Deutschlands Arbeitsmarkt zeigt eine Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden. Mikrozensus-Daten und aktuelle Quartalsberichte belegen, dass viele Vollzeitbeschäftigte ihre Wochenarbeitszeit reduzieren möchten, während ein Teil der Teilzeitkräfte mehr arbeiten will. Zugleich deuten Berechnungen auf ungenutzte Kapazitäten im öffentlichen Dienst hin.

Wunsch nach weniger Arbeit und das sinkende Arbeitsvolumen

Daten des Statistischen Bundesamtes aus dem Mikrozensus 2025 zeigen, dass 3,8 Millionen Erwerbstätige in Deutschland ihre Arbeitszeit reduzieren wollen. Davon sind 3,3 Millionen Vollzeitbeschäftigte und 500.000 Teilzeitbeschäftigte. Im Durchschnitt wünschen sich diese eine Verringerung der Wochenarbeitszeit um 10,5 Stunden von aktuell 40,9 Stunden.

Parallel dazu möchten 1,5 Millionen Erwerbstätige mehr arbeiten. Unter ihnen befinden sich 1,1 Millionen Teilzeitkräfte und 400.000 Vollzeitkräfte. Teilzeitkräfte geben an, ihre bisherige durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 26,2 Stunden im Schnitt um 10,5 Stunden aufstocken zu wollen.

Würden alle geäußerten Wünsche realisiert, würde die durchschnittliche Wochenarbeitszeit pro Erwerbstätigem rechnerisch um 0,6 Stunden oder 36 Minuten sinken. Der Wunsch nach weniger Arbeit wiegt in der Summe stärker.

Diese Entwicklung steht im Kontext eines historisch hohen Teilzeitanteils. Im zweiten Quartal 2026 erreichte die Teilzeitquote 40,3 Prozent, einen Höchststand. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Quote um rund 0,4 bis 0,5 Prozentpunkte.

Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten lag bei 16,936 Millionen, was einem Anstieg von 85.000 Personen entspricht. Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten sank derweil um 239.000 auf 25,138 Millionen. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen verringerte sich im zweiten Quartal 2026 um 69 Millionen Stunden auf 14,4 Milliarden Stunden.

Ein solches Niveau wurde zuletzt im Jahr 1991 verzeichnet.

Geschlechterunterschiede und strukturelle Arbeitsbarrieren

Die Arbeitszeitwünsche differenzieren sich nach Geschlecht. 13,5 Prozent der vollzeitbeschäftigten Frauen geben an, ihre Arbeitszeit reduzieren zu wollen. Bei den Männern sind es 10,3 Prozent. Unter den Teilzeitbeschäftigten wollen 10,4 Prozent der Männer aufstocken, während es bei den Frauen 7,4 Prozent sind.

SPD-Politiker Dieren weist darauf hin, dass der Wunsch nach Arbeitszeiterhöhung oft an unzureichender Kinderbetreuung scheitert. Laut den Daten arbeiten 70 Prozent der Mütter mit Kindern unter zwölf Jahren in Teilzeit. Dies deutet auf strukturelle Hürden hin, die die Umsetzung von Mehrarbeitswünschen beeinflussen.

Ungenutzte Potenziale im öffentlichen Dienst

Der Deutsche Beamtenbund (dbb) beziffert für das Jahr 2026 einen Fehlbedarf von 631.000 Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), erstellt von Senior Economist Björn Kauder, berechnet eine rechnerische Personalreserve durch die vollständige Aufstockung von Teilzeitstellen im öffentlichen Dienst auf 634.000 Vollzeitäquivalente.

Das IW identifiziert sektorale Verteilungen dieser theoretischen Obergrenze. Schulen könnten 153.000 Vollzeitäquivalente gewinnen, Kindertagesstätten 54.400 Vollzeitkräfte und Kommunalverwaltungen 41.800 Vollzeitstellen. Das IW betont jedoch, dass diese Zahl eine theoretische Obergrenze darstellt und nicht als realistische Handlungsempfehlung verstanden werden darf, da eine Zwangsverpflichtung zur Mehrarbeit nicht durchsetzbar wäre.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kritisiert die IW-Berechnungen als realitätsfern, da sie die tatsächliche Bereitschaft oder Fähigkeit zur Mehrarbeit nicht ausreichend berücksichtigen.

Ein realistischeres Szenario, das sich am Arbeitszeitniveau des Landes Sachsen-Anhalt orientiert, veranschlagt bundesweit etwa 294.000 bis 300.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente.

Volkswirtschaftliche Folgen und offene Fragen

Enzo Weber vom IAB stellt fest, dass das Arbeitsvolumen nach einer Erholung von der Corona-Pandemie wieder sinkt. Gleichzeitig verliert die Industrie viele Vollzeitstellen, was zu einem Rückgang des insgesamt geleisteten Arbeitsvolumens führt.

Im zweiten Quartal 2026 gab es rund eine Million offene Stellen, der niedrigste Stand seit 2016 außerhalb der Pandemiephasen. Das Verhältnis offener Stellen zu Arbeitslosen liegt bei 100 zu 291.

Offen bleibt, wie sich die Wünsche der Erwerbstätigen nach flexibleren oder veränderten Arbeitszeiten mit den Anforderungen der Wirtschaft an ausreichende Arbeitsleistung vereinbaren lassen. Destatis weist zudem darauf hin, dass Mikrozensus-Ergebnisse zu Arbeitszeitwünschen je nach Erhebungsmethode Unterschiede aufweisen können. Seit der Einführung des Multi-Mode-Erhebungsdesigns im Jahr 2020 zeigen sich Differenzen zwischen online und anders erhobenen Antworten.

Die Ergebnisse sind daher als statistische Momentaufnahme zu interpretieren. Die weitere Entwicklung dieser Trends, insbesondere im Hinblick auf den Fachkräftemangel und die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen, wird in den kommenden Quartalsberichten von Destatis und dem IAB genauer zu beobachten sein.