Ein signifikanter Rückgang der Stellenangebote für Berufseinsteiger prägt derzeit den deutschen Arbeitsmarkt. Seit dem Rekordjahr 2022 sind die Ausschreibungen für Einsteigerpositionen um zwei Drittel gesunken. Zum Vergleich: Der gesamte Stellenmarkt verzeichnete im selben Zeitraum einen Rückgang von 39 Prozent.

Lediglich die Bereiche Pflege, Medizin und Pharmazie sowie Lebensmittel, Gastronomie und Hotellerie verzeichnen seit 2022 Zuwächse bei Einstiegsjobs.

Diese Entwicklung stellt Absolventen vor Herausforderungen. Zugleich wirft sie Fragen nach den mittel- und langfristigen Folgen für die Talentpipelines der Unternehmen auf.

Einbruch im Einstiegssegment

Analysen der Jobbörse Indeed zeigen: Im Juli 2026 lagen die Ausschreibungen für Einstiegsjobs 46 Prozent unter dem Niveau von 2019. Im gleichen Zeitraum überschritt der Gesamtmarkt das Vor-Pandemie-Niveau um acht Prozent. Der Rückgang betrifft 26 von 28 untersuchten Berufsgruppen. In 23 dieser Gruppen fiel der Rückgang sogar stärker aus als im Gesamtmarkt.

Besonders hohe Einbußen verzeichnen Marketing mit minus 75 Prozent seit 2022, IT-Anwendungen und -Lösungen mit minus 77 Prozent sowie Projektmanagement mit minus 60 Prozent. Dr. Christina Langer, Senior Economist bei The Stepstone Group, weist darauf hin, dass der Arbeitsmarkt derzeit nur wenig zum Wechsel einlädt.

Jobsuchende berichten von langen Prozessen bis zum Bewerbungsgespräch oder zur Einstellung. Wer einen Job hat, hält sich in der Regel daran fest. Viele Hochschulabsolventen stecken oft in einem Teufelskreis: ohne Erfahrung kein Job, ohne Job keine Erfahrung.

Ursachen: Konjunktur und KI-Diskussion

Indeed führt die Entwicklung primär auf die schwache Konjunktur zurück. Unternehmen sparen in unsicheren Zeiten häufig gerade bei Investitionen in den Nachwuchs. Der Rückgang bei den Einstiegsjobs begann bereits im Sommer 2022, noch vor der breiten Verfügbarkeit generativer KI-Tools wie ChatGPT.

Virginia Sondergeld, Ökonomin bei Indeed, folgert daraus, dass sich ein direkter KI-Effekt auf den Stellenabbau bislang nicht belegen lässt.

Gleichwohl liefern Umfragen Hinweise auf Veränderungen in den Aufgabenprofilen. Eine Randstad-ifo-HR-Umfrage aus dem vierten Quartal 2025 ergab, dass 14 Prozent der befragten Unternehmen angeben, KI übernehme bereits typische Aufgaben von Berufseinsteigern. Weitere 40 Prozent erwarten dies innerhalb der nächsten drei Jahre.

Die Bundesregierung sieht nach aktuellem Kenntnisstand keinen belastbaren Nachweis für einen systematischen Beschäftigungsabbau durch KI in Deutschland. Sie betont, wie schwierig es ist, KI-Effekte von Konjunktur, Demografie und Digitalisierung zu trennen. Die Diskussion bleibt relevant, weil KI die Aufgabenprofile verändern könnte, an denen Berufseinsteiger traditionell lernen.

Lichtblicke und robuste Ausbildung

Trotz des Rückgangs bei akademischen Einstiegsjobs zeigen sich zwei Branchen robust: Pflege, Medizin und Pharmazie sowie Lebensmittel, Gastronomie und Hotellerie verzeichnen seit 2022 Zuwächse bei Einstiegsjobs. Dr. Anna Wittich, Arbeitsmarktforscherin bei Stepstone, nennt Handwerk, technische Berufe sowie Gesundheits- und Sozialberufe als Bereiche mit vergleichsweise guten Jobchancen.

Dort sind handwerkliches Können, technisches Verständnis und die direkte Arbeit mit Menschen gefragt. Dies sind Tätigkeiten, die nach Einschätzung Wittichs nicht so schnell durch KI ersetzt werden. Recruiter-Befragungen bewerten Studienfächer wie Medizin, Elektrotechnik/Elektronik, Soziale Arbeit und Informatik als vergleichsweise zukunftssicher.

Geisteswissenschaften schneiden in diesen Bewertungen am schlechtesten ab.

Das duale Ausbildungssystem wirkt zudem als stabilisierender Faktor. Berufsausbildungen inklusive dualer Studien liegen im Juli 2026 rund 50 Prozent über dem Niveau von 2019. Dies bietet jungen Menschen praktische Wege in den Arbeitsmarkt, die sich weniger konjunkturabhängig entwickeln als akademische Einstiegsjobs.

Die Erwerbslosenquote der 15- bis 24-Jährigen in Deutschland lag 2025 bei 7,1 Prozent. Das liegt deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 15,2 Prozent.

Ausblick: Fachkräftemangel und strukturelle Fragen

Dr. Christina Langer warnt, dass Unternehmen, die heute Juniorstellen abbauen, kurzfristig sparen, jedoch die Fachkräftebasis von morgen schwächen. Das Institut der deutschen Wirtschaft prognostiziert einen Anstieg des Fachkräftemangels in Deutschland auf 723.000 bis 2029. Im Jahr 2025 lag dieser demnach bei knapp 370.000.

Virginia Sondergeld warnt, dass dem aktuellen Trend zufolge ein Jahrgang mit Startnachteilen entstehen könnte. Vor diesem Hintergrund fordern die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mehr Anstrengungen in der Bildungspolitik, um jungen Menschen den Übergang ins Berufsleben zu erleichtern. Eine zentrale Frage bleibt, wie Unternehmen Lernumgebungen gestalten können, in denen Berufseinsteiger lernen, KI produktiv und kritisch als Werkzeug einzusetzen.