Der Münchner Automobilkonzern BMW kritisiert die 35-Stunden-Woche als Risiko für die Wettbewerbsfähigkeit. Milan Nedeljković, Produktionsvorstand bei BMW, bezeichnet die Arbeitszeitverkürzung als Hindernis für „innovative neue Industrien, die im globalen Wettbewerb auf Geschwindigkeit angewiesen sind“. Er fordert zudem „Speed“ und Reformen.

Die Aussagen Nedeljkovićs fallen in eine Zeit intensiven Wettbewerbs und wirtschaftlicher Herausforderungen für die deutsche Automobilindustrie. BMW bereitet ein umfassendes Sparprogramm vor, um den Konzern agiler für die anstehende „Neue Klasse“ – die nächste Generation von Elektroautos – aufzustellen. Teil der Maßnahmen ist ein Personalstrukturprogramm, auf das sich BMW und der Betriebsrat im Sommer nach sechs Wochen Verhandlungen geeinigt haben.

Der Konzern setzt überdies auf Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI), um Prozesse zu beschleunigen und Lieferketten zu straffen.

Herausforderungen im China-Markt

Der chinesische Markt bereitet BMW Sorgen. Ein intensiver Preiswettbewerb, insbesondere durch chinesische Hersteller, belastet die Margen. Nedeljković warnt vor einem „ruinösen Preiskampf“ und kritisiert die Preisgestaltung einiger chinesischer Fahrzeuge in Europa als wirtschaftlich nicht sinnvoll. Zugleich warnt er, dass solche Praktiken protektionistische Tendenzen in Europa verstärken könnten.

Im Juli liegt der Marktanteil chinesischer Hersteller in Europa bei elf Prozent. Bereits im April entfallen über 15 Prozent der Elektrofahrzeugverkäufe in Europa auf chinesische Marken. Die EU hat zusätzliche Zölle auf batterieelektrische Fahrzeuge aus China verhängt, die je nach Hersteller zwischen 17 und 35,3 Prozent liegen.

Die BMW Group verkaufte in China nach einem Rekordjahr 2021 mit 847.900 Einheiten im Jahr 2025 nur noch rund 626.000 Fahrzeuge.

Hohe Kosten und Stellenabbau

Nedeljković beklagt zudem die hohen Arbeitskosten in Deutschland. Seit 2019 hat die deutsche Automobilindustrie rund 100.000 Arbeitsplätze abgebaut. Automobilzulieferer reduzieren ihre Belegschaften im gleichen Zeitraum um etwa 74.000 Stellen, was nahezu einem Viertel entspricht. BMW kündigt im Juni nach einer Margenwarnung den Abbau von 8.000 Stellen an.

Der Ruf nach Reformen und „Speed“ ist Teil einer breiteren Debatte um den Industriestandort Deutschland. Volkswagen plant ebenfalls Restrukturierungen und Jobkürzungen. Thomas Schäfer, Markenchef von Volkswagen, erklärt: „Wir haben absolut keine Zeit zu verlieren.“

Mercedes-Benz hat Werksschließungen in Deutschland nicht ausgeschlossen und stuft die Produktion dort teilweise als unrentabel ein. Am 21. September 2026 kommt es zu landesweiten Protesten von Automobilarbeitern, unter anderem organisiert von der IG Metall, die Schutzmaßnahmen für Arbeitsplätze fordert.

Politische Reaktionen und Ausblick

Die Debatte um Wettbewerbsfähigkeit und Kosten hat politische Relevanz. Bei den Landtagswahlen am 20. September 2026 in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin verliert die CDU Stimmen, während die AfD deutlich zulegt. Friedrich Merz, Vorsitzender der CDU, bezeichnet das Wahlergebnis als „ein Desaster“. Laut Umfragen liegt seine Zustimmungsrate bei rund 14 Prozent.

Die Forderungen der BMW-Führung nach mehr „Speed“, einer Neubewertung der 35-Stunden-Woche und niedrigeren Arbeitskosten stehen vor den anstehenden Tarifverhandlungen mit der IG Metall. Die Gewerkschaft will am 23. September 2026 ihre formellen Forderungen bekannt geben.

Die Debatte um die künftige Ausrichtung des Industriestandorts Deutschland dürfte damit an Schärfe gewinnen und die Verhandlungen maßgeblich beeinflussen.