Angesichts der rasanten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz positionieren sich handwerkliche Berufe zunehmend als attraktive Option für junge Menschen. Aktuelle Daten belegen einen Aufwärtstrend: Die Zahl der Ausbildungsverträge im Handwerk steigt seit vier Jahren kontinuierlich. Unternehmen und Bildungseinrichtungen sehen KI dabei primär als Instrument zur Produktivitätssteigerung, nicht als vollständigen Ersatz menschlicher Arbeit.
Handwerk als KI-sichere Karriereoption
Junge Menschen suchen vermehrt nach Berufsfeldern, die als KI-sicher gelten. Das Handwerk wird dabei als Alternative zu traditionellen Bürojobs wahrgenommen. Eine im Mai 2026 von YouGov im Auftrag von Henning Hanebutt durchgeführte Umfrage unter mehr als 2.000 Befragten zeigt, dass zwei Drittel der Teilnehmer Berufe im Handwerk im KI-Zeitalter für sicherer halten als Bürotätigkeiten.
Ein Dachdeckermeister aus Neustadt am Rübenberge berichtet von 700 Bewerbungen auf 60 Ausbildungsplätze. Vor zehn Jahren habe es fünf Bewerbungen auf fünf Plätze gegeben. Etwa 30 Prozent der jungen Menschen fürchten, von KI ersetzt zu werden. Bei Studierenden und Auszubildenden liegt dieser Anteil noch höher.
Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer Dortmund, analysiert die Situation: „Die Jugendlichen nehmen wahr, dass viele Berufe, die früher attraktiv waren – Verwaltungsberufe in Banken, Versicherungen – in der Gefahr stehen, in Zukunft gar nicht mehr gebraucht zu werden, weil Künstliche Intelligenz gerade verwaltende Berufe deutlich unter Druck setzt.“ Gleichwohl planten laut einer Umfrage der Beratung Kienbaum für die WirtschaftsWoche 35 Prozent der befragten Personalverantwortlichen, bis 2030 wegen KI weniger Berufseinsteiger einzustellen.
Henning Hanebutt hebt zudem hervor, dass seine Zimmerleute die Ausbildung häufig als Sprungbrett nutzen: „Sie machen eine dreijährige Ausbildung und gehen dann vielleicht studieren oder zur Meisterschule.“ Bezüglich der technischen Grenzen der Automatisierung führt Hanebutt aus: „In Deutschland gibt es ungefähr 40 Millionen Dächer. Nur zwei oder drei Prozent ähneln sich, der Großteil ist individuell gebaut worden.
Wir können nicht im großen Stil Roboter auf Dächer setzen, gerade bei Altbauhäusern. Wenn beim Kirchturm Ziegel fehlen, steigt der Mensch aufs Dach, nicht die Maschine.“
Wandel der Ausbildungslandschaft
Im ersten Halbjahr 2026 wurden rund 67.800 neue Ausbildungsverträge im Handwerk abgeschlossen. Dies entspricht einem Plus von 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig ist die Zahl der Studienanfänger laut Statistischem Bundesamt in den vergangenen Jahren rückläufig.
Trotz des Anstiegs der Ausbildungszahlen bleibt der Fachkräftemangel im Handwerk jedoch bestehen, da der Bedarf an qualifizierten Kräften schneller wächst als der Nachwuchs.
Die Entwicklung zeigt regionale Unterschiede. Während bundesweit Zuwächse verzeichnet werden, melden der IHK-Bezirk Siegen und Nordrhein-Westfalen Rückgänge. Zum 31.
Juli 2026 waren im IHK-Bezirk Siegen 1.325 Ausbildungsverträge registriert, 5,4 Prozent weniger als im Vorjahr und der niedrigste Stand seit über 30 Jahren. In Nordrhein-Westfalen sank die Zahl der betrieblichen Ausbildungsstellen im Jahr 2026 um 6,4 Prozent. Diese Diskrepanz deutet auf heterogene regionale Dynamiken hin.
Parallel dazu steigt die Zahl der jungen Menschen in Deutschland, die weder in Arbeit noch in Ausbildung sind. Der Anteil der 20- bis 24-Jährigen ohne Arbeit oder Ausbildung stieg von 8,8 Prozent im Jahr 2022 auf 10 Prozent im Jahr 2025. Insgesamt sind rund 1,2 Millionen junge Menschen in Deutschland als NEETs eingestuft.
Diese Gruppe wird in der Forschung als strukturelles Problem und unterschätzte Reserve beschrieben.
KI als Ergänzung, nicht als Ersatz
Im Handwerk wird KI überwiegend als Ergänzung und Werkzeug zur Steigerung der Produktivität pro Arbeitsstunde verstanden. Berthold Schröder erklärt: „Wir müssen uns diese Technologien nutzbar machen, um mehr Zeit zu gewinnen für das, was uns wirklich Freude macht – Kunden zu beraten – und was keine Maschine am Ende des Tages kann. Das Handwerk hat eine positive Zukunft vor sich.
All das, was sich die Gesellschaft vorgenommen hat, wie Häuser dämmen, PV-Anlagen aufs Dach oder Wärmepumpen installieren, geht nur mit dem Handwerk.“
Das Weltwirtschaftsforum prognostiziert bis zum Jahr 2030 weltweit 170 Millionen neue Arbeitsplätze und 92 Millionen durch KI ersetzte Stellen. Dies soll in der Summe einen Nettozuwachs von 78 Millionen Arbeitsplätzen ergeben.
Die digitale Transformation erreicht auch das Handwerk und erfordert eine Anpassung von Geschäftsmodellen und Arbeitsweisen. Die Digitale Woche Dortmund (#diwodo) bringt Wirtschaft, Wissenschaft und Technologieanbieter zusammen, um Know-how in die Praxis kleiner und mittlerer Betriebe zu transferieren. Kai Bünseler, Organisator der #diwodo, betont, dass die Veranstaltung Digitallösungen für kleine und mittlere Unternehmen präsentiert und direkte Kontakte zu Innovationspartnern schafft.
Jugendforscher Simon Schnetzer mahnt indes: „Nur, weil sich jetzt mehr junge Menschen für das Handwerk interessieren, heißt das bisher nicht, dass sie auch dauerhaft dort glücklich werden.“ Dies legt nahe, dass neben der Wahrnehmung von KI-Sicherheit auch Arbeitsbedingungen, Karrierepfade und Weiterbildungsangebote für die langfristige Attraktivität des Handwerks eine entscheidende Rolle spielen.
Ausblick: Fachkräftebedarf und digitale Transformation
Die vorliegenden Daten zeigen einerseits steigende Ausbildungszahlen im Handwerk. Andererseits bleibt der Fachkräftemangel eine strukturelle Herausforderung. Die Integration von KI als unterstützendes Werkzeug dürfte jedoch maßgeblich zur Steigerung von Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit beitragen.
Gleichzeitig erfordert die Anpassung an neue Technologien eine kontinuierliche Weiterbildung und eine hohe Anpassungsfähigkeit der Arbeitskräfte.
Offen bleibt, wie junge Menschen, die derzeit weder in Ausbildung noch in Beschäftigung sind, besser erreicht und in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Die regional unterschiedlichen Entwicklungen bei den Ausbildungszahlen erfordern zudem eine weitere Beobachtung, um gezielte Maßnahmen ableiten zu können und den Herausforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden.







