Der deutsche Immobilienmarkt zieht die Aufmerksamkeit von Justiz und Öffentlichkeit auf sich. Während die Politik in Berlin über die Rolle großer Wohnungsunternehmen debattiert, sehen sich verschiedene Akteure des Sektors mit Vorwürfen und Ermittlungen konfrontiert. Die Bandbreite der Anschuldigungen reicht von umstrittenen Geschäftspraktiken sogenannter Immobilien-Influencer bis zu mutmaßlichen Betrugsfällen und Korruptionsvorwürfen.
Vonovia im Zentrum der Enteignungsdebatte
In Berlin steht Luka Mucic, Vorstandschef des Immobilienkonzerns Vonovia, im Zentrum einer politischen Debatte. Die Linke in Berlin verfolgt Pläne zur Vergesellschaftung profitorientierter Immobilienfirmen. Luigi Pantisano, Chef der Linken in Berlin, bezeichnete Mucic als „Kopf der Mietmafia“. Mucic weist diese Titulierung zurück.
Er betont, dass Vonovia „Teil der Lösung“ sei und in Neubau sowie Bestand investiere. Das Unternehmen besitzt nach eigenen Angaben rund 130.000 Wohnungen in Berlin, etwa 1.000 davon sind derzeit im Bau. Die Bestandsmiete liegt bei Vonovia in Berlin bei 8,26 Euro, die Neuvertragsmiete bei 10,80 Euro.
Vonovia investiert in diesem Jahr 539 Millionen Euro in den Berliner Bestand und vergibt 37 Prozent der Neuvermietungen an Mieter mit Wohnberechtigungsschein.
Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zur Vergesellschaftung kommt zu dem Ergebnis, dass Enteignungen den Markt zwar dämpfen, den Wohnungsmangel aber nicht beheben. Sie zeigen zudem Risiken für Investitionen und Neubau auf. Mucic weist darauf hin, dass Vonovia bei verlässlichen Bedingungen rund 20.000 neue Wohnungen aus dem eigenen Bestand bauen könnte, sofern Baurecht und Kapitalkosten dies zulassen.
„Immo Tommy“: Vorwürfe gegen Immobilien-Influencer
Gegen den Immobilien-Influencer Tomislav Primorac, bekannt als „Immo Tommy“, richten sich Vorwürfe, Käufer getäuscht und betrogen zu haben. Kunden fühlen sich durch Geschäftspraktiken geschädigt. Gutachten und Dokumente sollen schlechte Zustände und überhöhte Verkaufspreise der vermittelten Immobilien belegen.
Der Hamburger Verbraucheranwalt Achim Tiffe spricht von einem Verdacht auf „arglistige Täuschung“. Alexander Krolzik von der Verbraucherzentrale Hamburg kritisiert „katastrophale“ Verträge, die an Schrottimmobilien erinnern.
Primorac weist die Vorwürfe zurück. Er war zeitweise nicht für eine ausführliche Stellungnahme erreichbar. Seine behaupteten Zahlen – Jahresprovisionen von mehr als 16 Millionen Euro und ein Vermittlungsvolumen von über 300 Millionen Euro – sind bislang nicht belegt.
Michael Tojner: Betrugsverdacht in Österreich
Im österreichischen Immobilienmarkt erhebt das Land Burgenland Vorwürfe gegen den Investor Michael Tojner wegen schweren Betrugs und Untreue. Es geht um die ehemals gemeinnützigen Gesellschaften Riedenhof und Gesfö. Das Land spricht von einem Schaden von bis zu 40 Millionen Euro.
Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) ließ Immobilien im Wert von 140 Millionen Euro gerichtlich beschlagnahmen. Tojner bestreitet die Vorwürfe. Er erklärt, er sei erst im März 2017 Eigentümer der Reste der Gesellschaften geworden und habe zu Zeitpunkten des Entzugs der Gemeinnützigkeit keine direkte oder indirekte Gesellschafterstellung innegehabt.
German Property Group: Anlagebetrug mit Denkmalimmobilien
Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt im Zusammenhang mit der German Property Group (ehemals Dolphin Capital Trust) wegen des Verdachts auf Anlagebetrug gegen drei Personen. Es wird von einem möglichen Schaden in Milliardenhöhe berichtet. Die GPG bot Anlegern denkmalgeschützte Immobilien zur Sanierung und Weiterveräußerung an.
Kritiker führen an, dass Teile der Objekte verfielen. Die BaFin weist Vorwürfe zurück, sie habe nicht eingegriffen. Die Behörde verweist auf die Einschätzung, dass die Anleihen ab 100.000 Euro nur an institutionelle Anleger angeboten wurden und keine Prospektpflicht für deutsche Kleinanleger bestand.
Breite der Ermittlungen reicht über Immobilien hinaus
Die Ermittlungen beschränken sich nicht auf klassische Immobilienfälle. Gegen den 22-jährigen Krypto-Investor Dadvan Yousuf laufen Ermittlungen wegen gewerbsmäßigen Betrugs und Geldwäsche. Er soll Anleger zum Kauf einer eigenen Kryptowährung bewegt und sie über Vermögensanlagen sowie einen angeblich erfundenen Algorithmus getäuscht haben.
Auch politische Akteure stehen unter Ermittlungsverdacht. Gegen Steffen Krach, SPD-Spitzenkandidat in Berlin, läuft ein Verfahren wegen des Verdachts der Bestechlichkeit im Zusammenhang mit einer Spende in Höhe von 9.900 Euro. Im Sport berichten die Quellen von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen Funktionäre des Deutschen Turner-Bundes und des Schwäbischen Turnerbunds wegen des Verdachts der vorsätzlichen Körperverletzung und Nötigung in mehreren Fällen.
Ausblick: Gestiegener Prüfungsdruck und Fokus auf Transparenz
Die gesammelten Fälle deuten auf eine verstärkte Aufmerksamkeit von Strafverfolgung und Aufsicht in unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen hin. Dies verschiebt den Fokus stärker auf Fragen der Transparenz und die Überprüfung von Geschäftspraktiken – sowohl bei klassischen Immobilienakteuren als auch in angrenzenden Bereichen wie Krypto und Finanzierungsvehikeln. Der Fall Vonovia zeigt, dass politische Debatten über Besitzverhältnisse und Mieterrechte den öffentlichen Druck auf große Wohnungsunternehmen erhöhen können.
Es bleibt abzuwarten, ob und wie die laufenden Verfahren zu rechtlichen Konsequenzen führen. Die Ergebnisse der Ermittlungen werden zeigen, welche Anpassungen in den jeweiligen Sektoren erforderlich sind.







