Führende Finanzexperten an der Wall Street äußern zunehmend Bedenken hinsichtlich einer möglichen „KI-Blase“. Sie warnen vor einer bevorstehenden Marktkorrektur. Während die Euphorie um Künstliche Intelligenz die Märkte antreibt, ziehen Beobachter Parallelen zur Dotcom-Blase und mahnen zur Vorsicht.

Warnsignale von der Wall Street

Die Skepsis gegenüber der aktuellen KI-Euphorie wächst unter prominenten Finanzgrößen. Jeffrey Gundlach, Chef von DoubleLine Capital, bezeichnet die aktuelle Marktlage als die ungesündeste seiner Karriere. Er rät dazu, 20 Prozent des Portfolios in liquiden Mitteln zu halten, da er sowohl Aktien als auch Anleihen als überbewertet ansieht.

Ray Dalio, Gründer von Bridgewater Associates, sieht die Märkte im Blasenbereich. Einen direkten Auslöser für ein Platzen kann er jedoch nicht benennen. John Waldron, Präsident der Goldman Sachs Group, warnte auf Konferenzen davor, dass die Märkte anfällig für weitere Rückgänge sind.

Jamie Dimon, CEO von JPMorgan, äußerte ebenfalls Sorge über gestiegene Vermögenspreise. Er mahnte, dass KI zwar real ist, sich aber nicht für alle Akteure profitabel auswirken wird. Eine Umfrage der Bank of America unter rund 200 Fondsmanagern, die knapp 500 Milliarden US-Dollar verwalten, identifizierte eine „KI-Aktienblase“ als größtes globales Risiko.

Die Bank of England warnt zudem vor einer möglichen scharfen Marktkorrektur im KI-Sektor.

Überzogene Bewertungen und hohe Kapitalbindung

Ein Kritikpunkt betrifft die hohen Bewertungen von KI-Unternehmen und die immensen Kapitalanforderungen für den Ausbau der Infrastruktur. Eine Studie des MIT stellte fest, dass 95 Prozent der Unternehmensprojekte mit generativer KI bislang keinen Gewinn erwirtschaftet haben. Marko Kolanovic, ehemals bei J.P. Morgan, kommentierte diese Ergebnisse mit den Worten: „Das klingt nach einer Blase.“

Analysen zeigen, dass die Installation von Grafikprozessoren deutlich mehr Kapital erfordert als frühe Cloud-Plattformen. Studien kommen auf etwa das Sechsfache, um eine vergleichbare Wertschöpfung zu erzielen. Ein investierter US-Dollar generiert im Schnitt nur 0,2 US-Dollar Nettobarwert, während Cloud-Projekte rund 1,4 US-Dollar pro investiertem Dollar erreichten.

Für den Betrieb der benötigten KI-Rechenzentren ist ein Jahresumsatz von etwa zwei Billionen US-Dollar als erforderlich genannt.

Gleichwohl flossen im Jahr 2025 rund 192,7 Milliarden US-Dollar Risikokapital in KI-Startups. Prognosen deuten darauf hin, dass 2025 das erste Jahr sein könnte, in dem mehr als die Hälfte des Risikokapitals in die KI-Branche fließt. OpenAI, Meta und xAI planen Berichten zufolge in den nächsten fünf bis zehn Jahren Ausgaben, die insgesamt zwischen einer und 2,2 Billionen US-Dollar liegen sollen.

Meta plant demnach bis zum Jahr 2028 rund 600 Milliarden US-Dollar in KI-Projekte. Microsoft hat rund 90 Milliarden US-Dollar für KI veranschlagt.

Rolle der „Magnificent 7“ und Tech-Giganten

Die Marktentwicklung tragen maßgeblich einige wenige Tech-Giganten. Der S&P 500 legte seit Jahresbeginn knapp fünf Billionen US-Dollar an Marktkapital zu. Die „Magnificent 7“ – Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla – waren für über 40 Prozent dieses Zuwachses verantwortlich.

Der S&P 500 handelt nach verfügbaren Daten mit dem rund 23-fachen seiner erwarteten Gewinne; der Fünf-Jahres-Durchschnitt liegt bei etwa 20.

Die Nvidia-Aktie notierte Mitte Oktober 2025 gut 24 Prozent über ihrer 200-Tage-Linie. Sie verzeichnete im Jahr 2025 einen Kursanstieg von rund 40 Prozent. Nvidia meldete Quartalsumsätze von 46,7 Milliarden US-Dollar.

Die Einnahmen aus dem Bereich Rechenzentren stiegen um 56 Prozent auf 41,1 Milliarden US-Dollar. Nach den Rekordergebnissen fiel die Aktie im nachbörslichen Handel um fast drei Prozent. Microsofts Aktie stieg im Jahr 2025 um etwa 25 Prozent, Meta um rund 22 Prozent, Amazon um etwa drei Prozent.

Uneinigkeit über Ausmaß und Natur der Blase

Die Meinungen über das Ausmaß einer möglichen Korrektur und die Natur einer möglichen Blase gehen auseinander. Sam Altman, CEO von OpenAI, räumte ein, dass Investoren „übermäßig begeistert“ von KI sind. Er sagte, „smarte Leute sich über einen Kern von Wahrheit zu sehr aufregen“.

OpenAI wurde am 2. Oktober 2025 mit 500 Milliarden US-Dollar bewertet. Altman sprach zugleich von geplanten großen Investitionen in KI-Serverfarmen.

Jeff Bezos warnte am 2. Oktober 2025 vor einer „industriellen Blase“ im KI-Sektor und zog Parallelen zum Dotcom-Crash. David Einhorn sprach von der Möglichkeit einer „riesengroßen Kapitalvernichtung“.

Roger McNamee bezeichnete die aktuelle Entwicklung als „größer als alle früheren Tech-Blasen zusammen“. Dagegen sieht Jensen Huang, CEO von Nvidia, keine Parallelen zur Dotcom-Blase und erwartet weiter steigende Nachfrage nach KI-Chips. Pat Gelsinger sagte, eine Blase sei denkbar, deren Platzen aber noch Jahre dauern könnte.

Peter Oppenheimer, Chef-Stratege von Goldman Sachs, argumentiert, die Bewertungen lägen nicht annähernd auf Dotcom-Niveau. Die Kurssteigerungen seien durch Gewinne untermauert.

Ausblick auf die weitere Entwicklung

Die Einschätzungen der Wall Street signalisieren eine volatile Phase für den KI-Sektor. David Solomon, CEO von Goldman Sachs, hält Rückgänge an den Aktienmärkten von 10 bis 20 Prozent in den nächsten 12 bis 24 Monaten für wahrscheinlich. Ted Pick von Morgan Stanley erwartet eine Korrektur von 10 bis 15 Prozent in diesem Zeitraum.

Beobachter nennen Quartalsberichte und die weitere Entwicklung der Investitionen in KI-Infrastruktur als relevante Faktoren für die Frage, wie nachhaltig die aktuellen Bewertungen sind. Der Markt bleibt gespalten zwischen Erwartungen an die Technologie und Warnungen vor übermäßiger Spekulation.