Das Business-Netzwerk LinkedIn baut sein Vermarktungsprogramm für Creator aus und forciert die Monetarisierung von Videoinhalten. Die Microsoft-Tochter öffnet das bisherige Publisher-Umsatzbeteiligungsmodell „Wire“ unter dem Namen „BrandLink“ nun auch für individuelle Content-Ersteller. Berichte hinter Bezahlschranken verweisen zudem auf ein natives Produktformat für kostenpflichtige Beratungsstunden.
Frei zugängliche Quellen liefern für solche sogenannten „Advice Sessions“ bislang allerdings keine verifizierten Produktdetails oder festen Provisionssätze.
Werbebudgets wandern von X und TikTok zu LinkedIn
Hinter dieser Produktoffensive steht eine spürbare Umschichtung von Marketingbudgets im B2B-Segment. Zahlreiche Unternehmen verlagern ihre Budgets von Plattformen wie X zu LinkedIn, da Markensicherheitsbedenken im Umfeld von Kurznachrichtendiensten zunehmen. Parallel dazu sorgen anhaltende regulatorische Unsicherheiten sowie drohende Verbote rund um die Kurzvideo-App TikTok in den USA dafür, dass Werbetreibende verlässliche Alternativen suchen.
Die Plattform profitiert von dieser Dynamik. LinkedIn erzielt im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 17,81 Milliarden US-Dollar und überschreitet im vierten Quartal 2025 eine annualisierte Run-Rate von 20 Milliarden US-Dollar. Die Gesamtgröße des Netzwerks liegt bei über 1,3 Milliarden Mitgliedern, darunter befinden sich rund 63 Millionen Nutzer, die als Entscheidungsträger klassifiziert sind.
Für B2B-Vermarkter bietet diese Zielgruppenstruktur eine Reichweite mit geringen Streuverlusten.
Entsprechend passen Software- und Technologiekonzerne ihre Marketingausgaben an. Notion steigert nach Unternehmensangaben den Anteil von LinkedIn am gesamten Influencer-Marketing-Budget von rund 25 Prozent auf 40 bis 45 Prozent. Der Softwareanbieter HubSpot allokiert Berichten zufolge etwa zehn Prozent seines Budgets für Creator auf der Microsoft-Plattform.
Auf B2B-Kampagnen spezialisierte Agenturen wie Cherry Lane verzeichnen Kunden, die ihre Ausgaben für LinkedIn-Aktivitäten innerhalb eines einzigen Jahres von fünfstelligen auf sechsstellige Beträge anheben.
Brendan Gahan, Chef der Agentur Creator Authority, beschreibt die Transformation treffend: Aus isolierten Marketing-Experimenten entwickeln sich feste Etatposten für LinkedIn-Creator.
BrandLink etabliert Revenue Sharing für Videowerbung
Auf Produktebene institutionalisiert LinkedIn diese Entwicklung. Am 1. Mai 2025 meldet das Netzwerk das Rebranding und den strategischen Ausbau des Publisher-Umsatzbeteiligungsmodells „Wire“ zu „BrandLink“ an.
Mit diesem Schritt bindet die Plattform erstmals individuelle Creator direkt in das Werbegeschäft ein. Ab dem Kampagnenstart am 2. Juni 2025 können Werbekunden 15-sekündige In-Stream-Videospots innerhalb neu geschaffener „LinkedIn Shows“ platzieren.
Dabei handelt es sich um thematisch fokussierte Videoformate, die sich Schwerpunkten wie Künstlicher Intelligenz oder Unternehmensführung widmen.
Die Fokussierung auf Creator-Inhalte stützt sich auf Interaktionsdaten. Creator-Beiträge erzielen auf LinkedIn im Durchschnitt 15-mal mehr Interaktionen als klassische Firmenbeiträge. Interne Algorithmus-Auswertungen verdeutlichen die Spreizung zwischen den Formaten: Karussell- und Dokumenten-Beiträge verzeichnen mit 24,42 Prozent die höchsten Engagement-Raten, während Videoinhalte bei 6,47 Prozent und reine Textbeiträge bei 4,00 Prozent liegen.
Das durchschnittliche plattformweite Engagement beläuft sich auf 5,20 Prozent.
