Die Einführung kostenloser Studiengebührenprogramme an Universitäten in den USA ist laut einer Analyse der Brookings Institution ein wirksames Kommunikationsinstrument. Diese Programme signalisieren potenziellen Studierenden und ihren Familien, dass ein Hochschulstudium erschwinglich sein kann. Dies gilt auch dann, wenn die tatsächliche finanzielle Unterstützung für viele bereits vor der Einführung solcher Initiativen existierte.

Hochschulen nutzen diese Kommunikationsstrategien, um sich in einem wettbewerbsintensiven Markt zu positionieren.

Phillip Levine, Senior Fellow bei der Brookings Institution und Professor für Ökonomie am Wellesley College, betont, dass viele Studierende durch solche Programme auf bereits verfügbare finanzielle Hilfen aufmerksam werden. Er erklärt, dass viele Studierende bereits vor den Programmen Anspruch auf kostenlose Studiengebühren hatten, dies aber nicht wussten. Die Hauptwirkung dieser Initiativen sieht Levine als Kommunikationsmittel, das vermittelt, Hochschulbildung sei möglicherweise weniger kostspielig als angenommen.

Überdies sieht er in der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zur Affirmative Action einen möglichen Impuls für die verstärkte Nutzung solcher Maßnahmen. Die Berücksichtigung des sozioökonomischen Status bei Zulassungsentscheidungen ist laut Levine derzeit noch legal.

Die Definition von „Gratis-Studiengebühren“

Der Begriff „Free Tuition“ (Gratis-Studiengebühren) bezieht sich in den USA in der Regel ausschließlich auf die eigentlichen Studiengebühren. Kosten für Wohnen, Verpflegung, Bücher oder Reise sind hiervon nicht abgedeckt. Eine breitere Definition von „Free College“ würde alle diese Ausgaben einschließen, bleibt in den meisten Fällen jedoch eine theoretische Konstruktion.

Levine stellt klar: „Free tuition doesn’t mean free. Free tuition means free tuition.“

Die Rice University in Texas bietet mit dem „Rice Investment“-Programm ein Beispiel. Familien mit einem Jahreseinkommen unter 100.000 US-Dollar erhalten eine vollständige Übernahme der Studiengebühren und Lebenshaltungskosten. Für Familien mit einem Jahreseinkommen unter 200.000 US-Dollar entfallen zumindest die Studiengebühren.

Vor der Einführung des Programms lag der Listenpreis für Studiengebühren, Gebühren und Lebenshaltungskosten an der Rice University bei rund 97.000 US-Dollar. Yvonne Romero, Vice President for Enrollment und Dean of Admissions and Financial Aid an der Rice University, bemerkt, dass sich Studieninteressierte oft selbst aus dem Bewerbungsprozess nehmen, ohne zu erkennen, dass sie Anspruch auf erhebliche finanzielle Unterstützung hätten.

Auch das Colby College in Maine unterstützt Studierende mit dem „Colby Commitment“-Programm gestaffelt. Es legt den maximalen Eigenbeitrag der Familien auf Basis des Einkommens fest. Familien mit einem Einkommen von 150.000 bis 200.000 US-Dollar zahlen demnach höchstens 20.000 US-Dollar pro Jahr.

Randi Maloney, Dean of Admissions am Colby College, beschreibt die Wirkung: Wenn potenzielle Studierende das Gefühl haben, die Kosten seien kein wesentliches Hindernis, stellen sie tiefere Fragen, die über die reine Machbarkeit der Finanzierung hinausgehen. Sie interessieren sich dann für die Feinheiten des Studienangebots und die Unterstützung für das Leben nach dem College.

Deutsche Perspektiven auf Hochschulfinanzierung

In Deutschland unterscheidet sich die Debatte über Studiengebühren grundlegend. Hochschulen werden traditionell stark öffentlich finanziert. Bund und Länder wendeten im Referenzjahr 2020/2021 rund 30 Milliarden Euro für Hochschulen auf.

Dies entspricht einer Subvention von etwa 10.000 Euro pro Studierendem und Jahr. Die Ausbildung eines Mediziners wird mit rund 200.000 Euro beziffert, die eines Betriebswirts mit circa 30.000 Euro.

Ein OECD-Vergleich von 2017 zeigt, dass Deutschland knapp 10.000 US-Dollar pro Vollzeit-Studierendem ausgab. Dies lag etwa 1.000 US-Dollar unter dem EU-Durchschnitt. Die USA investierten hingegen fast 25.000 US-Dollar pro Studierendem.

