Sachsen-Anhalt steht vor einem verschärften Fachkräftemangel, der durch den demografischen Wandel und eine alternde Bevölkerung zunimmt. Aktuelle Umfragen zur Landtagswahl zeigen die AfD mit bis zu 43 Prozent in Führung. Eine AfD-geführte Landesregierung und ihre migrationspolitischen Vorstellungen könnten den Mangel an Arbeitskräften weiter akzentuieren und die Attraktivität des Bundeslandes als Wirtschaftsstandort mindern.
Demografischer Druck trifft auf politische Polarisierung
Sachsen-Anhalt sieht sich mit erheblichen demografischen Herausforderungen konfrontiert. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt 2024 bei über 48 Jahren. Das Ifo-Institut prognostiziert bis 2035 einen Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung um mehr als zwölf Prozent.
Das ist der stärkste Rückgang unter den Bundesländern. Derzeit kommt auf zwei altersbedingt ausscheidende Beschäftigte nur eine junge Arbeitskraft nach.
Bis 2036 erwartet man eine demografiebedingte Lücke von 170.000 Arbeitskräften. Diese Entwicklung belastet die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Bundeslandes. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner lag 2025 bei rund 38.450 Euro.
Damit liegt es deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von gut 53.500 Euro. Im Jahr 2025 schrumpfte das reale BIP des Bundeslandes um 0,2 Prozent, während die deutsche Wirtschaft insgesamt um 0,2 Prozent wuchs.
Parallel dazu rückt die politische Lage in den Fokus. Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt ist vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. In Umfragen zur Landtagswahl am 6.
September liegt die Partei mit bis zu 43 Prozent vorn. Ihre migrationspolitischen Positionen, etwa die Ablehnung der Zuwanderung sogenannter „kulturfremder Fachkräfte“ und der Fokus auf eine steigende Geburtenrate, könnten nach Einschätzung von Experten mit den Bedürfnissen der regionalen Wirtschaft kollidieren.
Fachkräftemangel als Realität
Der Arbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt hat einen akuten Bedarf an Zuwanderung. Markus Behrens, Geschäftsführer der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt‑Thüringen der Bundesagentur für Arbeit, erklärt: „Wir wissen, dass wir im letzten Jahr in Sachsen-Anhalt nur ein Drittel der Kinder von 1990 geboren haben. Deswegen ist es für uns wichtig, dass wir durch das Thema Zuwanderung die Lücke schließen, um die Unternehmen in die Lage zu versetzen, auf entsprechende Fachkräfte zurückzugreifen.“
Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung beziffert die Zahl der fehlenden qualifizierten Arbeitskräfte auf circa 14.000. Am Harzklinikum Quedlinburg kommt jeder dritte bis jeder vierte Arzt aus dem Ausland. Geschäftsführer Matthias Voth beschreibt die Besetzung ärztlicher Stellen als eine der größten Herausforderungen.
Das IW und das IWH weisen auf wirtschaftliche Folgen hin. Petra Grimm‑Benne, Arbeitsministerin Sachsen‑Anhalt, formulierte 2023 den Handlungsdruck: „Auf zwei Beschäftigte, die altersbedingt den Arbeitsmarkt verlassen, kommt derzeit nur eine junge Arbeitskraft nach.“ Das Leibniz‑Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) schätzt, dass ein fremdenfeindliches Klima in der nächsten Legislaturperiode zu einem Wertschöpfungsverlust von bis zu 3,2 Milliarden Euro für Sachsen‑Anhalt führen könnte.
Laut einer IW‑Studie stammten 2025 in Ostdeutschland 68,3 Milliarden Euro der Wirtschaftsleistung von Ausländern. Dies macht mehr als zehn Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung im Osten aus.
Wahrnehmung des Standortes und Investitionsrisiken
Das politische Klima beeinflusst die Attraktivität Sachsen‑Anhalts für Fachkräfte und Unternehmen. IAB‑Studien zeigen, dass hohe Stimmenanteile rechtsradikaler Parteien Arbeitskräfte abschrecken. Das gilt nicht nur für ausländische Fachkräfte, sondern auch innerhalb Deutschlands.
Christian Sassin, Geschäftsführer der Vermittlungsagentur Educaro, berichtet: „Mittlerweile kommen Fachkräfte auf mich zu, die sagen, dass sie nicht in bestimmte Regionen wollen, weil dort die AfD so stark ist.“ Er ergänzt, dass KI‑Sprachmodelle bei Anfragen zur Lage für Ausländer in Deutschland bei manchen Antworten empfehlen, Regionen im Osten zu meiden.
Cawa Younosi, Geschäftsführer der Charta der Vielfalt, sagt: „Ein Unternehmen kann gut bezahlen, Entwicklung ermöglichen und faire Bedingungen schaffen. Es kann aber kaum kompensieren, wenn ein Standort den Ruf bekommt, Menschen bestimmter Herkunft seien dort unerwünscht. Wenn Menschen nicht kommen oder nicht bleiben wollen, wandern Investitionen ab und irgendwann auch Unternehmen.“
Er mahnt zudem, den Bewerberkreis nicht weiter zu verkleinern.
Eine Umfrage der Plattform Jurafuchs unter Nachwuchsjuristen ergab, dass bei einer AfD‑Regierung in Sachsen‑Anhalt ein Rückgang von circa 70 Prozent bei Bewerbungen für den Staatsdienst zu erwarten wäre. Betroffen wären auch Bewerber, die bereits im Land oder nahe der Grenze leben.
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), warnt: „Ein Wahlsieg dieser gesichert rechtsextremen Partei in Sachsen‑Anhalt würde nicht nur die Demokratie empfindlich schwächen. Auch wirtschaftlich wäre der Schaden extrem hoch.“
Wirtschaftliche Politik der AfD in der Kritik
Die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der AfD in Sachsen‑Anhalt werden kontrovers bewertet. Das IWH stufte die Haushaltspläne der AfD als nicht finanzierbar ein und bezifferte eine Lücke von mindestens 2,2 Milliarden Euro. Die Partei verspricht zugleich neue Leistungen und Steuersenkungen ohne neue Schulden.
Die Haltung zum Euro ist umstritten. Das AfD‑Wahlprogramm von 2016 enthielt einen Austrittsplan. Parteichefin Alice Weidel vermied zuletzt eine klare Antwort zum Euro‑Austritt. Thorsten Alsleben von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) sagt dazu: „Der Euro ist Deutschlands wichtigster Standortvorteil als exportorientierte Wirtschaft.“
Ausblick: Wahlentscheidung mit weitreichenden Folgen
Die Landtagswahl am 6. September in Sachsen‑Anhalt kann weitreichende Konsequenzen für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes haben. Analysten, Verbände und Unternehmen beobachten die Entwicklungen mit Blick auf die Frage, wie politische Entscheidungen die Fähigkeit beeinflussen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, Investitionen anzuziehen und Wohlstand zu sichern.
Die Diskrepanz zwischen demografischen Herausforderungen und politischen Angeboten schafft eine komplexe Gemengelage, deren Auswirkungen sich in den kommenden Jahren zeigen dürften.







