Volkswagen nimmt die Personalkosten der Stammbelegschaft ins Visier und plant deutliche Einsparungen bei variablen Gehaltsboni. Der Wolfsburger Automobilkonzern reagiert damit auf anhaltenden Margendruck und die Debatte um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland. Der Schritt birgt politischen Zündstoff, da der Konzern parallel dazu Milliardensummen an seine Aktionäre ausschüttet.

Das Lohnprivileg im Fokus des Vorstands

Trotz der langwierigen Absatz- und Transformationskrise zahlt die deutsche Automobilindustrie im Branchenvergleich weiterhin überdurchschnittlich hohe Gehälter. Die Vergütungsstrukturen der Stammbelegschaften heben sich spürbar vom Rest der industriellen Landschaft ab. Bei Volkswagen plant das Management nun, dieses Gefälle abzubauen.

Vor allem variable Gehaltsbestandteile und übertarifliche Boni stehen zur Disposition.

Historisch betrachtet besitzt dieser Lohnabstand eine lange Tradition. Bereits seit der ersten umfassenden Gehalts- und Lohnstrukturerhebung der amtlichen Statistik im November 1951 weist der Fahrzeugbau deutliche Aufschläge gegenüber Handwerk und Dienstleistungen auf. Diese Differenz bestätigt auch die modernisierte Verdiensterhebung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2022.

Im Konzernvorstand gilt das historisch gewachsene Lohnniveau inzwischen jedoch als struktureller Nachteil im globalen Wettbewerb.

Rotstift im Kerngeschäft, Milliarden für Aktionäre

Der aktuelle Sparkurs beschränkt sich nicht auf die Werkshallen und Entwicklungsbüros der Kernmarke. Das Management kürzt die Budgets über mehrere Unternehmensbereiche hinweg und überprüft dabei auch Engagements im Sportsponsoring, darunter die finanzielle Unterstützung des Bundesligisten VfL Wolfsburg.

Gleichzeitig wirft die Kapitalallokation des Konzerns grundlegende Fragen bei den Arbeitnehmervertretern auf. Für das Geschäftsjahr 2023 wies die Volkswagen AG einen Bilanzgewinn von 4.525.522.523,61 Euro aus. Auf der ordentlichen Hauptversammlung am 29.

Mai 2024 beschlossen Vorstand und Aufsichtsrat eine Dividendenausschüttung von rund 4,524 Milliarden Euro an die Anteilseigner. Die Dividende belief sich auf 9,00 Euro je dividendenberechtigter Stammaktie, was einer Gesamtsumme von 2.655.808.362,00 Euro entspricht. Für die Vorzugsaktien flossen 9,06 Euro je Papier, insgesamt 1.868.221.331,70 Euro.

Als Gewinnvortrag auf neue Rechnung verblieben lediglich 1.492.829,91 Euro.

Dieser Kontrast zwischen milliardenschweren Kapitalrückflüssen an Großaktionäre und Sparvorgaben bei den Personalkosten belastet das Kontrollgremium. Der Aufsichtsrat der Volkswagen AG besteht aus 20 Mitgliedern und ist paritätisch mit jeweils zehn Vertretern der Anteilseigner und der Arbeitnehmer besetzt. Das Land Niedersachsen hält mindestens 15 Prozent der Stammaktien und beansprucht satzungsgemäß zwei Aufsichtsratsmandate.

Auf der Hauptversammlung standen zudem die Wiederwahlen von Dr. Hessa Sultan Al Jaber, Dr. jur. Hans Michel Piëch und Dr. jur.

Ferdinand Oliver Porsche auf der Agenda, was die bestehenden Machtverhältnisse im Kontrollgremium festigte.

Strukturfragen der Vergütungssysteme

Die Diskussion um die Gehaltszusätze verdeutlicht eine tiefe Zweiteilung in der deutschen Unternehmenslandschaft. Außerhalb der tarifgebundenen Automobilindustrie setzen kleine und mittlere Betriebe zunehmend auf steuerfreie oder steueroptimierte Gehaltsextras. Unternehmen nutzen digitale Plattformen wie Circula, um Ausgabenmanagement und gesetzliche Sachbezüge zu kombinieren, wodurch sich der Nettolohn ohne Erhöhung der tariflichen Bruttogrundkosten stützen lässt.

Bei Volkswagen stellt sich die Situation spiegelbildlich dar. Der Konzern ringt mit jahrzehntelang garantierten, übertariflichen Leistungszusagen und Erfolgsbeteiligungen. Die Konzernführung versucht nun, diese fixen und variablen Zusatzkosten abzubauen, um die Fixkostenbasis dauerhaft zu senken.

Für die Wolfsburger Belegschaft bedeutet der geplante Eingriff spürbare Einschnitte in das jährliche Einkommensniveau.

Weichenstellung für anstehende Tarifrunden

Die geplante Kürzung der Boni verschärft die Verteilungskonflikte am Stammsitz. Während die Dividendenausschüttung am 4. Juni 2024 planmäßig an die Investoren abfloss, bestimmen die Verhandlungen über die Personalkosten die Agenda der kommenden Monate.

Branchenbeobachter und Arbeitsmarktexperten richten ihren Blick auf die anstehenden Verhandlungen mit der IG Metall und dem Betriebsrat. Zentral bleibt die Frage, in welchem Umfang die Arbeitnehmerseite Einschnitte bei variablen Gehaltsbestandteilen mitträgt, ohne im Gegenzug langfristige Standort- und Beschäftigungsgarantien einzufordern. Die kommenden Verhandlungsrunden entscheiden darüber, ob Volkswagen seine Kostenstruktur nachhaltig an das Niveau internationaler Wettbewerber angleichen kann.