KPMG sieht im Aufstieg der Künstlichen Intelligenz (KI) ein Milliardengeschäft und eine tiefgreifende Entwicklung. Cyberrisiken und die Umgestaltung der Belegschaft prägen die Agenda der Unternehmensleitungen. Gleichzeitig offenbaren zurückgezogene KPMG-Publikationen sowie warnende Stimmen aus der KI-Entwicklerszene eine komplexe Debatte über Chancen, Risiken und Grenzen der Technologie.
KI als Jahrhundertchance und unterschätztes Risiko
Tim Walsh, US-Chair und CEO von KPMG, bezeichnet die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz als wegweisend. Er bemerkt: „Ich glaube nicht, dass KI wie Y2K enden wird. [...] Etwas passiert, und es ist wirklich, wirklich groß.“ Für KPMG stelle KI nach seinen Worten „ein milliardenschweres Geschäftspotenzial dar, das wir uns sicherlich erschließen wollen.“
Die Investitionsbereitschaft spiegelt sich in KPMG-Umfragen wider. Im KPMG 2025 Global CEO Outlook gaben 69 Prozent von über 1.300 befragten CEOs an, in den nächsten zwölf Monaten zehn bis 20 Prozent ihres Budgets in KI investieren zu wollen. 71 Prozent nannten KI als Top-Investitionspriorität für das Jahr 2026.
Parallel wächst die Sorge vor Cyberrisiken. In der KPMG-Erhebung für den US CEO Outlook erwarten 85 Prozent von 400 US-CEOs, dass Cyberkriminalität und Cyberunsicherheit die Prosperität ihrer Organisation in den nächsten drei Jahren beeinträchtigen werden. 48 Prozent planen, ihre Investitionen in Cybersicherheit zu erhöhen.
Spezifische KI-bezogene Bedrohungen identifizierten die Befragten ebenfalls. 78 Prozent nannten KI-gestützte Social-Engineering-Angriffe, 76 Prozent KI-assistierte Malware beziehungsweise Phishing und 73 Prozent Daten- und Datenschutzrisiken durch KI-Agenten. 62 Prozent der US-CEOs sind sich zudem der Risiken des Quantencomputings für Verschlüsselung bewusst. Allerdings haben lediglich vier Prozent konkrete Pläne zur Bewältigung genannt. Walsh wies in dem Zusammenhang auf „eine Menge Cyberrisiko in der derzeitigen Infrastruktur“ hin, „weil die Infrastruktur Jahrzehnte alt ist.“
Fachkräftemangel prägt den Wandel
Der Fachkräftemangel bleibt ein zentrales Hemmnis für die Umsetzung von KI-Strategien. Laut dem KPMG Global Tech Report 2026 geben 53 Prozent der befragten Unternehmen an, dass ihnen die Talente fehlen, um digitale Transformationspläne zu realisieren. 63 Prozent nennen Kosten für die Behebung technischer Schulden als Hindernis. Der Report basiert auf einer globalen Umfrage unter 2.500 Tech-Führungskräften in 27 Ländern.
Im KPMG US CEO Outlook nennen 70 Prozent der befragten CEOs den Wettbewerb um KI-Talente als Sorge. 77 Prozent sehen die Weiterqualifizierung der Belegschaft als Herausforderung. Zur Personalstrategie der US-Unternehmen ergaben die Befragungen: 86 Prozent gestalten Rollen, Karrierewege und Teamstrukturen neu. 83 Prozent konzentrieren sich auf das Halten und Umschulen von High-Potentials, 79 Prozent stellen vermehrt Personen mit KI- und Tech-Kenntnissen ein. Gleichzeitig planen 53 Prozent der befragten US-CEOs Reduzierungen in einzelnen Bereichen.
Dessen ungeachtet erwarten 89 Prozent insgesamt ein Personalwachstum in den nächsten drei Jahren. Davon erwarten 60 Prozent unter fünf Prozent Wachstum, 26 Prozent sechs bis zehn Prozent und zwei Prozent elf bis 25 Prozent.
