Die Aktie von Zalando setzt sich mit einem Monatsplus von knapp 20 Prozent an die Spitze des DAX. Der Berliner Modekonzern profitiert von einer doppelten Hebelwirkung: Neben einem neuen Großauftrag des britischen Einzelhändlers Marks und Spencer schlagen operative Effizienzgewinne durch Künstliche Intelligenz auf die Profitabilität durch. Der Kapitalmarkt bewertet damit den Wandel vom reinen Onlinehändler hin zu einem technologiegetriebenen Plattform- und Logistikdienstleister.

B2B-Infrastruktur als neuer Ertragshebel

Den jüngsten Kurssprung über die Marke von 26 Euro löst vorrangig die operative Expansion des B2B-Geschäfts aus. Zalando übernimmt für Marks und Spencer die Abwicklung der Onlinebestellungen in 22 europäischen Märkten. Über die eigene Logistik- und Schnittstelleninfrastruktur ZEOS monetarisiert der Konzern jedes gelagerte und versandte Paket.

Der Schritt lastet die bestehenden Distributionszentren besser aus und senkt die Fixkostenbasis des Konzerns. Strategisch stärkt die Kooperation das Firmenkundengeschäft. Während das Endkundengeschäft geringere Margen aufweist, wirtschaftet die B2B-Sparte deutlich profitabler.

Im ersten Halbjahr 2026 steuert das B2B-Segment knapp zehn Prozent zum Konzernumsatz bei und weist eine bereinigte EBIT-Marge von 10,5 Prozent auf.

Zum Vergleich: Das Endkundengeschäft kommt auf eine bereinigte EBIT-Marge von 3,5 Prozent. Damit liefert die B2B-Sparte nahezu ein Viertel des bereinigten operativen Konzerngewinns.

KI-Offensive senkt Retouren und Produktionskosten

Parallel zur B2B-Expansion greifen interne Effizienzprogramme. Ein zentraler Hebel ist die Reduktion der Retourenquote. Eine eigens trainierte Größen-KI, gestützt auf einen Datenbestand von mehr als einer Million Körpermaßen, verringert Rücksendungen bei Artikeln mit konkreter Größenempfehlung um rund acht bis zehn Prozent.

In Pilotprojekten reduzieren virtuelle Umkleidefunktionen via Smartphone-Scan die Rücksendewahrscheinlichkeit um bis zu 40 Prozent. Das betrifft vorrangig margensensible Kategorien wie Jeans, bei denen Retourenquoten von bis zu 65 Prozent verzeichnet werden.

Zudem modernisiert Zalando seine Logistikprozesse im laufenden Betrieb. In den Fulfillment-Zentren in Greven und im polnischen Świebodzin sind Zweiarm-Roboter des Startups Sereact zur autonomen Retourenbearbeitung im produktiven Einsatz. Zalando fungiert zugleich als Series-B-Investor bei Sereact. Das System erkennt und sortiert retournierte Waren weitgehend ohne menschlichen Eingriff.

Auch das Marketing nutzt zunehmend generative Modelle: Rund 90 Prozent aller Werbeinhalte auf der Plattform entstehen synthetisch. Produktionszyklen sinken von sechs Wochen auf wenige Tage, während das Unternehmen bei unveränderten Kosten rund 70 Prozent mehr Werbemittel ausspielt. Die Technologie vermarktet Zalando über Scayle Studios auch extern.

Mehr als 100 Modemarken nutzen dieses Angebot bereits.

Restrukturierung dämpft Nettoergebnis

Die operative Beschleunigung spiegelt sich in den Zahlen wider, wenngleich Sondereffekte das Bild trüben. Im ersten Halbjahr 2026 steigt der Konzernumsatz um 22,2 Prozent auf 6,42 Milliarden Euro, während das bereinigte EBIT um 16,1 Prozent auf 269,6 Millionen Euro zulegt. Im zweiten Quartal wächst der Nettogewinn um 23,6 Prozent auf 73,8 Millionen Euro.

Unter dem Strich verzeichnet Zalando für die ersten sechs Monate einen Nachsteuerverlust von 13,8 Millionen Euro. Ursache ist ein Restrukturierungsaufwand von 138,9 Millionen Euro, überwiegend bedingt durch die geplante Schließung des Logistikstandorts Erfurt. Rund 1.700 Beschäftigte sind davon betroffen.

Das Management bereinigt damit Überkapazitäten aus früheren Expansionsphasen, um die operative Kostenstruktur dauerhaft zu straffen.

Bei der Kapitalallokation setzt der Vorstand auf Disziplin. Co-CEO Robert Gentz erteilt Dividendenausschüttungen eine klare Absage. Freier Cashflow fließt vorrangig in Technologie, organisches Wachstum und Aktienrückkäufe.

Seit dem 12. März 2026 läuft ein Rückkaufprogramm über bis zu 20 Millionen Stückaktien mit einem Volumen von maximal 300 Millionen Euro zur anschließenden Einziehung. Berichte über angebliche Dividendenzahlungen mit zweistelliger Rendite beruhen auf technischen Datenfehlern einzelner Plattformen.

Analystenlob und Ausblick auf die Quartalszahlen

Trotz der Rally notiert die Aktie bei einer Marktkapitalisierung von rund 6,3 bis 6,7 Milliarden Euro weiterhin etwa 75 Prozent unter dem Allzeithoch vom Sommer 2021. Gemessen an den Gewinnerwartungen preist der Markt eine Erholung schrittweise ein. Für das Geschäftsjahr 2026 liegt das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis bei etwa 25,4, für 2027 rechnen Analysten mit einem Wert von rund 15,5.

Von 27 Analystenhäusern stufen 21 die Aktie mit „Kaufen“ ein und sechs mit „Halten“. Kein Institut empfiehlt derzeit den Verkauf. Die Kursziele reichen von 25 Euro durch Bernstein bis 44 Euro durch Goldman Sachs. Barclays und die Deutsche Bank taxieren das Papier auf 35 Euro, während Metzler ein Ziel von 38 Euro ansetzt.

Für das Gesamtjahr 2026 prognostiziert Zalando einen Umsatz von 13,8 bis 14,4 Milliarden Euro sowie ein bereinigtes EBIT von 660 bis 740 Millionen Euro. Ab 2028 sollen Synergien aus der Integration von ABOUT YOU das Gruppen-EBIT um jährlich 100 Millionen Euro steigern.

Ob der aktuelle Optimismus trägt, zeigt sich am 3. November 2026. Mit der Vorlage der Zahlen für das dritte Quartal muss Zalando belegen, wie tragfähig die Margengewinne im B2B-Geschäft gegenüber den konjunkturellen Risiken im europäischen Onlinehandel tatsächlich sind.