Trotz eines Anstiegs der Baugenehmigungen im ersten Halbjahr 2026 bleibt die Lage im deutschen Wohnungsbau angespannt. Insgesamt genehmigten Behörden 126.300 Wohnungen. Dies entspricht einem Plus von 15,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und markiert den stärksten Zuwachs seit 2016.
Branchenvertreter und Experten warnen jedoch vor voreiligem Optimismus. Sie betonen, dass die strukturelle Wohnungsbaukrise, gekennzeichnet durch ein massives Wohnungsdefizit, weiterhin besteht.
Ein Hoffnungsschimmer auf niedrigem Niveau
Das Statistische Bundesamt weist für das erste Halbjahr 2026 die Genehmigung von 126.300 Wohnungen aus, 16.600 Einheiten mehr als im ersten Halbjahr 2025. Allein im Juni 2026 stiegen die Genehmigungen um 13,8 Prozent auf 21.600 Wohnungen. Dieser Zuwachs erfolgt von einem besonders niedrigen Niveau der Jahre 2024 mit 106.700 Wohnungen und 2025 mit 109.800 Wohnungen.
Im ersten Halbjahr 2016 lag die Zahl der genehmigten Wohnungen noch bei 182.800.
Den größten Anteil am Anstieg verzeichnen Neubau-Wohngebäude mit 103.100 genehmigten Wohnungen, ein Plus von 15,8 Prozent. Innerhalb dieser Kategorie sind Mehrfamilienhäuser mit 67.000 Einheiten und einem Zuwachs von 16,9 Prozent der stärkste Treiber. Auch Einfamilienhäuser legten um 12,7 Prozent auf 24.000 Einheiten zu.
Zweifamilienhäuser verbuchten einen Zuwachs von 27,3 Prozent auf 7.700 Einheiten.
Wohnungen in neuen Nichtwohngebäuden verzeichnen ein Plus von 42,7 Prozent. Parallel dazu legten Umbaumaßnahmen an Bestandsgebäuden mit 20.800 genehmigten Wohnungen um 9,2 Prozent zu. Die Baupreise für Wohngebäude erhöhten sich derweil im Mai 2026 um 5,0 Prozent im Jahresvergleich, was die Kosten für Bauherren weiter steigen lässt.
Strukturelle Defizite bestehen fort
Trotz der positiven Genehmigungszahlen bleibt die Stimmung in der Baubranche verhalten. Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) erklärt: „Wir kommen von einem niedrigen Niveau, und wir sind noch längst nicht dort, wo dieses Land beim Wohnungsbau stehen muss.“ Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, bezeichnet die Zahlen als zwiespältig.
Er warnt, die Wohnungsbaukrise sei „noch nicht überwunden“.
Ähnlich äußert sich Felix Pakleppa vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe. Er spricht von ersten Anzeichen einer Erholung, aber keiner echten Trendwende. Das strukturelle Wohnungsdefizit in Deutschland beziffert das Pestel-Institut auf 1,35 Millionen Wohnungen zum Ende des vergangenen Jahres 2025.
Regional sind die Engpässe gravierend. Nordrhein-Westfalen weist ein Defizit von 364.000 Wohnungen auf, Bayern 220.000 und Baden-Württemberg 201.000. Berlin benötigt bis zu 60.000 zusätzliche Wohnungen.
Um den Bedarf nachhaltig zu decken, wären jährlich 400.000 Fertigstellungen notwendig.
Die tatsächlichen Fertigstellungszahlen fallen jedoch weit unter diesen Wert. Im Jahr 2025 wurden lediglich 206.600 Wohnungen fertiggestellt, das sind 84.600 weniger als noch 2023. Das Ifo‑Institut rechnet für das laufende Jahr 2026 mit nur rund 185.000 Fertigstellungen.
