Der deutsche Arbeitsmarkt zeigt aktuell eine Divergenz: Während branchenübergreifend Stellen abgebaut werden und die Zahl der arbeitslos gemeldeten Manager steigt, nimmt die Nachfrage nach Fachkräften in der Rüstungsindustrie zu. Deutsche Waffenhersteller stellen vermehrt Personal ein; auch Führungskräfte und Quereinsteiger sind gefragt. Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit dem seit Beginn des Ukrainekrieges 2022 erhöhten Auftragsaufkommen.

Die Branche sucht gezielt neue Talente, um den Übergang von einer Manufaktur zu einer Serienproduktion zu vollziehen. Prognosen gehen davon aus, dass der Rüstungssektor bis 2035 weiter deutlich wachsen wird.

Rüstungsindustrie als Jobmotor

Entgegen dem allgemeinen Trend – in Deutschland liegt die Zahl der Arbeitslosen knapp unter drei Millionen und in der Industrie fallen monatlich rund 15.000 Stellen weg – rekrutiert die Rüstungsindustrie weiterhin Personal. Besonders Führungskräfte sind gesucht. Die Personalberatung Heinrich und Coll verzeichnet seit 2022 einen Anstieg der Aufträge im Rüstungsbereich um rund zwei Drittel.

Im aktuellen Jahr 2026 hat sich diese Entwicklung weiter verstärkt. Eva Brückner, Headhunterin bei Heinrich und Coll, sagt dazu: „Der Markt boomt.“

Große Konzerne wie der französisch-deutsche Panzerbauer KNDS stellten im vergangenen Jahr 2025 knapp 100 Führungskräfte ein und planen, in den kommenden Jahren etwas mehr als 100 weitere Führungspositionen zu besetzen. Der Radarspezialist Hensoldt plant für dieses Jahr 2026 insgesamt 1.600 neue Stellen, davon rund 60 in Leitungsfunktion. Rheinmetall, ein Dax-Konzern, beabsichtigt, weltweit mehr als 5.000 neue Mitarbeiter einzustellen.

Das Unternehmen erfasst die Zahl der Führungspositionen nicht separat.

Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS), bekannt für U-Boote und Marineschiffe, sucht ebenfalls aktiv Personal.

Gefragte Profile: Zwischen Expertise und Quereinstieg

Der Bedarf erstreckt sich über eine breite Palette an Qualifikationen. Gefragt sind insbesondere IT-Experten, Projektmanager, Ingenieure sowie Beschaffungs- und Vertriebsexperten. Vertriebsexperten sollen Aufträge aus Regierungs- und EU-Programmen gewinnen können.

Zudem benötigt die Branche qualifizierte Kräfte, die neue Geschäftsfelder aufbauen können, sowie Programm-Manager für die Projektabwicklung. Profile mit Transformationserfahrung sind gefragt, weil sie technisches und kaufmännisches Know-how mit einem souveränen Umgang mit Stakeholdern verbinden.

Da geeignetes Personal knapp ist, öffnen sich Unternehmen zunehmend für Quereinsteiger. Ein Sprecher von Thyssenkrupp Marine Systems erklärt: „Menschen, die nicht den klassischen Karriereweg in der Rüstungsindustrie gegangen sind, bringen oft frische Perspektiven, bereichsübergreifende Erfahrungen und eine hohe Lernbereitschaft mit.“ Die grundlegenden technischen Kompetenzen aus anderen Industrien seien in vielen Fällen übertragbar.

Rheinmetall und Hensoldt nennen in Teilen vergleichbare Anforderungen wie die Automobilindustrie. KNDS sucht Fachkräfte aus dem Sondermaschinen- oder Spezialfahrzeugbau. Auch Experten aus stark regulierten Branchen wie der Energie-, Bahntechnik- oder Medizintechnikbranche finden Anknüpfungspunkte.

