Die unzureichende Ladeinfrastruktur für elektrische Lastwagen entwickelt sich zunehmend zum Engpass für die Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs in Deutschland. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) beurteilt den Ausbau als zu langsam und fordert einen „Ausbauturbo“, um den Markthochlauf emissionsfreier Nutzfahrzeuge zu beschleunigen. Bis Juli 2026 sind lediglich 88 Standorte mit 355 Ladepunkten für schwere Nutzfahrzeuge in Deutschland in Betrieb.
Bis 2030, so der VDA, ist ein deutlich höherer Bedarf zu erwarten.
VDA-Präsidentin Hildegard Müller bezeichnet die mangelnde Ladeinfrastruktur als „den zentralen Engpass für den Markthochlauf elektrischer Nutzfahrzeuge“. Auch der schleppende Ausbau der Stromnetze erschwert die Transformation des Straßengüterverkehrs. Müller stellt fest, die Bundesregierung habe grundsätzlich die richtigen Hebel in Bewegung gesetzt, müsse jetzt aber den „Ausbauturbo zünden“.
International hat sich der Absatz von E-Lastwagen und E-Bussen im Jahr 2025 fast verdoppelt; rund eine halbe Million solcher Fahrzeuge wurden verkauft, wobei China den Weltmarkt dominiert.
Weit hinter den Zielen
Die Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur (NLL) plant bis 2030 insgesamt 4.200 öffentliche Ladepunkte in Deutschland. Diese Zahl liegt nach Einschätzung des VDA hinter dem tatsächlichen Bedarf zurück. Der VDA rechnet allein für Deutschland mit rund 4.000 MCS-Ladesäulen (Megawatt Charging System).
Solche leistungsstarken MCS-Ladesäulen sind notwendig, damit E-Lastwagenfahrer im Fernverkehr die gesetzlich vorgeschriebenen Lenk- und Pausenzeiten zum Laden nutzen können.
Stand Juli 2026 ist weniger als ein Zehntel der von der NLL geplanten Ladepunkte in Betrieb. Der europäische Branchenverband ACEA fordert bis 2030 etwa 35.000 öffentliche Schnellladepunkte. Die AFIR-Vorgaben der Europäischen Union sehen dagegen rund 2.000 Lastwagen-Ladestandorte mit einer Mindestleistung von jeweils 3.600 Kilowatt pro Standort vor.
Der VDA hält diese Vorgaben für unzureichend und prognostiziert europaweit einen Bedarf von bis zu 50.000 Lastwagen-geeigneten Ladepunkten bis 2030.
Private Infrastruktur als Schlüssel
Neben der öffentlichen Ladeinfrastruktur ist der Ausbau auf Betriebshöfen von großer Bedeutung. Der VDA rechnet mit einem Gesamtbedarf von knapp 14 Gigawatt Ladeleistung bis 2030. Davon decken die öffentlichen Ausbaupläne lediglich 2,6 Gigawatt ab. Mehr als 11 Gigawatt müssen demnach privat bereitgestellt werden.
Unternehmen stoßen bei diesem Ausbau auf diverse Hürden. Netzanschlüsse sind oft mit hohen Kosten, langen Genehmigungsverfahren und Unsicherheiten verbunden. Die Erweiterung der Anschlüsse kann in Einzelfällen bis zu zehn Jahre dauern.
Thomas Steinlein, Logistik-Geschäftsführer von EDEKA Minden, führt aus, ein Elektro-Lastwagen koste doppelt so viel wie ein Dieselfahrzeug. Mit der aktuell bereitgestellten Netzanschlussleistung könnten an den Standorten im Schnitt kaum mehr als zehn Fahrzeuge gleichzeitig geladen werden.
Deutsche Nutzfahrzeughersteller liefern bereits emissionsfreie Lösungen, darunter batterieelektrische Lastwagen mit Reichweiten von über 500 Kilometern sowie Wasserstofffahrzeuge mit 700 bis 800 Kilometern Reichweite. Der Anteil elektrischer Lastwagen an den jährlichen Neuzulassungen liegt derzeit bei rund zwei Prozent. Um Strafzahlungen für Lastwagen-Hersteller ab 2030 zu vermeiden, müssten 35 bis 40 Prozent aller Neuzulassungen elektrisch sein.
Das entspricht einem Bau von 750 bis 800 Ladestationen pro Monat in Europa. In Baden-Württemberg beispielsweise wird der Ausbau von Ladesäulen an lediglich sechs Rastplätzen nicht vor 2032 fertiggestellt.
Konflikt um Technologieoffenheit
Das Bundesumweltministerium lehnt eine zusätzliche gesetzliche Förderung von Biogas im Verkehr ab. Als Begründung führt es an, die Elektrifizierung sei als Dekarbonisierungsoption verfügbar. Diese Haltung steht im Widerspruch zur Forderung nach Technologieoffenheit, wonach die Politik die Art der CO₂-Reduktion den Unternehmen überlassen sollte.
EDEKA Minden-Hannover hat 550 Schwerlastwagen auf Bioflüssiggas umgestellt und plant weitere 100 Fahrzeuge dieser Art. Das Unternehmen gibt an, Elektro-Lastwagen seien wegen fehlender Infrastruktur und hoher Kosten derzeit keine praktikable Option.
Das Gemeinschaftsunternehmen Milence treibt indes den Aufbau von Ladeinfrastruktur für Nutzfahrzeuge voran. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und das Bundesverkehrsministerium haben eine Verwaltungsvereinbarung zur Sicherheit von Ladeinfrastruktur geschlossen. Das BSI benennt zudem konkrete Schutzmaßnahmen für öffentliche Ladeinfrastruktur.
Der VDA fordert die Bundesregierung auf, regulatorische Anforderungen stärker an den tatsächlichen Markthochlauf zu koppeln und die Planung für Lastwagen-Ladeinfrastruktur an Autobahnrastanlagen zu beschleunigen. Der von der Europäischen Kommission für Juli 2026 angekündigte Aktionsplan zur Elektrifizierung könnte zusätzliche Impulse in diesem Bereich setzen und die weitere Entwicklung beeinflussen.







