Neue Daten verdeutlichen das Lohngefälle zwischen Beschäftigten bei Autobauern und dem bundesweiten Durchschnitt und beleuchten die überdurchschnittlichen Gehälter in der Automobilbranche. Beschäftigte deutscher Autobauer verdienen demnach durchschnittlich 92.893 Euro brutto pro Jahr inklusive Sonderzahlungen. Das sind 44 Prozent mehr als der deutsche Durchschnitt von 64.441 Euro.
Diese Privilegien geraten jedoch zunehmend unter Druck.
Gehälter in der Autobranche unter Druck
Die deutsche Automobilindustrie, geprägt durch einen hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad, entlohnt ihre Fachkräfte überdurchschnittlich. Bei reinen Automobilherstellern beläuft sich das Jahresbruttoeinkommen inklusive Sonderzahlungen auf durchschnittlich 92.893 Euro. Dies übertrifft den bundesweiten Durchschnittsverdienst um 44 Prozent.
Auch Mitarbeiter bei Automobilzulieferern verdienen mit durchschnittlich 70.871 Euro brutto pro Jahr mehr als im Schnitt der Gesamtwirtschaft. Enzo Weber, Arbeitsmarktexperte des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), konstatiert, dass insbesondere die breite Masse der Fachkräfte in diesem Sektor überdurchschnittlich verhältnismäßig entlohnt wird.
Die überdurchschnittliche Entlohnung zeigt sich auch in zusätzlichen Zahlungen. Mercedes-Mitarbeiter erhalten im Jahr 2025 beispielsweise sechs Sonderzahlungen. Bei Porsche verdienen 40 Prozent der rund 23.000 Beschäftigten im Raum Stuttgart mehr als 100.000 Euro. 201 Beschäftigte überschreiten demnach die Marke von 300.000 Euro.
Die Durchschnittsgehälter einzelner Konzerne weichen ebenfalls deutlich vom bundesweiten Mittel ab. VW liegt im Jahr 2025 bei rund 65.000 Euro, BMW bei knapp 82.000 Euro und Mercedes bei rund 89.000 Euro. Porsche überschreitet im gleichen Zeitraum die 100.000 Euro Marke im Durchschnitt.
Der Zulieferer ZF Friedrichshafen zahlt für rund 7.500 von 9.000 Mitarbeitern eine sogenannte „Zeppelin Zulage“, die etwa zehn Prozent zusätzlich zum Bruttogehalt bringt.
Die Wochenarbeitszeit in der Autobranche liegt bei den Herstellern inklusive Überstunden bei 36,9 Stunden und bei den Zulieferern bei 37,3 Stunden. Der Branchendurchschnitt beträgt 39,1 Stunden pro Woche.
Konzernstrategien und Tarifauseinandersetzungen
Trotz hoher Gehälter stehen die Vergütungssysteme der Automobilkonzerne unter Druck. Seit ihrem Höhepunkt im Jahr 2018 sank die Zahl der Beschäftigten bei Autobauern und Zulieferern in Deutschland um 17 Prozent oder 142.000 Mitarbeiter auf 691.000 (Stand: erstes Halbjahr; die Quelle nennt kein Jahr). Gleichzeitig streben Konzerne wie VW, BMW und Mercedes Einschnitte bei den Personalkosten an.
Der Anteil der Lohnkosten an den Gesamtkosten der Autoindustrie liegt bei 10,7 Prozent.
Mercedes Benz kündigte an, in Deutschland alle Sonderzahlungen prüfen zu wollen. Der Aufsichtsratschef Martin Brudermüller forderte angesichts der Lage eine Rückkehr zur 40 Stunden Woche. Die Auszahlung des „Trafobausteins“ für 2025 wurde gestoppt. Eine nachträgliche Überweisung im Jahr 2027 oder eine komplette Streichung ist nach Angaben der Quelle geplant.
Bei BMW reduziert sich das Weihnachtsgeld für 2025 und 2026 von 100 auf 85 Prozent des Monatsgehalts. Jubiläumsprämien entfallen demnach ab 2027. VW überarbeitet sein Entgeltsystem mit dem Ziel, die Tarifzahlungen um sechs Prozent zu senken. Dies soll vorrangig künftige Neueinstellungen betreffen. Zudem wird eine Tariferhöhung von 5,5 Prozent beim Grundgehalt bis 2030 nicht ausgezahlt.
