Die radikale Umstrukturierung der Führungsebene bei Bayer unter Konzernchef Bill Anderson nimmt konkrete Formen an. Das Unternehmen reduzierte die Zahl der Manager von rund 16.000 auf 4.500. Dies entspricht einer Minderung von etwa 70 Prozent der Management-Posten.

Mit dieser Verschlankung der Hierarchie will Anderson Bayer zu einem agileren und innovativeren Konzern formen. Ziel ist die schnellere Anpassung an volatile Marktlagen.

Die Herausforderung für den CEO besteht nun darin, zu beweisen, dass diese neu gewonnene Agilität auch nachhaltiges Wachstum generiert.

Bürokratieabbau und neue Arbeitsweise

Die umfassenden Veränderungen zielen auf einen deutlichen Bürokratieabbau und die Beschleunigung von Entscheidungsprozessen ab. Anderson kritisierte die vormals zwölf Hierarchieebenen zwischen sich und den Kunden als ineffizient und zu langsam. Das neue Betriebsmodell, intern als „Dynamic Shared Ownership“ (DSO) bezeichnet, setzt auf 5.000 kleine, selbstverwaltete Teams.

Diese Teams arbeiten in 90-Tage-Zyklen. Sie sollen 95 Prozent der Entscheidungsfindung an die operative Basis verlagern. Die Rolle der Führungskräfte wandelt sich: Sie sollen die Vision des Unternehmens setzen, statt Ziele kaskadenförmig weiterzugeben oder Mitarbeiter direkt zu managen.

Ziel ist, Menschen mit mehr Autorität auszustatten und eine Unternehmenskultur zu fördern, die sich an der Priorität „Mission first, employees second, shareholders third, senior management last“ orientiert.

Der Stellenabbau konzentriert sich primär auf Management-Positionen und die Verwaltung. Im Jahr 2024 wurden bereits 7.000 Stellen abgebaut, überwiegend in diesen Bereichen. Insgesamt sank die Mitarbeiterzahl bis Ende 2024 auf gut 92.800 Vollzeitstellen, ausgehend von fast 100.000 zu Jahresbeginn.

Quellen sprechen von einem Abbau von 11.000 bis 14.000 Stellen seit Andersons Amtsantritt im Juni 2023. Der Großteil des Stellenabbaus soll bis Ende 2025 abgeschlossen sein. Ein Viertel bis ein Fünftel der im ersten Halbjahr 2026 abgebauten Stellen entfällt auf Deutschland, wo rund 22.200 Mitarbeiter beschäftigt sind.

Betriebsbedingte Kündigungen sind in Deutschland frühestens ab Ende 2026 möglich. Zuvor sollen Abfindungen angeboten werden.

Finanzieller Druck und Kosteneinsparungen

Die Umstrukturierung ist auch eine Reaktion auf den anhaltenden finanziellen Druck, unter dem Bayer seit der Monsanto-Übernahme steht. Seit der ersten Glyphosat-Niederlage im Sommer 2018 verzeichnete die Aktie Kursverluste von rund 75 Prozent. Anderson hat sich zum Ziel gesetzt, die Kosten bis 2026 um insgesamt zwei Milliarden Euro zu senken.

Für 2024 wurden bereits 500 Millionen Euro Einsparungen erreicht. Für 2025 sind weitere 800 Millionen Euro geplant. Die Jahreszahlen 2024 spiegeln die angespannte Lage wider: Der Umsatz sank währungsbereinigt um 2,2 Prozent auf 46,6 Milliarden Euro. Das bereinigte operative Ergebnis (EBITDA) fiel um 13,5 Prozent auf 10,1 Milliarden Euro. Der Nettoverlust 2024 betrug 2,55 Milliarden Euro.

Für das Geschäftsjahr 2025 prognostiziert Bayer einen währungsbereinigten Umsatz zwischen 45 und 47 Milliarden Euro und ein bereinigtes EBITDA zwischen 9,3 und 9,8 Milliarden Euro. Ein negativer freier Cashflow zwischen minus 2,5 Milliarden und minus 1,5 Milliarden Euro wird erwartet. Angesichts dieser Lage kündigte Bayer Anfang 2024 an, für drei Jahre nur eine Mindestdividende von elf Cent je Aktie auszuschütten.

Einzelne Medikamente zeigen Wachstum: Im zweiten Quartal 2026 stieg der Umsatz des Krebsmedikaments Nubeqa um 61,2 Prozent. Der Umsatz des Nierenerkrankungsmedikaments Kerendia wuchs um 80 Prozent. Produkte wie Xarelto und Eylea leiden hingegen unter dem Wettbewerb durch Generika und Biosimilars.

Die Nettofinanzverschuldung konnte Ende 2024 um 5,4 Prozent auf 32,6 Milliarden Euro reduziert werden, während der freie Cashflow 2024 mit 3,1 Milliarden Euro mehr als verdoppelt wurde.

Andersons Bewährungsprobe und die Reaktion des Marktes

Bill Anderson ist seit Juni 2023 CEO. Sein Vertrag wurde bis März 2029 verlängert. Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann sagte, Anderson habe „die richtigen Weichen gestellt und mit einem umfassenden Programm den Turnaround initiiert“. Die Aktie lag im Juni 2023 bei 48 Euro. Seitdem gab es Schwankungen und Zeichen einer Trendwende, sie notiert aber weiterhin unter früheren Höchstständen.

Der Markt beobachtet die Entwicklung aufmerksam. Die Reduktion der Management-Ebenen und die Einführung des DSO-Betriebsmodells sind ein Schritt, dessen langfristiger Erfolg sich noch zeigen muss. Analysten werden verfolgen, ob die angekündigten Kostensenkungen erreicht werden und ob die neue Struktur tatsächlich zu einer Beschleunigung der Innovationsprozesse sowie zu nachhaltigem Umsatz- und Ergebniswachstum führt.

Entscheidend wird sein, ob die verbleibenden Manager und die neuen selbstverwalteten Teams die Verantwortung übernehmen und die von Anderson angestrebte Innovationskraft freisetzen. Die kommenden Quartalsberichte und die weitere Entwicklung der Pipeline in den Segmenten Pharma und Crop Science werden Aufschluss darüber geben, ob der Umbau Bayer aus der langjährigen Krise führen kann.