Zugleich etablieren sich Short-Form-Videos als relevanter Wachstumstreiber. Branchenanalysen belegen, dass dreiminütige Videoclips im Schnitt doppelt so viel Interaktion erzeugen wie reine Textbeiträge. Mit „BrandLink“ schafft LinkedIn daher erstmals ein institutionalisiertes Beteiligungsmodell für Videowerbung, das sich strukturell an etablierten Systemen wie der Partner-Monetarisierung von YouTube orientiert.
Monetarisierung von Dienstleistungen und Creator-Einkommen
Neben dem Videogeschäft rückt die direkte Monetarisierung von Fachwissen in den Fokus. Bislang wickeln Fachleute und Berater ihre Honorare überwiegend außerhalb der Plattform über eigene Abrechnungssysteme oder externe Zahlungsdienstleister wie Lumanu ab. Fallbeispiele belegen das monetäre Potenzial: Die Cybersecurity-Beraterin Maria Chen baut ein Profil mit 45.000 Followern auf und erzielt damit nach eigenen Angaben einen Jahresumsatz von 420.000 US-Dollar.
Diese Einnahmen resultieren aus einem Stundensatz von 350 US-Dollar für Beratungen, einem kostenpflichtigen Newsletter mit 12.000 Abonnenten zu monatlich zehn US-Dollar sowie digitalen Kursangeboten.
Der Markt für B2B-Inhalte gewinnt an Breite: Mehr als 40 Prozent der LinkedIn-Nutzer definieren sich inzwischen als Content-Ersteller, und 22 Prozent erzielen über die Plattform bereits signifikante Zusatzeinkommen. Für Creator im mittleren Segment mit 15.000 bis 30.000 Followern liegen die Vergütungen für gesponserte Beiträge zwischen 1.500 und 3.000 US-Dollar. Als marktgängige Faustregel gilt dabei ein Basispreis von rund einem Prozent der Followerzahl pro Post.
Die Vermittlungsagentur Creator Match zahlt innerhalb weniger Monate über eine Million US-Dollar an LinkedIn-Creator aus, was 80 Prozent ihres gesamten historischen Umsatzes entspricht.
Ob und wann LinkedIn native Buchungs- und Bezahlfunktionen für Beratungssitzungen standardisiert einführt, bleibt vorerst offen. Dokumentierte Details zu Gebührenmodellen oder einem internationalen Rollout liegen derzeit nicht öffentlich vor.
Wachstumsmarkt Creator Economy und operative Hürden
Die Produktoffensive ordnet sich in ein übergeordnetes Marktwachstum ein. Die Investmentbank Goldman Sachs beziffert das weltweite Marktvolumen der Creator Economy auf rund 250 Milliarden US-Dollar und prognostiziert einen Anstieg auf annähernd 480 Milliarden US-Dollar bis zum Jahr 2027. Für den deutschen Markt sagen Analysten bis 2025 Ausgaben für Influencer-Marketing in Höhe von 718,40 Millionen Euro voraus, bei jährlichen Zuwachsraten von mehr als acht Prozent.
Gleichwohl bringt die Skalierung operative Herausforderungen für das Netzwerk mit sich. LinkedIn muss die inhaltliche Qualität des Feeds für berufliche Nutzer aufrechterhalten, während kommerzielle Anreize und Werbeformate zunehmen. Der Aussteuerungs-Algorithmus setzt hierbei strikte Prioritäten: Kommentare gewichtet das System 15-mal stärker als einfache Likes, zudem fungieren Verweildauer und Weiterleitungen als maßgebliche Faktoren für die organische Sichtbarkeit.
Entscheidend für den nachhaltigen Erfolg von „BrandLink“ und potenziellen Beratungsmodellen wird sein, wie transparent LinkedIn künftige Provisionsabzüge gestaltet und ob das Netzwerk die Balance zwischen Business-Kommunikation und Werbeflut wahren kann. Branchenbeobachter werten die Schritte als strategischen Übergang: LinkedIn wandelt sich von einer reinen Kontakt- und Recruiting-Plattform zu einem vollwertigen B2B-Medienhaus.