Diese Befunde zeigen eine Verschiebung auf dem Arbeitsmarkt. In manchen Bereichen werden Kapazitäten abgebaut. Gleichzeitig besteht hoher Bedarf an spezialisierten Tech-Fachkräften.
Ein konkretes Beispiel liefert die Chemiebranche in Deutschland. Innerhalb eines Jahres sank die Beschäftigung um 2,4 Prozent. Zugleich besteht laut dem Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) ein Fachkräftemangel in Bereichen wie Produktion, Technik und Instandhaltung.
Andreas Ogrinz (BAVC) sprach von einer „tiefgreifenden Verschiebung von Tätigkeiten und Kompetenzen“. Er sagte: „KI ersetzt nicht Arbeit, sie ergänzt sie.“ Thorsten Pinkepank (BASF) warnte davor, Innovationen durch übermäßige Regulierung zu bremsen und betonte, „KI ist vorrangig ein Bildungsthema.“
Glaubwürdigkeitsfragen und ernste Warnungen
Die rasche Verbreitung von KI führt zu praktischen Problemen für Beratungsfirmen. KPMG zog einen Bericht zur KI-Nutzung zurück, da darin KI-generierte, erfundene Fallstudien enthalten waren. Auch EY musste eine Studie wegen erfundener Daten zurückziehen.
GPTZero (Edward Tian) wies auf die Gefahr von „Sekundär-Halluzinationen“ hin. Diese entstehen, wenn fehlerhafte Berichte großer Beratungsfirmen weiterverbreitet werden. KPMG International erklärte dazu: „Wir nehmen die Genauigkeit und Integrität unserer veröffentlichten Inhalte ernst“ und betonte die Erwartung menschlicher Überprüfung zur Validierung von KI-generierten Inhalten.
Parallel äußern führende KI-Akteure ernste Bedenken. Sam Altman (OpenAI) sagte: „The thing I lose the most sleep over is the misinformation problems with future models. Not this current one, but the one after this and the one after that.“
Er warnte vor Modellen, die „so good at persuasion, so good at deception...“ sein könnten. In einer solchen Welt wisse man „gar nicht mehr, was echt ist und was nicht.“
Jacob Coxon, ein ehemaliger KI-Forscher bei Anthropic, kritisierte: „Keines der Unternehmen handelt verantwortungsvoll. Sie rasen geradewegs auf selbstverbessernde Superintelligenz zu und setzen unser Leben aufs Spiel.“ Anthropic selbst forderte im Juni 2026 eine Pause bei der KI-Entwicklung.
KPMG-CEO Walsh nimmt die Besorgnis der Modellentwickler zur Kenntnis. Er bleibt in seiner Einschätzung jedoch optimistischer als jene Warner aus der Entwicklergemeinde. Siemens-Chef Roland Busch warnte vor einer überzogenen Regulierung: „Man denke nur daran, wie lange es dauert, bis ein 'AI Act' oder 'Data Act' verabschiedet wird – vielleicht zwei Jahre.
In dieser Zeit können sich KI-Modelle bereits sechs- oder achtmal weiterentwickelt haben.“ Er bezeichnete den KI-Boom als „die größte Wette der Geschichte auf Technologie“ und sagte, es handele sich „nicht um eine Blase.“
Ausblick auf nächste Schritte und offene Fragen
Die Debatte um KI wird sich voraussichtlich weiter zuspitzen. Die Diskrepanz zwischen dem optimistischen Blick vieler Beratungs- und Industriechefs einerseits und den Warnungen aus der Entwickler-Community andererseits bleibt eine zentrale offene Frage.
Der Fachkräftemangel bleibt ein Thema für Weiterbildung, Umschulung und Personalstrategie, wie die KPMG-Umfragen zeigen. Die mögliche Veröffentlichung von GPT-5 Ende 2025 könnte die Diskussion über Leistungsfähigkeit und Risiken von KI-Modellen neu befeuern. Roland Busch wies darauf hin, dass Gesetzgebungsverfahren wie ein AI Act Zeit brauchen und Modelle sich in dieser Zeit mehrfach weiterentwickeln können – ein Faktor, den Politik und Wirtschaft berücksichtigen müssen.







