Der deutsche Arbeitsmarkt für Führungskräfte zeigt ein differenziertes Bild: Während die Gesamtnachfrage nach Arbeitskräften rückläufig ist, zeichnet sich in spezifischen Kernbranchen eine Stabilisierung oder Erholung bei Management-Positionen ab. Nicht alle Führungskräfte profitieren gleichermaßen von dieser Entwicklung; der Markt wird kompetitiver, und neue Kompetenzen sind verstärkt gefragt.
Der Executive Hiring Index von Kempkens × Kohler (KxK) misst monatlich die Nachfrage nach öffentlich ausgeschriebenen Führungspositionen der ersten und zweiten Führungsebene in Deutschland und Österreich. Die Analyse zeigt: Eine Erholung des Stellenmarktes für Manager ist absehbar. Bestimmte Branchen und Regionen dürften im Jahr 2026 die meisten Führungspositionen bieten.
Im mittleren Management in Deutschland präsentierte sich die Nachfrage 2024 als stabil.
Divergierende Signale am Gesamtmarkt
Ein Blick auf den Gesamtmarkt offenbart eine komplexere Dynamik. Der Indeed Arbeitsmarkt Index verzeichnete im Februar 2024 mit 127,4 Punkten einen historischen Tiefstand der Nachfrage nach Arbeitskräften. Dies entspricht einem Rückgang von 13,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr und markiert die geringste Nachfrage seit Oktober 2021.
Dr. Annina Hering, Arbeitsmarktökonomin bei Indeed, ordnet diese Entwicklung ein: „Diese Entwicklung ist eine logische Konsequenz. Wenn die Wirtschaft schrumpft, sind Unternehmen gezwungen zu sparen. Der Verzicht auf die Anstellung neuer Mitarbeiter wird dabei häufig als eine der ersten Maßnahmen zur Kostensenkung betrachtet.“
Die Bundesagentur für Arbeit meldete für 2025 188.000 neu gemeldete Stellenangebote für hochkomplexe Tätigkeiten. Das sind 17.000 oder acht Prozent weniger als im Vorjahr. Offerten für Meister-, Techniker- oder Bachelorabschlüsse stiegen leicht um ein Prozent auf 191.000.
Im vierten Quartal 2025 waren laut IAB-Stellenerhebung rund 96.000 hochkomplexe Stellen zu besetzen, 2.000 weniger als im Vorjahr.
Parallel dazu sank die Zahl der als Engpassberufe definierten akademischen Berufe von 40 im Jahr 2019 auf 25 im Jahr 2025. Gleichzeitig bleiben die Vakanzzeiten hoch: Akademische Experten warten durchschnittlich 95 Tage auf eine neue Anstellung.
Branchenspezifische Entwicklungen und Technologiewandel
Die Nachfrage nach Führungskräften konzentriert sich zunehmend auf ausgewählte Branchen. LinkedIn-Daten vom Januar 2026 zeigen, dass fünf Sektoren die Hauptnachfrage nach Führungspositionen auf sich vereinen: Gesundheitswesen, Fertigungs- und Lieferketten, Finanzen (insbesondere Buchhaltung und FP&A), Infrastrukturtechnik sowie Führungskompetenzen in Fachberufen.
Während das Gesundheitswesen (Arztberufe) und der Einzelhandel im Februar 2024 einen Anstieg der Stellenanzeigen verzeichneten, erlebte die Tech-Branche seit 2020 einen Rückgang der Stellenanzeigen um 36 Prozent. Die Beschäftigung in Computer- und Mathematikberufen liegt jedoch weiterhin fast 20 Prozent über dem Vorkrisenniveau.
Der Einfluss von Künstlicher Intelligenz (KI) und Automatisierung auf den Arbeitsmarkt wird deutlicher. Eine Rimini Street-Umfrage unter fast 4.300 Führungskräften weltweit, veröffentlicht im Dezember 2025, zeigt, dass 44 Prozent KI und Automatisierung als wichtigste Fähigkeiten nennen. Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags analysierten 2025, dass nahezu 40 Prozent aller Arbeitsplätze weltweit von KI betroffen sein könnten, in hochentwickelten Volkswirtschaften sogar rund 60 Prozent.
Diese Transformation verschiebt Qualifikationsprofile und stellt etablierte Führungskräfte vor neue Herausforderungen.
Kompetitiver Markt und gestiegene Wechselbereitschaft
In Österreich lässt sich die Entwicklung am Top-Management-Markt schärfer beobachten. Ende April 2026 waren dort 6.700 Personen arbeitslos oder in AMS-Schulung, die zuvor Führungspositionen innehatten. Dies ist ein Anstieg von rund acht Prozent gegenüber dem Vorjahr.
„Aktuell erleben wir eine große Welle an Freisetzungen. Neu dabei ist, dass Unternehmen ganze Abteilungen auflösen.“, kommentiert Michaela Buttazzoni von BDO Consulting.
Herbert Fritsch-Richter von EO Executives bestätigt dies: „Die Organisationen verschlanken sich und streichen teilweise ganze Levels zusammen.“ Er ergänzt, der Markt sei viel kompetitiver geworden und die Relevanz von Erfahrung reduziere sich.
Gleichzeitig ist die emotionale Bindung deutscher Beschäftigter an ihren Arbeitgeber auf einem Rekordtief. Laut Gallup Engagement Index Deutschland (November/Dezember 2022) erleben nur 13 Prozent ein positiv geprägtes Arbeitsumfeld; 18 Prozent der Arbeitnehmenden haben innerlich gekündigt. 55 Prozent geben an, in einem Jahr noch beim aktuellen Arbeitgeber zu sein (2018: 78 Prozent). Diese hohe Wechselbereitschaft trifft auf einen Arbeitsmarkt, in dem Experten wie Michaela Buttazzoni Lernfähigkeit, Anpassungsbereitschaft, Kollaboration, kritisches und analytisches Denken sowie digitale Kompetenzen als „Future Skills“ bezeichnen.
Ausblick: Selektive Nachfrage und Anpassungsdruck
Die kommenden Monate werden zeigen, wie sich die Arbeitsmarktdynamik für Führungskräfte weiterentwickelt. KxK und weitere Beobachter erwarten, dass sich die selektive Nachfrage in den genannten Kernbranchen fortsetzen könnte. Der Fokus vieler Unternehmen auf Effizienzsteigerung und technologische Transformation, einschließlich KI-Integration, dürfte den Druck auf Führungskräfte erhöhen, ihre Fähigkeiten anzupassen.
Offene Fragen bleiben hinsichtlich der langfristigen Auswirkungen von KI auf die Struktur von Managementebenen und der Fähigkeit des Arbeitsmarktes, die Diskrepanz zwischen traditionellen Qualifikationsprofilen und den geforderten „Future Skills“ zu schließen. Analysten werden beobachten müssen, wie sich die Neuausrichtung der Kompetenzanforderungen auf die Besetzung von Spitzenpositionen auswirkt und ob die Unternehmen ausreichend in die Weiterbildung ihrer Führungskräfte investieren.







