abkommen erhebliche Proteste aus. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnet die Maßnahme als Investition in die Fortsetzung des Krieges und kritisiert das US-Vorgehen. Im US-Kongress formiert sich parteiübergreifender Widerstand. Zu den Kritikern zählen der Demokrat Gregory Meeks sowie der republikanische Abgeordnete Michael McCaul.

Die US-Regierung verteidigt die Öffnung. US-Finanzminister Scott Bessent wirft europäischen Verbündeten Heuchelei vor: Europa finanziere Moskau weiterhin durch Energiebezüge, verwehre den USA jedoch eine Entlastung bei den Treibstoffkosten. Vizeregierungschef Nowak verweist auf konkrete Zahlen.

Nach Moskauer Angaben flossen seit 2022 rund 320,7 Milliarden US-Dollar aus Verkäufen von Öl und Gas aus EU-Staaten nach Russland. Allein in den ersten drei Quartalen 2026 beliefen sich die Erlöse über bestehende Pipeline-Ausnahmen und LNG-Lieferungen auf 21,3 Milliarden US-Dollar.

Logistische Risiken und Pläne für Tech-Investitionen

An den US-Märkten zeigt die Maßnahme erste Wirkung. Der Dieselpreis gab im Oktober 2026 leicht auf 6,20 bis 6,23 US-Dollar pro Gallone nach. Allerdings bremsen logistische Hürden den Handel: Die unsichere Lage im Schwarzen Meer treibt die Frachtraten, während internationale Reeder bei der Versicherung entsprechender Schiffsladungen zögern.

Gleichwohl deuten Gespräche zwischen Washington und Moskau an, dass die Kooperation über den Treibstoffsektor hinausreicht. Der russische Investitionsbeauftragte Kirill Dmitrijew, der über Monate vertrauliche Gespräche mit US-Sondergesandten führte, signalisiert Interesse an Folgeprojekten. Diskutiert werden gemeinsame Investitionen in Rechenzentren und deren Energieversorgung mittels kleiner modularer Kernreaktoren (SMR).

Marktteilnehmer beobachten nun die Wochen nach den Kongresswahlen. Entscheidend bleibt, ob die Lieferungen logistisch tatsächlich realisiert werden oder ob die General License No. 135 in erster Linie ein kurzfristiges politisches Signal im Wahlkampf darstellt.