Spezifische Anforderungen und der Faktor Sicherheit

Die Anforderungen variieren je nach Position. Für höhere Führungspositionen in Geschäftsführung oder Divisionsleitung sind Branchenkenntnisse und ein belastbares Netzwerk wichtiger. In operativen Bereichen wie Programm- oder Projektmanagement, Einkauf und Supply-Chain-Management öffnet sich die Branche zunehmend; hier haben Kandidaten aus der Automobilindustrie oder dem Fahrzeugbau gute Chancen.

Neben fachlichen Qualifikationen zählen Soft Skills wie Kommunikation, Zusammenarbeit, Teamwork und Anpassungsfähigkeit. Im Tech-Bereich gelten zudem KI-Kompetenzen sowie traditionelle IT- und Datenkenntnisse als relevante Fähigkeiten.

Die Sicherheitsanforderungen in der Rüstungsindustrie sind besonders streng; Kandidaten müssen eine erweiterte Sicherheitsüberprüfung durchlaufen. „Je nach Position ist manchmal aber auch die deutsche Staatsbürgerschaft Pflicht“, erklärt Eva Brückner. Diese Vorgaben beeinflussen die Rekrutierungspraxis.

Laut Heinrich und Coll liegt die durchschnittliche Besetzungsdauer für eine offene Stelle bei drei bis sechs Monaten.

Technologische Innovation und globale Dynamik

Der Wandel in der Rüstungsindustrie zeigt sich auch in einem Innovationsschub, der durch den Krieg in der Ukraine ausgelöst wurde. Das europäische Startup Destinus – CEO Mikhail Kokorich – erhielt im Juni 2026 einen Auftrag über 700 Ruta-Block-2-Marschflugkörper von den Niederlanden für die Ukraine. Das Volumen betrug 250 Millionen Euro. Destinus gründete zudem ein Joint Venture mit Rheinmetall.

Das britische Cambridge Aerospace sicherte sich erste Verträge für Skyhammer-Abfangraketen vom britischen Verteidigungsministerium und sammelte im August 2026 300 Millionen US-Dollar zur Produktionserweiterung. Steven Barrett, CEO von Cambridge Aerospace, weist darauf hin, dass traditionelle Abfangsysteme „billions of dollars per night“ kosten könnten. Das ukrainische Startup Fire Point entwickelt einen ballistischen Raketenabfangjäger mit Zielkosten von unter einer Million Euro.

Daimler Truck Defence, eine neue Verteidigungseinheit von Daimler Truck, wurde im Juni 2026 als globale Marke eingeführt und strebt an, bis 2028 mehr als 1 Milliarde US-Dollar Umsatz zu erzielen.

Ausblick: Fachkräftemangel als strategische Herausforderung

Die steigende Nachfrage nach Fachkräften in der deutschen Rüstungsindustrie steht im Kontext einer Neubewertung sicherheitspolitischer Prioritäten. Während die Arbeitslosigkeit in anderen Sektoren hoch bleibt, rekrutiert die Rüstungsbranche verstärkt und bietet Quereinsteigern mit passenden Qualifikationen Perspektiven.

Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den USA wurde am 15. September 2026 mit einem Letter of Intent zwischen Verteidigungsminister Boris Pistorius und seinem US-Kollegen Pete Hegseth vertieft. Pistorius betonte, man könne voneinander profitieren, wenn es um erhöhte Kapazitäten der Verteidigungsindustrie geht.

Analysten wie Douglas Barrie vom International Institute for Strategic Studies warnen zugleich vor Engpässen bei Marschflugkörpern: „If you think you have enough cruise missiles in your inventory, you probably don't.“ Markus Schiller vom Stockholm International Peace Research Institute sagt: „Big wars are fought with numbers, not wonder weapons.“

Branchenakteure stehen vor der Aufgabe, schnelles Wachstum, hohe Sicherheitsstandards und die Integration branchenfremder Talente zu vereinbaren. Angesichts der Prognose eines Wachstums des Sektors bis 2035 bleibt der Fachkräftemangel eine relevante Herausforderung für deutsche Waffenhersteller und könnte die Fähigkeit zur schnellen Skalierung der Produktion beeinflussen. Die weitere Entwicklung wird zeigen, inwieweit die Branche diesen Bedarf decken und somit den geopolitischen Anforderungen gerecht werden kann.