Ingenieure sind häufig überzeugt, ein exzellentes Produkt spreche für sich. Eine aktuelle Studie beziffert diesen Wert auf 85 Prozent. Gleichzeitig bezeichnet ein Viertel der befragten Ingenieure Marketing und Kommunikation im Industrie- und Fertigungsbereich als „komplette Zeitverschwendung“.
Diese Haltung steht im Gegensatz zur Notwendigkeit von Marktpräsenz und Vertrauen – insbesondere vor dem Hintergrund, dass künstliche Intelligenz (KI) das Marketing transformiert.
Glaubwürdigkeitslücke: Wenn Marketing auf Technik trifft
Das Misstrauen gegenüber Marketingabteilungen ist groß. Lediglich zwölf Prozent der befragten Ingenieure geben an, ihre Marketing-Teams produzierten durchweg präzise Inhalte. Mehr als die Hälfte (57 Prozent) berichtet von Marketing- oder PR-Aktivitäten, welche ihre Technologie falsch darstellten oder übertrieben.
Ein Ingenieur beschreibt das Problem so: „Die Ingenieurabteilung erstellt eine Spezifikation dessen, was das Gerät leisten kann, und dann nehmen die Marketingleute das und machen daraus etwas, das tatsächlich nie angeboten wurde.“
Die Studie zeigt überdies, dass Ingenieure im B2B-Kontext Marken bevorzugen, denen sie vertrauen. Sie meiden günstigere, ungetestete Alternativen aus Sorge, dass das Produkt „nicht pünktlich, oder überhaupt nicht ankommt oder nicht den Spezifikationen entspricht“. Die gängige Praxis, Marketing-Profis technische Details beizubringen, beschreiben sie als eine „inoffizielle Ingenieur-Ausbildung“, die sich nicht skalieren lässt. 88 Prozent der Befragten geben an, sie würden sich eher mit Kommunikations- und Marketingmaterialien beschäftigen, wenn ein Ingenieur diese verfasst hätte.
Die interne Lösung, Ingenieure in Kommunikationsrollen zu bringen, gilt indes als schwierig, weil Kommunikation und Marketing eigenständige, qualifizierte Berufe sind.
Strategische Neuausrichtung: Externe Expertise und interne Bildung
Als Reaktion auf diese Lücke setzen Unternehmen der Recherche zufolge auf externe Spezialisten. PR-Agenturen, die bereits Ingenieure für Marketing und Kommunikation rekrutiert und geschult haben, können als Mittler zwischen Technik und Marketing agieren und kurzfristig Ergebnisse liefern. Zugleich etablieren sich interne Bildungsprogramme, die Ingenieur-Teams ein Verständnis für Marketing als strategische Funktion vermitteln sollen.
Für frisch finanzierte Tech-Startups betont ein „Digital Marketing-Playbook“ (Lilox, 2026), dass Funding die Startlinie markiert und Investoren messbare Ergebnisse statt Intuition erwarten. Das Playbook hebt hervor: „Fundament vor Budget“. Strategie und Positionierung sollen Marketingausgaben effektiver gestalten.
Zu den häufig genannten Fehlern zählen unter anderem das zu frühe Hochfahren von Paid Ads bei unklarer Positionierung, ein Produktdenken statt Kundenfokus und die Vernachlässigung von Suchmaschinenoptimierung (SEO), während die Zielgruppe bereits KI für Suchen nutzt.
Rolle der Künstlichen Intelligenz im technischen Marketing
KI kann Marketing-Teams helfen, technische Kernelemente schneller zu verstehen, etwa über unternehmenseigene Lernplattformen. Sie generiert zahlreiche Textvarianten, Ideen und Motive und automatisiert repetitive Aufgaben. KI-Systeme bieten damit einen Ausgangspunkt für Marketingaktivitäten, können der Recherche zufolge aber keine vollständige Strategie autonom entwickeln.
Unternehmensziele, Marktposition, Zielgruppen, Kultur, Wettbewerb und Markenidentität müssen weiterhin menschlich integriert und bewertet werden.
Durch KI verschiebt sich der Agentur-Mehrwert stärker in Richtung Strategie, Beratung und Markenentwicklung. Fachwissen gewinnt an Bedeutung für die Qualitätskontrolle KI-generierter Ergebnisse. Die Zukunftskompetenz liegt weniger im reinen Prompting als vielmehr im Prüfen, Auswählen und Entscheiden.
KI-generierte Designs können ästhetisch sein, bergen jedoch das Risiko der Austauschbarkeit und fehlenden Markendifferenzierung. Mittelständische Unternehmen sind deshalb angehalten, zuerst Position und Kernbotschaften zu klären und erst dann Kanäle zu wählen. Aktionismus und spontane Einzelmaßnahmen gelten als problematisch.
Neue Berufsbilder an der Schnittstelle von Technik und Markt
Die Schnittstelle von Technik und Markt zeigt sich in verschiedenen Rollen. Der Vertriebsingenieur verbindet nach wie vor technisches Fachwissen mit Vertrieb und Kundenberatung. Er entwickelt kundenspezifische Lösungen und arbeitet an der Schnittstelle von Technik, Kundenanforderungen und wirtschaftlichen Interessen.
Aktuelle Stellenausschreibungen illustrieren, wie Unternehmen technische Expertise mit Marketing- oder Plattform-Kompetenz verknüpfen. Die RICHARD WOLF GmbH veröffentlichte am 24. August 2026 ein Stellenangebot für einen „Ingenieur als Marketing Manager“ im Bereich Medizintechnik/Urologie.
Die PartSpace GmbH suchte am 25. August 2026 einen „Marketing Manager B2B Growth & Performance“ für eine KI-Plattform zur Bauteilbeschaffung. Diese Rolle verlangt laut Ausschreibung datengetriebenes Denken in Funnels und KPIs sowie Erfahrung mit Paid- und Non-Paid-Kanälen wie Google Ads und LinkedIn Ads.
Ebenfalls am 25. August 2026 listete die E.ON Energie Deutschland GmbH eine Stelle für „Senior Salesforce System Engineer – Data 360 & Marketing Cloud“ mit Aufgaben zur Gestaltung skalierbarer Daten- und Marketingarchitekturen. Dafür sind Erfahrungen in Salesforce Data 360, Marketing Cloud, Datenintegration und KI erforderlich.
Und Tangible, ein Fintech, suchte jüngst einen Forward-Deployed Engineer, der technische Gespräche mit Kunden führt, Kundenanforderungen übersetzt und kundenspezifische Integrationen entwickelt.
Die Stellenanzeigen deuten auf eine steigende Nachfrage nach Hybridprofilen hin, die Technik- und Marketing-Know-how verbinden. Wie sich unterschiedliche Modelle in puncto Skalierbarkeit und Erfolg bewähren, bleibt abzuwarten. Die weitere Entwicklung dieser Rollen wird entscheidend sein, um die Glaubwürdigkeitslücke zwischen Technik und Marketing langfristig zu schließen und die Potenziale von KI im Industriebereich voll auszuschöpfen.