Eine für vor 2005 eingestellte Produktionsmitarbeiter geltende 33 Stunden Woche wurde Ende 2024 abgeschafft. Als Entschädigung sind 830 Euro pro Jahr bis 2030 vorgesehen. Bei Porsche wurde im Zuge eines Stellenabbaus eine Verlängerung der Beschäftigungsgarantie bis 2035 vereinbart. Gleichzeitig sank das Weihnachtsgeld auf 60 Prozent.
Die IG Metall kündigt Widerstand gegen geplante Kürzungen und Arbeitszeiterhöhungen an. Nadine Boguslawski, IG Metall Tarifvorständin, bezeichnete Angriffe auf Entgelte und Arbeitszeiten als „Nebelkerzen, die vom eigenen Versagen bei den Zukunftsprodukten ablenken“. Die IG Metall warnt zudem, dass eine Erhöhung der Arbeitszeit bei geringer Werksauslastung Arbeitsplätze vernichten könne.
Enzo Weber sieht den Rückgang der deutschen Autoindustrie eher in fehlenden Innovationen begründet als in zu hohen Löhnen.
Transparenz und die Rolle der Managergehälter
Das Thema Entgelttransparenz gewinnt in Europa an Bedeutung. Die EU Entgelttransparenzrichtlinie 2023/970 muss bis zum 7. Juni 2026 in nationales Recht umgesetzt werden.
Sie verlangt unter anderem, dass Unternehmen Bewerbern eine Gehaltsspanne nennen. Arbeitnehmer erhalten Auskunft über ihr eigenes Gehalt und Durchschnittsgehälter vergleichbarer Positionen. Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten müssen zudem regelmäßig über geschlechtsspezifische Lohngefälle berichten.
Bei Lohnlücken von mehr als fünf Prozent muss das Unternehmen mit dem Betriebsrat handeln. Die Beweislast bei Gehaltsdiskriminierung verlagert sich auf den Arbeitgeber. Die EU Vorgaben gelten in Deutschland bereits direkt für öffentliche Arbeitgeber seit dem 8. Juni; ein nationales Gesetz steht noch aus.
Im oberen Management zeigen verschiedene Erhebungen unterschiedliche Trends. Eine EY Erhebung weist für DAX Vorstandsgehälter im Jahr 2023 gegenüber 2024 einen leichten Rückgang aus. Andere Auswertungen sehen die Vergütung der CEOs weiterhin deutlich über der übrigen Vorstandsmitglieder.
Laut einer Auswertung verdiente SAP Chef Christian Klein im Jahr 2025 16,24 Millionen Euro, Christian Sewing (Deutsche Bank) 15,69 Millionen Euro und Roland Busch (Siemens) 12,33 Millionen Euro. Mercedes CEO Ola Källenius lag im Jahr 2025 bei 8,78 Millionen Euro. Mark Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), kommentiert, dass sich die Rolle und Vergütung der CEOs zunehmend von denen ordentlicher Vorstandsmitglieder abhebt.
Ausblick: Eine Tarifrunde voller Konflikte
In der Herbst Tarifrunde werden voraussichtlich scharfe Auseinandersetzungen zu erwarten sein. Konzerne wollen Sonderzahlungen streichen und die Arbeitszeit erhöhen, um Personalkosten zu senken und auf die Transformation zu reagieren. Die IG Metall kündigt Widerstand an und fordert Investitionen in zukunftsfähige Produkte sowie den Erhalt sicherer Standorte.
Wie sich die Balance zwischen Arbeitsbedingungen und Kostendisziplin entwickelt, wird die Tarifverhandlungen prägen. Offen bleibt, inwieweit Forderungen nach Arbeitszeiterhöhungen bei gleichzeitig sinkender Werksauslastung durchsetzbar sind. Ebenso ist noch unklar, welche Rolle die EU Entgelttransparenzrichtlinie künftig in diesen Debatten spielen wird.







