Junge Generation im Arbeitsmarkt: MIT-Forscher enthüllt Wandel zur „Disposable Work“

Ein neues Buch des Arbeitsökonomen Paul Osterman vom MIT Sloan School of Management zeichnet ein nüchternes Bild der aktuellen Arbeitswelt. Rund 35 Prozent der US-amerikanischen Erwerbsbevölkerung sind demnach in sogenannten „Disposable Work“-Verhältnissen beschäftigt. Seine Untersuchung widerspricht der verbreiteten Annahme, die junge Generation lehne traditionelle Karrieren ab.

Vielmehr verändern sich die verfügbaren Jobs, während der Wunsch nach stabiler Anstellung bei der Generation Z nach Osterman weiterhin besteht.

Die Erosion traditioneller Arbeitsmodelle

Paul Osterman definiert „Disposable Work“ als Beschäftigungsformen, die weder eine langfristige Bindung noch nennenswerte Aufstiegschancen bieten. Dazu zählen Freiberufler, Auftragnehmer, Gig-Worker und sogenannte „Marginal Workers“. Letztere sind Angestellte (W-2-Mitarbeiter in den USA), die nicht als vollwertige Mitglieder einer Organisation behandelt werden.

Bei ihnen wird implizit davon ausgegangen, dass sie nicht lange bleiben oder aufsteigen werden.

Dieses Spektrum reicht laut Osterman von Lehrbeauftragten über Vertragsanwälte bis zu Mitarbeitenden im Einzelhandel und Dienstleistungssektor mit hoher Fluktuation. Auch Auftragnehmer in großen Tech-Unternehmen, die nie einen Vollzeitstatus erreichen, gehören dazu. Etwa 35 Prozent der US-Erwerbsbevölkerung, das sind über 55 Millionen Menschen, fallen in die Kategorie „Disposable Work“.

Gig-Jobs machen dabei nur rund zwei Prozent der Erwerbsbevölkerung aus.

Ostermans Untersuchung basiert auf einer Befragung von mehr als 6.000 US-Erwachsenen ab 24 Jahren. Ergänzend führte er nahezu 100 Interviews mit Arbeitnehmenden, Arbeitgebern und Personalagenturen. Seine jahrzehntelange Forschung zur Arbeitsplatzqualität und zu Arbeitsmarktdaten fließt in das kommende Buch „Disposable Workers: The Transformation of Employment“ ein, dessen Veröffentlichung für 2026 angekündigt ist.

Die Ergebnisse werfen Fragen zur Stabilität des Arbeitsmarktes auf und beleuchten Herausforderungen für junge Beschäftigte.

Generation Z: ambitioniert, aber konfrontiert mit neuen Realitäten

Entgegen gängiger Klischees legen Ostermans Daten nahe, dass die Generation Z einen „echten Job“ und eine Karriere nicht weniger schätzt als frühere Generationen. Daniel Zhao, Chefökonom bei Glassdoor, äußert sich ähnlich: „I don’t think that attitudes are very different between Gen Z and previous generations. The work that is available… [has] changed more than people’s attitudes towards work.“

Osterman formuliert es pointiert: „Is that rhetoric really reflected in the attitudes of younger people? The evidence is that it’s absolutely not.“

Nach Osterman besteht die einzige relevante Verschiebung bei jungen Menschen in einer stärkeren Betonung von „work-family issues“. Die Realität der „Disposable Work“ geht zudem mit geringerer Arbeitszufriedenheit einher. Auftragnehmer und marginale Arbeitskräfte berichten demnach von deutlich niedrigerer Zufriedenheit als Freiberufler oder Angestellte in Standardverhältnissen.

Osterman stellt ferner fest, dass die Bezahlung in allen Kategorien der „Disposable Work“ niedriger ausfällt als bei regulären Beschäftigungsverhältnissen.

Ein Indikator für psychische Belastungen ist ein Anstieg der Nennungen von Burnout in Bewertungen. Laut zitierten Glassdoor-Daten stiegen diese im Mai um 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Daniel Zhao führt diesen Anstieg auf Druck durch Entlassungen, hohe Führungsanforderungen und Ängste im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz zurück.

Historische Entwicklung und die Rolle der Künstlichen Intelligenz

Osterman führt die Wurzeln der Entwicklung zur „Disposable Work“ auf den Zerfall des Nachkriegs-Arbeitsabkommens zurück. Dieses war durch hohe Gewerkschaftsdichte und die Unterstützung stabiler Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichnet. Als Wendepunkt nennt er die Entlassung streikender Fluglotsen durch Präsident Reagan im Jahr 1981.

Weitere Treiber sind die Finanzialisierung, steigender Wettbewerbsdruck und eine Management-Ideologie, die „Kernkompetenzen“ in den Vordergrund stellt.

Osterman zitiert einen McKinsey-Bericht, wonach 95 Prozent des Unternehmenswerts von lediglich fünf Prozent der Belegschaft erbracht würden. Er nutzt diese Zahl als Hinweis auf die Haltung vieler Unternehmen gegenüber der Mehrheit ihrer Mitarbeitenden. Der Trend zur „Disposable Work“ ging laut Osterman der Entwicklung von KI voraus.

Dennoch wird KI diesen Trend wahrscheinlich verschärfen. In seinen Worten: „No one has any idea what the overall impact of AI will be. But I'm pretty confident it will exacerbate the move towards disposability because of the uncertainty it introduces.“

Glassdoor-Analysen zeigen zudem, dass Beschäftigte der Generation Z Künstlicher Intelligenz derzeit skeptisch gegenüberstehen. Daniel Zhao kommentiert dies: „I think they are positioned well to benefit from it in the long run, but understandably, they are very skeptical of AI right now.“

Ausblick: Anpassung der Arbeitsmärkte und soziale Folgen

Ostermans Analyse stützt sich auf US-Daten. Eine direkte Übertragbarkeit der 35-Prozent-Quote auf Deutschland kann ohne spezifische deutsche Daten nicht vorgenommen werden. Debatten über stabile Arbeitsplätze, die Rolle von Gig-Economy-Plattformen und die Auswirkungen technologischer Entwicklungen wie KI werden indes auch in Deutschland geführt.

Vorhandene deutsche Quellen liefern jedoch keine harten Zahlen zur Prävalenz von „Disposable Work“ nach Ostermans Definition.

Aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen für Juli 2026 eine leichte Zunahme der Zahl der Erwerbstätigen auf 46,2 Millionen. Diese Zahl sagt jedoch nichts zur Qualität oder Stabilität der Beschäftigungsverhältnisse aus. Vor dem Hintergrund der Entwicklungen in den USA bleibt offen, welche politischen und wirtschaftlichen Antworten in Deutschland entwickelt werden.

Ziel ist es, den Wunsch junger Menschen nach stabiler Beschäftigung mit den sich wandelnden Anforderungen der Wirtschaft abzugleichen.