Robert Gentz, Co-CEO und Mitgründer von Zalando, fordert eine Neuorientierung für Europas Tech-Szene. Nach der Slush-Konferenz in Helsinki und in einem Handelsblatt-Interview plädiert Gentz für einen „europäischen Traum“. Dieser soll Europa als attraktiven Standort für Gründer und Talente stärken und die Entstehung weiterer europäischer Technologie-Champions fördern.

Gentz kritisiert Bürokratie und Regulierung als Hemmnisse, die unternehmerisches Handeln und Wachstum in Europa behindern.

Hemmnisse für Europas Gründerkultur

Gentz bemängelt, dass Europa zu oft aus einer negativen Perspektive startet. Die Leistung und Wertschöpfung heimischer Unternehmen werden unzureichend erklärt. Er sieht eine zu hohe bürokratische Belastung und Regulierungen, die europäische Firmen im Wachstum einschränken. Außereuropäische Anbieter konnten hingegen über Jahre hinweg Pakete zollfrei liefern.

Kapital, insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz und Rechenzentren, fließt aus Europa ab, so Gentz. Er bezeichnet den europäischen Binnenmarkt als noch nicht voll integriert. Die Macht der Regulierung werde oft überschätzt, während das Potenzial des Binnenmarktes unterbewertet bleibe. Beides schade Skalierung und Tempo.

Gentz’ Vision: Ein Umfeld für Innovation

Zur Verwirklichung des „europäischen Traums“ fordert Gentz innovationsfreundliche Regeln, mehr Kapital und eine positivere Einstellung gegenüber Unternehmertum. Er spricht sich für Bürokratieabbau aus. Zudem verlangt er gleiche Regeln für alle Marktteilnehmer in Europa, auch für Anbieter von außerhalb, und eine prioritäre Ausrichtung auf Innovation statt auf zusätzliche Regulierung.

Gentz fordert eine Harmonisierung der Regeln zur Erleichterung von Skalierung. Er plädiert für die Schließung von Schlupflöchern zugunsten außereuropäischer Wettbewerber und eine vorhersagbare, faire Durchsetzung von Regeln. Ein vollständig integrierter Kapitalmarkt soll Finanzierungen schneller zu innovativen europäischen Unternehmen leiten.

Überdies nennt er Investitionen in Produktivität, Qualifikationen, digitale Bildung und Upskilling.

Zalando als Blaupause

Gentz nennt Zalando als Beispiel dafür, dass europäischer Erfolg möglich ist. Das Unternehmen wurde 2008 in Berlin gegründet und gilt als Europas Online-Ziel für Mode und Lifestyle. Gentz verweist auf die internationale Belegschaft: Zalando beschäftigt Mitarbeitende aus mehr als 140 Nationen. In einem LinkedIn-Post erwähnt er aktuell mehr als 60 Millionen Kunden in 29 europäischen Märkten.

Zalando gilt als größter Arbeitgeber in Berlin. Das Unternehmen biete die B2B-Software Scayle an, die von Firmen wie Levi’s in den USA genutzt wird. Die Kreativplattform Highsnobiety betreibt Standorte in New York und Los Angeles.

Zalando übernahm den früheren Konkurrenten About You in einem Deal über 1,1 Milliarden Euro. Durch die Integration von Logistik, Bezahlung und Software werden Synergien von rund 100 Millionen Euro bis 2028 erwartet, ein Jahr früher als ursprünglich geplant. Der Zusammenschluss zielt auf Wachstum und Wertschöpfung ab, nicht auf Stellenabbau, betont Gentz.

Der Dax-Konzern tätigte zudem Aktienrückkäufe im Umfang von 300 Millionen Euro.

Ausblick

Gentz richtet seinen Appell an Politik und Wirtschaft. Europa soll als Standort für Gründer, Talente und Kapital attraktiver werden. Er fordert ein neues, positives Leitbild und konkrete Maßnahmen wie Bürokratieabbau, Kapitalmarktintegration und innovationsfreundlichere Regeln.

Wie die politischen Akteure auf diesen Appell reagieren, bleibt abzuwarten. Die Umsetzung dieser Forderungen entscheidet über die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Europas im globalen Tech-Sektor.