Die Bielefelder Marantec GmbH & Co. KG, ein Hersteller von Torantrieben, Antriebssystemen, Sicherheitssystemen sowie zugehöriger Software und digitaler Geschäftsmodelle, vollzieht einen strategischen Wandel. Das Unternehmen entwickelt sich vom „Hidden Champion“ zum „Open Champion“.

Kerngedanke dieser Neuausrichtung ist die verstärkte Kooperation mit Start-ups und Wettbewerbern. Zudem hinterfragt Marantec die eigenen Kernkompetenzen.

Co-CEO Andreas Schiemann erklärt diesen Schritt: „Wir wollen auch mit Start-ups zusammenarbeiten und weniger ‚hidden‘, sondern maximal ‚open‘ sein.“ Die Geschäftsführung interpretiert die Neuausrichtung als Antwort auf einen grundlegenden Strukturwandel der deutschen Industrie.

Strategiewechsel unter Digitalisierungsdruck

Marantec erzielt eine Exportquote von mehr als 70 Prozent. Das Unternehmen sieht sich, wie viele Mittelständler, durch Digitalisierung und internationalen Wettbewerb unter Druck. Kerstin Hochmüller, Co-CEO, stellt fest, dass Produkte zunehmend vergleichbar werden und sich Vertriebskanäle drastisch verändert haben.

Bereits vor der Corona-Pandemie erkannte das Management die Notwendigkeit einer radikalen Strategieanpassung.

Hochmüller betont, dass klassische Produktvergleiche nicht mehr ausreichen. Vielmehr würden persönliche Kundenerfahrungen entscheidend. Kompetenzen, die früher als nebensächlich galten, beispielsweise im Umgang mit Dokumentationspflichten, gewinnen an Bedeutung.

Schiemann warnt davor, „ganz viele Dinge behüten zu müssen“, da technologisch begründete Unterschiede nur noch in wenigen Fällen den entscheidenden Vorteil bieten. Er hinterfragt die Wettbewerbssituation und regt an, sich nicht nur an den rund 200 mittelständischen Betrieben zu messen, die in Deutschland Getriebemotoren bauen. Die neue Offenheitsstrategie umfasst die Zusammenarbeit mit Start-ups und anderen Familienunternehmen.

KI als Partner für Effizienz

Das Münchner Start-up Atira demonstriert die Bedeutung von Software und KI in der Fertigungsindustrie. Atira wurde im November 2024 gegründet, startete kommerziell im November 2025 und gab im September 2026 eine Finanzierung von 17,5 Millionen US-Dollar bekannt. Diese umfasste eine Seed-Runde und eine Pre-Seed-Runde.

Die Gründer Florian Diegruber (CEO) und August DuMont Schütte (CTO) sind ehemalige Mitarbeiter von Palantir und Google. Diegruber beschreibt Sales Engineering als einen der größten Arbeitsabläufe in der Fertigung, den Software bisher nicht vollständig automatisiert hat.

Laut Atira arbeitet das Unternehmen seit dem kommerziellen Start mit rund 15 Kunden zusammen. Namentlich erwähnt werden ABB E-mobility, die Chiron Group und Robel. Für Chiron verzeichnet Atira mehr als 70 Nutzer und eine 80-prozentig schnellere Bearbeitung von Angebotsanfragen.

Bei Robel werden Einsparungen von 95 Stunden pro Angebotsanfrage zugeschrieben. Solche Beispiele illustrieren das Potenzial von KI, Prozesse in der Fertigungsindustrie zu automatisieren und damit die Effizienz erheblich zu steigern.

Der Wandel der Märkte: Robotik und vernetzte Ökosysteme

Marantecs Ansatz ist nicht singulär. Der Robotikmarkt in der US-Verpackungs- und Verarbeitungsindustrie soll laut PMMI von mehr als 440 Millionen US-Dollar im Jahr 2025 auf rund 800 Millionen US-Dollar im Jahr 2031 wachsen. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate (CAGR) beträgt 10,3 Prozent.

PMMI betont, dass Endanwender Robotik nicht mehr nur aufgrund von Arbeitskräftemangel einsetzen, sondern um Durchsatz, Kosten, Qualität und Konsistenz zu verbessern. Mobile Roboter werden bis 2031 mit rund 45 Prozent das größte Segment bilden.

Andere Unternehmen setzen ebenfalls auf offene, vernetzte Lösungen. Knorr-Bremse erweitert digitale Dienstleistungen für Nutzfahrzeug-OEMs und spricht von einer herstellerunabhängigen Plattform für zentrales Software-Management und Over-the-Air-Updates. Dabei kooperiert Knorr-Bremse mit Cojali als Partner für den Cojali Digital Hub.

Enovis beabsichtigt zudem die Übernahme von eCential Robotics, um Roboterplattformen für chirurgische Anwendungen zu entwickeln. Enovis-CEO Damien McDonald hebt die Bedeutung von „enabling tech“ für die langfristige Wachstumsstrategie hervor und nennt Agilität sowie die Fähigkeit, auf die Art und Weise zu reagieren, wie Kliniker sich engagieren wollen, als zentrale Aspekte. Diese Beispiele zeigen die zunehmende Integration neuer Technologien und die Bedeutung von Kooperationen über Unternehmensgrenzen hinweg.

Ausblick: Agilität und neue Wertschöpfungsketten

Marantecs Strategie, sich als „Open Champion“ zu positionieren, beinhaltet die Öffnung des Geschäftsmodells und die Infragestellung von Kernkompetenzen. Kerstin Hochmüller hebt hervor, dass Unternehmenskultur und Werte neben den Produkten an Bedeutung gewonnen haben und aktiv kommuniziert werden.

Wie Marantec konkrete Kooperationen ausgestaltet und welche digitalen Geschäftsmodelle daraus entstehen, bleibt für die kommenden Monate abzuwarten. Im skizzierten Umfeld gelten die Integration von KI-Lösungen und Robotik-Anwendungen als relevante Themen. Analysten betonen, dass schnelle Reaktion auf Marktanforderungen und Agilität entscheidend für den Erfolg in sich wandelnden Branchen sind.

Die Implementierung dieser Strategien wird zeigen, ob Marantec seinen Wandel zum „Open Champion“ erfolgreich vollzieht und neue Wertschöpfungsketten erschließt.