Instagram testet ein neues Langformat namens „Features“, mit dem Creator horizontale Videos im Querformat mit einer Spieldauer von bis zu 90 Minuten veröffentlichen können. Für die Meta-Tochter markiert dies einen strategischen Kurswechsel. Ziel des Schritts ist es, reichweitenstarke Creator und deren ausführliche Inhalte dauerhaft im eigenen Ökosystem zu halten.
Bislang spielt der Empfehlungsalgorithmus von Reels Videos mit mehr als drei Minuten Laufzeit kaum an neue Zielgruppen aus. Podcaster, Comedians, Interviewer und Produzenten episodischer Formate nutzen Instagram daher primär als Distributionskanal für Teaser, um Nutzer auf konkurrierende Plattformen wie YouTube zu lenken. Mit dem Langformat steuert Instagram dieser Abwanderung nun gezielt entgegen.
Die Langvideos erscheinen künftig im regulären Feed, auf der Explore-Seite sowie in einem gesonderten Reiter direkt auf den Profilen der Creator.
Verknüpfung mit Kurzvideos als Reichweitenhebel
Kern der Produktstrategie ist die enge Verzahnung mit dem etablierten Reels-Format. Kurze Clips lassen sich direkt mit der Langversion verknüpfen. Nutzer wechseln mit einem Klick aus dem Feed in das bis zu 90-minütige Vollformat. Instagram erprobt dabei die Option, bis zu acht Kurzclips als Einstiegspunkte für ein einzelnes Langvideo zu hinterlegen.
Dahinter steht ein enormes Netzwerk: Laut Meta teilen Nutzer täglich rund 4,5 Milliarden Reels über Direktnachrichten. Creator unterliegen dabei keiner Exklusivitätspflicht und dürfen ihre Inhalte parallel auf Drittplattformen monetarisieren oder veröffentlichen. An der aktuellen Testphase in den USA beteiligen sich unter anderem Colin Rosenblum und Samir Chaudry („Colin and Samir“), Emma Grede, Monet McMichael, Donald De La Haye sowie Preston Rakovsky.
Zuvor hatte der Konzern bereits geschlossene Tests in Brasilien durchgeführt.
Der Vorstoß ins Wohnzimmer
Instagram koppelt das neue Format eng an seine Expansion auf vernetzte Fernsehgeräte. Die Instagram-TV-App startete im Dezember 2025 auf Amazon Fire TV in den USA, weitete die Verfügbarkeit anschließend auf Geräte von Samsung und Google TV aus und kündigte zudem einen Start auf Apple TV an. Ergänzend erprobt Instagram Funktionen, mit denen das Smartphone als Fernbedienung für den Großbildschirm fungiert.
Damit greift der Konzern direkt YouTube an, das im Segment des Connected TV traditionell führt. Im August entfielen laut Nielsen Media Distributor Gauge 15,8 Prozent der gesamten TV-Nutzung in den USA auf YouTube, womit die Plattform vor Anbietern wie Walt Disney und Netflix lag. Adam Mosseri, Head of Instagram, begründet den Schritt pragmatisch: „We want to be the most culturally relevant platform, and to do that, we need to show up where people are.“
Strategischer Schwenk birgt operative Hürden
Die Einführung horizontaler Langformate bricht mit der bisherigen Produktphilosophie des Netzwerks. Nach dem Scheitern und der Einstellung der separaten IGTV-App im Jahr 2022 argumentierte Mosseri lange Zeit gegen lange Videoformate, da passiver Fernsehkonsum das aktive Teilen unter Freunden hemme. Die Kehrtwende verdeutlicht den Druck, verlorene Verweildauer von TV-Bildschirmen und externen Plattformen zurückzugewinnen.
Wirtschaftlich agiert Meta dabei aus einer Position der Stärke. Im dritten Quartal steigerte der Konzern seinen Werbeumsatz um rund 26 Prozent auf 63,06 Milliarden US-Dollar. Analysten bewerten die Meta-Aktie mehrheitlich optimistisch: Der Marktkonsens lautet auf „Strong Buy“, gestützt auf 38 Kauf- und sechs Halteempfehlungen bei einem durchschnittlichen Kursziel von 852,31 US-Dollar.
Das größte Risiko bleibt indes die Monetarisierung. Zum Start verzichtet Instagram auf ein reguläres Ad-Revenue-Sharing für Langvideos. Marktführer YouTube schüttet standardmäßig 55 Prozent der Werbeeinnahmen an berechtigte Creator aus.
Auf Instagram müssen Creator vorerst auf eigene Sponsoring- und Markenverträge vertrauen, während Meta individuelle Vergütungsvereinbarungen mit ausgewählten Partnern verhandelt.
Einen Zeitplan für den Rollout von „Features“ in Europa, Australien oder weiteren Märkten nennt Meta bislang nicht. Branchenbeobachter werten die Einführung eines wettbewerbsfähigen, automatisierten Auszahlungsmodells als entscheidende Voraussetzung dafür, dass Medienschaffende ihre Produktionsbudgets langfristig zu Instagram verlagern.







