Hensoldt-Chef Dörre fordert Tempo in der Verteidigungsindustrie

Oliver Dörre, CEO des Rüstungskonzerns Hensoldt, fordert beschleunigte Entscheidungsprozesse in der Verteidigungsindustrie. „Im Ernstfall ist keine Zeit für Grundsatzdiskussionen“, sagt Dörre. Hensoldt liefert Radare und Sensoren und ist auf die Auswertung militärischer Daten spezialisiert. Die Bundeswehr zählt dabei zu den wichtigsten Kunden des Unternehmens.

Die Debatte um eine beschleunigte Rüstungsproduktion hat durch die Drohnenattacke auf Leipzig und die Befürchtung weiterer Angriffe sowie den anhaltenden Krieg in der Ukraine an Dringlichkeit gewonnen.

Beschleunigte Reaktion auf globale Bedrohungen

Dörre betont die Notwendigkeit einer raschen Reaktion auf die sich verändernde Sicherheitslage. Hensoldt ist auf Radarsysteme, Sensortechnik und militärische Datenanalyse spezialisiert. Das international tätige Unternehmen hat seinen Sitz in Taufkirchen, die Bundeswehr gilt als wichtigster Abnehmer.

Die Forderung nach beschleunigten Entscheidungsprozessen steht in einer breiteren europäischen Debatte über die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und strategischen Souveränität der Industrie. René Winkin, Generaldirektor der FEDIL (Federation des Industriels Luxembourgeois), warnt vor einem Rückfall. Dieser könnte zur Schließung von Fabriken in Europa führen und damit zahlreiche Menschen betreffen.

Winkin fordert konkrete industriepolitische Maßnahmen, die mit der nötigen Geschwindigkeit umgesetzt werden müssen.

Fachkräftemangel und Produktionsengpässe in den USA

Parallel zu den deutschen und europäischen Forderungen ringen andere Länder mit Kapazitätsfragen. In den USA prognostiziert Deloitte, dass bis 2033 bis zu 1,9 Millionen Fertigungsjobs unbesetzt bleiben könnten. Dies sei der Fall, wenn Qualifikationslücken nicht behoben werden.

Nur rund drei Prozent der US-Ingenieure arbeiten demnach im Bereich Weltraumverteidigung. Zudem stammen etwa 70 Prozent der Elektrotechnik- und Informatik-Doktoranden an US-Institutionen aus dem Ausland.

Diese Befunde legen nahe, dass neben Finanzmitteln auch Personal und Produktionskapazitäten entscheidend für die Verteidigungsfähigkeit sind. Elbridge Colby, US Under Secretary of War for Policy, unterstreicht dies: „Worte reichen nicht aus. Echtes Geld und industrielle Kapazitäten müssen eingesetzt werden.“

Ukraine-Bedarf und internationale Lieferketten

Die Dringlichkeit der Debatte wird durch den Bedarf der Ukraine an Verteidigungsgütern verschärft. Auf einem Treffen der Ukraine Defense Contact Group wurde ein unmittelbarer Bedarf von 300 Patriot-Abfangraketen und 500 Luft-Luft-Raketen festgestellt. Die Ukraine benötigt zudem rund 2 Milliarden US-Dollar für Drohnen.

Bei dem Treffen wurde außerdem eine Finanzierungslücke von 27 Milliarden US-Dollar für die Verteidigung der Ukraine genannt. Die Ukraine hat laut Angaben 1.000 Patriot-Raketen kontrahiert. Die meisten Lieferungen beginnen demnach erst 2026.

Boaz Levy, Vorsitzender von Israel Aerospace Industries (IAI), warnt vor anhaltenden Engpässen. Er sagt, die Produktion von Abfangraketen laufe rund um die Uhr. Es werde aber immer einen Mangel geben, weil der Krieg asymmetrisch sei. Zugleich seien solche Systeme komplex und ihre Produktionszeit erheblich. Levy fordert höhere Budgets für zusätzliche Abfangraketen.

Politische Kontroversen und Standortfragen

In Deutschland sorgt die mögliche Ansiedlung einer Produktionsstätte von Elbit Systems in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) für politische Debatten. Lokale Behörden erklären, das Unternehmen wolle Komponenten für deutsche Firmen produzieren. Es handele sich nicht um vollständige Waffensysteme, Drohnen oder Artilleriegeschosse.

Ein Potenzial von bis zu 400 Arbeitsplätzen wird genannt. Elbit Systems Deutschland teilt gegenüber Reuters mit, man prüfe kontinuierlich Expansionsmöglichkeiten in Deutschland, habe aber noch keine Standorte ausgewählt.

Die Diskussion löste Kontroversen aus, auch durch Aussagen von Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt. Er verbindet die Waffenproduktion mit „Remigrations- und Abschiebeoffensiven“. Die AfD lehnt nach Angaben der Recherche Deutschlands Verteidigungsausgaben und Militärhilfe für die Ukraine ab.

Auch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) hat sich gegen das Sangerhausen-Projekt ausgesprochen.

Ausblick: Steigende Verteidigungshaushalte und anhaltende Herausforderungen

Die Forderungen von Hensoldt-Chef Oliver Dörre und anderen Branchenvertretern spiegeln eine Debatte über schnellere Beschaffungsentscheidungen und stärkere industrielle Fähigkeiten wider. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius beantragt für den Verteidigungshaushalt 2027 139,6 Milliarden Euro. Dies wäre nach den vorliegenden Angaben eine Rekordsumme.

Die Herausforderungen bleiben vielfältig. Neben der Finanzierung müssen Produktionskapazitäten erhöht, Lieferketten stabilisiert und qualifizierte Fachkräfte gewonnen werden. Die Notwendigkeit schnellerer Entscheidungsprozesse in Beschaffung und Industriepolitik dürfte ein zentrales Thema bleiben.

Deutschland und Europa wollen ihre strategische Autonomie und Verteidigungsfähigkeit in einem unsicheren Umfeld stärken. Auch die politische Debatte über die Ansiedlung von Rüstungsfirmen wird sich voraussichtlich fortsetzen.