Die Vision autonomer Software-Agenten, die selbstständig Produkte finden, vergleichen und Transaktionen abschließen, konkretisiert sich. Dieses Phänomen, bekannt als Agentic Commerce, prägt die Debatte im E-Commerce und verspricht bis zum Jahr 2030 ein globales B2C-Umsatzvolumen von bis zu fünf Billionen US-Dollar. Unternehmen wie Google, Shopify und OpenAI treiben die Entwicklung der technischen Infrastruktur voran.
Parallel stärken Plattformen wie TikTok ihre Rolle im voragentischen Kaufentscheidungsprozess.
Aufstieg der autonomen Agenten
Agentic Commerce beschreibt E-Commerce-Prozesse, in denen autonome KI-Agenten im Auftrag von Nutzern Kaufvorgänge abwickeln. Diese künstlichen Intelligenzen analysieren Präferenzen, suchen Produkte, vergleichen Angebote und führen Transaktionen aus. Im Unterschied zu traditionellen Chatbots oder Empfehlungssystemen können Agenten eigenständig ganze Ketten von Shopping-Aufgaben erledigen.
Sie sind in der Lage, Checkout-Sitzungen zu initiieren und abzuschließen.
Die Technologie befindet sich noch in einer frühen Phase. Derzeit beschränken sich die meisten Initiativen auf die agentische Entdeckung (Discovery). Hier schlägt die KI Produkte vor, die Kaufentscheidung und die Transaktion nimmst Du jedoch noch selbst vor.
McKinsey prognostiziert für 2030 ein B2C-Umsatzvolumen von bis zu fünf Billionen US-Dollar weltweit, generiert durch agentische Transaktionen. Für den US-Markt erwartet McKinsey ein Agentic-Umsatzvolumen von rund einer Billion US-Dollar über einen Zeitraum von vier Jahren ab 2026. Eine Studie des IBM Institute for Business Value aus dem Jahr 2026 zeigt, dass 45 Prozent der Konsumenten KI bereits für einen Teil ihres Einkaufsprozesses nutzen.
Eine Visa-Studie meldet, dass 47 Prozent der Konsumenten Interesse daran haben, KI-Agenten für den Einkauf einzusetzen. Laut Adobe-Erhebungen konvertieren KI-gestützte Kaufempfehlungen bis zu 54 Prozent besser als herkömmliche Empfehlungen. Der KI-gesteuerte Traffic zu US-Einzelhandelsseiten stieg im Jahresvergleich um 4.700 Prozent, wie Adobe Analytics ermittelte.
Technisches Fundament des Agentic Commerce
Drei wichtige offene Standards bilden die technische Infrastruktur für Agentic Commerce, mitgetragen von großen Tech-Konzernen:
Universal Commerce Protocol (UCP)
Mitentwickelt von Google und Shopify, wurde das UCP im Januar 2026 auf der NRF angekündigt. Dem Protokoll wird eine Abdeckung der gesamten Shopping Journey von der Entdeckung bis zum Post-Purchase-Support zugeschrieben. Zum UCP Tech Council zählen unter anderem Amazon, Meta, Microsoft, Salesforce und Stripe.
Gründungsmitglieder sind Google, Shopify, Etsy, Target und Wayfair. Mehr als 20 weitere Partner, darunter Visa, Mastercard und Adyen, haben den Standard befürwortet. Zalando ist als Launch-Partner genannt.
Graeme Smith, SVP Engineering und Science bei Zalando, bezeichnet Agentic Commerce als „einen potenziellen Weg, neue Kunden zu erreichen“. Google bietet zudem mit Gemini Enterprise for Customer Experience (CX) eine agentische Plattform für Einzelhändler an, die Unternehmen wie Kroger, Lowe’s und Gap Inc. nutzen.
Agentic Commerce Protocol (ACP)
Von OpenAI und Stripe im September 2025 eingeführt, ermöglicht das ACP Checkout-Sitzungen direkt in ChatGPT und anderen ACP-kompatiblen KI-Agenten. Seit Anfang 2026 verarbeitet das Protokoll Live-Transaktionen für Etsy. Es soll auf über eine Million Shopify-Händler ausgeweitet werden. Shopify aktivierte Ende März 2026 standardmäßig sogenannte „Agentic Storefronts“ für seine Stores.
Model Context Protocol (MCP)
Ursprünglich von Anthropic entwickelt und inzwischen von der Linux Foundation verwaltet, dient das MCP als Protokoll zur Echtzeit-Verbindung von KI-Modellen mit externen Datenquellen. Dazu gehören Produktkataloge und Inventarsysteme.
Der globale Agentic-AI-Markt lag 2024 bei rund fünf Milliarden US-Dollar. Nach einer Prognose soll er bis 2034 auf fast 200 Milliarden US-Dollar anwachsen, bei einer jährlichen Wachstumsrate von über 40 Prozent. Gartner prognostiziert, dass 33 Prozent der Unternehmen bis 2028 Agentic AI einsetzen werden, gegenüber weniger als einem Prozent heute.
TikToks Rolle im neuen E-Commerce-Paradigma
TikTok positioniert sich im Zeitalter des Agentic Commerce mit Fokus auf „Community-driven Discovery“ und algorithmischer Steuerung. Quellen bestätigen nicht, dass TikTok eigene autonome KI-Shopping-Agenten entwickelt. Stattdessen betont das Unternehmen seine Rolle bei der Schaffung von Markenaffinität, sozialem Proof und emotionaler Bindung durch kreativen Content.
Dieser Content soll Dich bei Kaufentscheidungen unterstützen, noch bevor autonome Agenten den Kauf ausführen.
TikTok Shop verzeichnet nach Angaben der Quellen erste Nutzungswerte: Mindestens jeder zehnte deutsche Online-Shopper hat innerhalb der ersten sechs Monate nach dem Launch dort mindestens ein Produkt gekauft. Über 14.000 Verkäufer nutzen die Plattform. TikTok selbst sieht seine Plattform als einen Schritt, der Bedürfnisse und Wünsche der Konsumenten weckt, bevor agentische Kaufprozesse greifen.
Diese Position beruht auf der Annahme, dass Inspiration und emotionale Bindung durch Inhalte weiterhin eine Rolle im Entscheidungsprozess spielen werden.
Ausblick: Herausforderungen und Perspektiven
Es gibt auch kritische Stimmen: Alex Graf bezeichnet Agentic Commerce als „99 Prozent ist Hype“. Marc Fischli von Criteo beschreibt die zunehmende Komplexität als „Spaghetti“. Eine zentrale Herausforderung ist die Frage der vollständigen Autonomie.
Trotz der Definitionen, die eine vollständige selbstständige Kaufabwicklung betonen, zeigen praktische Beispiele, etwa ein Testkauf mit ChatGPT, dass oft noch eine menschliche Bestätigung für Zahlung oder Versanddaten erforderlich ist. Das weist darauf hin, dass Integration und Vertrauen in autonome Agenten noch Entwicklungsbedarf haben.
Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich die offenen Standards UCP, ACP und MCP durchsetzen. Es bleibt abzuwarten, wie Unternehmen die Balance zwischen autonomer Effizienz und menschlicher Kontrolle finden. Die Marktreaktion ist gespalten.
Die Beteiligung großer Tech-Unternehmen und die prognostizierten Marktgrößen deuten jedoch darauf hin, dass Agentic Commerce das Potenzial hat, den E-Commerce zu verändern. Analysten werden beobachten, wie sich Nutzungsraten entwickeln und welche Rolle Plattformen wie TikTok in einem Ökosystem automatisierter Kaufabwicklungen einnehmen.







