Mehrere Studien, darunter Analysen des Kiel Instituts und neuere Arbeiten wie von Anthropic, hinterfragen die Annahme, dass Künstliche Intelligenz (KI) primär geringqualifizierte Arbeitskräfte gefährdet. Die Befunde zeigen stattdessen, dass auch Hochqualifizierte und erfahrene Fachkräfte potenziell stärker von der Umgestaltung des Arbeitsmarktes durch KI betroffen sein können. Dies erfordert eine Neubewertung von Anpassungsstrategien in Wirtschaft und Bildung.

KI transformiert Tätigkeitsprofile statt Arbeitsplätze zu vernichten

Die Einführung von KI am Arbeitsmarkt führt vorrangig zu einer Umorganisation von Tätigkeiten und verlangt häufig eine Höherqualifizierung. Ein massiver Abbau von Arbeitsplätzen ist bisher nicht erkennbar. Die Beschäftigungsniveaus erscheinen stabil, wobei es Anzeichen für langsames Wachstum gibt.

Weltweit sind nahezu 40 Prozent aller Arbeitsplätze in unterschiedlichem Ausmaß von KI betroffen. In hochentwickelten Volkswirtschaften liegt dieser Anteil bei rund 60 Prozent. Dies ist bedingt durch den hohen Anteil kognitiver Tätigkeiten in diesen Ländern.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schätzt, dass knapp 36 Prozent der heutigen Tätigkeiten potenziell bereits von Computern ausgeführt werden könnten.

Forschende des Kiel Instituts kommen zu dem Schluss: „Höhere KI-Exposition hat keinen messbaren Effekt auf die Gesamtbeschäftigung, verlangt aber systematisch nach einer Höherqualifizierung.“ Professor Holger Görg, Forschungsdirektor am Kiel Institut, ergänzt: „Routineaufgaben verschwinden, während neue Rollen entstehen, die Analyse, Kommunikation und technisches Verständnis erfordern. Vor allem wissensintensive Firmen erhöhen nach unserer Beobachtung durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz über die Zeit ihren Anteil hochqualifizierter Beschäftigter.“

Erfahrene Kräfte stärker im Fokus der KI

Mehrere Arbeiten, darunter Studien des Kiel Instituts und Ergebnisse von Anthropic, zeigen, dass erfahrene und hochqualifizierte Arbeitskräfte potenziell stärker exponiert sind. Ihre Tätigkeiten sind oft stärker kognitiv geprägt und erfordern weniger körperlichen Einsatz oder intensive zwischenmenschliche Interaktion. Tätigkeiten in Datenanalyse, Softwareentwicklung und Übersetzung gehören zu den Bereichen mit hoher KI-Exposition.

Berufe mit erheblicher körperlicher Arbeit oder intensivem sozialem Kontakt, etwa Pflegeberufe oder viele manuelle Tätigkeiten, sind demgegenüber weniger betroffen. Analysen legen nahe, dass Beschäftigte in den am stärksten exponierten Berufen tendenziell älter, häufiger weiblich, besser ausgebildet und höher bezahlt sind. Dies nuanciert die Debatte, die lange vorrangig die Gefährdung geringqualifizierter Tätigkeiten in den Vordergrund stellte.

Eduard Storm, Arbeitsmarktforscher am Institut für Höhere Studien (IHS), formuliert es so: „KI ist keine pauschale Bedrohung, aber sie kann bestehende Ungleichheiten verstärken.“ Er fügt hinzu: „Expertise und Anpassungsfähigkeit werden zu entscheidenden Faktoren, um von der Digitalisierung zu profitieren.“ Unterschiedliche Analysen deuten auf divergente zeitliche Effekte hin.

Das IHS sieht in mittleren Zeiträumen einen sinkenden Arbeitskräftebedarf auf Spezialistenniveau, während Modelle und Szenarien anderer Forschungsarbeiten, etwa IAB/GWS-Analysen, langfristig einen Rückgang der Beschäftigung von Expertinnen und Experten im Vergleich zu Referenzszenarien prognostizieren.

Regionale Unterschiede und Qualifikationslücken

Die Auswirkungen von KI variieren regional. Für Deutschland zeigt eine Szenarienrechnung, dass das jährliche Wirtschaftswachstum im KI-Szenario im Mittel um 0,8 Prozentpunkte höher ausfallen könnte. Kumuliert ergeben sich über 15 Jahre demnach rund 4,5 Billionen Euro zusätzliche Wertschöpfung.

Gleichzeitig wären in diesem Szenario etwa 1,6 Millionen Arbeitsplätze im Verlauf von 15 Jahren vom Strukturwandel betroffen – durch Auf- und Abbau.

Ein wesentliches Hemmnis für die Implementierung von KI ist der Mangel an KI-bezogenen Fähigkeiten. Rund 50 Prozent der Unternehmen nennen dies als wichtigste Hürde.

In einer Schweizer Studie geben 38 Prozent der Erwerbstätigen an, sich wegen KI Sorgen um ihren Arbeitsplatz zu machen. 31 Prozent glauben, dass mindestens die Hälfte ihrer Arbeit in fünf Jahren durch KI übernommen sein könnte. Bei den 18- bis 35-Jährigen sind es 38 Prozent. Die Erhebung suggeriert ein erhöhtes Bewusstsein und eine größere Unsicherheit insbesondere bei jüngeren Erwerbstätigen.

Strategische Entscheidungen sind entscheidend

Die konkreten Arbeitsmarkteffekte von KI hängen entscheidend von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen ab. Viele Studien betonen die Notwendigkeit gezielter Bildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen sowie arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen, um Übergänge zu gestalten und Qualifikationslücken zu schließen. Forscher fordern, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik so auszurichten, dass die für neue Tätigkeiten erforderlichen Kompetenzen entstehen und betroffene Gruppen unterstützt werden.

Die derzeitigen Befunde verschieben die Debatte weg von einer pauschalen Angst vor Jobverlust hin zu einer differenzierteren Betrachtung von Qualifikationsanforderungen und Aufgabenprofilen. Politische Entscheider und Unternehmen werden diese Entwicklung beobachten und gezielte Maßnahmen entwickeln müssen, die auch die identifizierten Risikogruppen — darunter hochqualifizierte und erfahrene Kräfte — berücksichtigen. Insbesondere die Frage, wie die Wirtschaft weiterhin von der Wertschöpfung durch Automatisierung profitiert und gleichzeitig soziale Ungleichheiten minimiert, bleibt eine zentrale Herausforderung.