Dies wäre der tiefste Stand seit 15 Jahren. Katharina Metzger, Präsidentin des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB), bekräftigt diese Prognose: „Der Absturz beim Wohnungsbau ist fatal.“
Wirtschaftliche Folgen und politische Reaktionen
Der Einbruch im Wohnungsbau zwischen 2023 und 2025 hat spürbare Auswirkungen auf die deutsche Gesamtwirtschaft. Laut Pestel-Institut belaufen sich die Netto-Umsatzverluste für die Baubranche auf 26,9 Milliarden Euro. Das Bruttoinlandsprodukt sank um 0,6 Prozentpunkte.
Der Staat verzeichnete Steuerausfälle von sieben Milliarden Euro, davon 5,1 Milliarden Euro Umsatzsteuer und 1,9 Milliarden Euro Grunderwerbsteuer.
Matthias Günther, Leiter des Pestel-Instituts, betont: „Wirtschaftswachstum funktioniert nur mit mehr Wohnungsbau.“ Er spricht von einem Wohlstandsverlust von mindestens einem Prozent in den vergangenen zwei Jahren. Die Politik reagiert mit verschiedenen Maßnahmen.
Die Bundesregierung beschloss im Oktober 2025 den sogenannten „Bau‑Turbo“, der schnellere Genehmigungen durch Nachverdichtung, Aufstockung, Erweiterung und Umnutzung ermöglichen soll. Bundesbauministerin Hubertz wertet den Anstieg als Bestätigung dieser Politik. Sie kündigt mehr Geld für den sozialen Wohnungsbau, weiteren Bürokratieabbau sowie die Gründung einer neuen Wohnungsbaugesellschaft des Bundes an.
Auch die Einführung des Gebäudetyps E ist für Ende 2026 vorgesehen. Er soll einfachere Bau‑Standards ermöglichen. Kritiker wie Katharina Metzger bezeichnen den Bau‑Turbo als „Gelegenheitsturbo“, dessen Wirkung von der Umsetzung durch die Kommunen abhänge.
Tim‑Oliver Müller fordert einen „BauTurbo II“ mit stärkerer Förderung für energieeffiziente Gebäude, höheren Sonderabschreibungen und eigenkapitalunterstützenden Darlehen. Gleichzeitig warnt er vor einer schärferen Mietenregulierung oder „Vergesellschaftungsfantasien“, die Investoren verunsichern könnten. Jan‑Marco Luczak (CDU) warnt ebenfalls, dass Debatten um Enteignungen ein „Todesstoß für den Wohnungsbau“ sein könnten.
Ausblick: Zwischen Hoffnung und Realismus
Die aktuellen Zahlen der Baugenehmigungen stellen ein positives Signal dar, das die Bundesregierung als Erfolg ihrer Maßnahmen wertet. Branchenvertreter dämpfen jedoch die Euphorie. Sie weisen darauf hin, dass eine Genehmigung nicht gleichbedeutend mit einer Fertigstellung ist.
Thomas Reimann vom Verband baugewerblicher Unternehmer Hessen merkt an, dass genehmigte Projekte bei sich verschlechternden Rahmenbedingungen storniert werden können. Die Herausforderungen hoher Baukosten und ungünstiger Finanzierungskonditionen bestehen fort.
Die für 2026 erwarteten Fertigstellungszahlen von nur rund 185.000 Wohnungen verdeutlichen, dass der Weg zur Deckung des Wohnbedarfs noch weit ist. Diskussionen über die Wirksamkeit politischer Maßnahmen, geplante Kürzungen von Fördermitteln auf Bundesebene und Forderungen nach weiterer Bürokratieentlastung werden die Debatte um den deutschen Wohnungsbau prägen. Branche und Politik stehen vor der Aufgabe, den aktuellen Aufschwung bei den Genehmigungen in tatsächlichen Wohnraum umzuwandeln, um das massive Wohnungsdefizit strukturell zu beheben.
Die kommenden Monate werden zeigen, inwieweit der angekündigte Gebäudetyp E und weitere politische Initiativen eine nachhaltige Trendwende einleiten können.