In Deutschland werden 83 Prozent der Kosten im tertiären Bereich aus öffentlichen Geldern finanziert. Der EU-Durchschnitt liegt hier bei 73 Prozent. In den USA oder Großbritannien stammen hingegen oft nur 25 bis 35 Prozent aus öffentlichen Mitteln.

Der Rest wird durch Studiengebühren gedeckt.

Die temporäre Einführung allgemeiner Studiengebühren in einigen Bundesländern Mitte der 2000er-Jahre führte laut einer DIW-Studie von Jan Bietenbeck, Jan Marcus und Felix Weinhardt zu weniger Neueinschreibungen. Gleichzeitig schlossen bereits eingeschriebene Studierende ihr Studium schneller und häufiger ab. Weinhardt betont in diesem Zusammenhang, dass bei Überlegungen zu Studiengebühren keine zusätzlichen sozialen Ungleichheiten entstehen dürfen.

Das Bundesverfassungsgericht hob 2005 das Verbot von Studiengebühren auf und übertrug die Entscheidungshoheit an die Länder. Das Wintersemester 2014/2015 markierte mit der Abschaffung in Niedersachsen das Ende der allgemeinen Studiengebühren in Deutschland.

Studienkonten als mögliche Alternative

Als Alternative zu regulären Studiengebühren werden Konzepte wie Studienkonten diskutiert. Studierende erhalten dabei ein Guthaben, das sie an Hochschulen gegen Lehrveranstaltungen einlösen können. Dieses Modell geht in Ansätzen auf Milton Friedmans Lehre von Bildungsgutscheinen zurück.

Es soll Anreize für ein zügiges und effizientes Studium schaffen und begrenzt das kostenlose Bildungsangebot, schafft es aber nicht vollständig ab.

Die Hans-Böckler-Stiftung beauftragte eine Untersuchung zur Umsetzung von Studienkonten. Die Autorinnen Gertrud Hovestadt und Katrin Dircksen sehen Studienkonten als potenziellen Anreiz für ein Studium. Das Modell stelle keine Zugangshürden auf und könnte sogar wie ein Anreiz zum Studium wirken, weil es ein individuelles Quasi-Guthaben darstellt.

In der Schweiz steht derzeit ein Vorschlag zur Diskussion, die Studiengebühren zu erhöhen. Aktuell liegen die Gebühren bei durchschnittlich 1.445 Franken pro Jahr. Ein Vorschlag könnte diese auf rund 2.900 Franken verdoppeln.

Für internationale Studierende wäre in einigen Szenarien sogar eine Verdreifachung denkbar. Die JUSO Schweiz lehnt diese Pläne ab und fordert weiterhin kostenlose Bildung. Der Bundesrat verabschiedete Ende Januar 2025 den Vernehmlassungsentwurf für das Entlastungspaket 27 (EP27).

Es sieht Sparmaßnahmen vor, die auch die Hochschulen betreffen und einen höheren Eigenanteil der Studierenden implizieren.

Ausblick: Finanzierung und soziale Gerechtigkeit im Fokus

Die Diskussion um die Finanzierung der Hochschulbildung bleibt weltweit komplex. In den USA beschreibt die Analyse der Brookings Institution die „Free-Tuition“-Programme vornehmlich als Kommunikationsinstrumente, die die Wahrnehmung von Erschwinglichkeit verändern können. Das Urteil zur Affirmative Action sieht Phillip Levine als zusätzlichen Impuls für solche Maßnahmen.

In Europa, insbesondere in Deutschland, dominiert die Diskussion um öffentliche Finanzierung vor dem Hintergrund sozialer Gerechtigkeit und Zugangschancen.

Die Herausforderung besteht darin, Finanzierungsmodelle zu finden, welche die Qualität von Lehre und Forschung sichern, ohne den sozialen Zugang zur Hochschulbildung zu behindern. Analysten beobachten gespannt, welche Auswirkungen die Schweizer Debatte um Gebührenerhöhungen auf die Studierendenzahlen und die internationale Attraktivität ihrer Hochschulen haben wird. Die Entwicklung in den verschiedenen Ländern zeigt, dass die Balance zwischen staatlicher Förderung, Studierendenbeiträgen und dem Erhalt der Bildungsgerechtigkeit ein fortlaufendes politisches und gesellschaftliches Thema bleibt.