Mercedes-Benz strafft seine Homeoffice-Regelungen in Deutschland. Eine geplante Konzernbetriebsvereinbarung sieht vor, dass Vollzeitbeschäftigte künftig bis zu vier Tage pro Woche im Büro präsent sein müssen. Dies begrenzt mobiles Arbeiten auf maximal einen Tag wöchentlich.

Führungskräfte können die Präsenz laut dem Entwurf ohne Begründung einfordern. Bei den Arbeitnehmervertretern stößt der Plan auf Vorbehalte.

Kehrtwende in der Arbeitskultur

Mercedes-Benz begründet die Verschärfung der Präsenzpflicht mit dem Wunsch, wieder „mehr und regelmäßig vor Ort“ zu arbeiten. Dies soll die persönliche Zusammenarbeit, den unmittelbaren Austausch, den Teamgeist, den Wissenstransfer und die Innovationsfähigkeit stärken. Der Arbeitsplatz soll künftig „der maßgebliche Ort für Zusammenarbeit, Wissenstransfer und Innovation“ sein; eine erhöhte Präsenz vor Ort soll „die Leistungsfähigkeit der Organisation stärken und die Identifikation der Beschäftigten mit dem Unternehmen unterstützen“.

Die Verhandlungen zur Konzernbetriebsvereinbarung betreffen Berichten zufolge rund 90.000 bis 108.000 Beschäftigte in Deutschland. Betriebsräte nehmen den Entwurf nach Insider-Angaben „zähneknirschend hin“, da die Alternative die vollständige Abschaffung des mobilen Arbeitens gewesen wäre. Eine Quelle beschreibt die Verhandlungen als „auf der Zielgeraden“.

Die Debatte um die Heimarbeitsregelungen schwelt bei Mercedes-Benz bereits seit Monaten. Berichten zufolge hatte Konzernchef Ola Källenius ursprünglich eine Rückkehr zur Fünf-Tage-Präsenz geprüft. Die nun diskutierte Vier-Tage-Präsenz würde dagegen einen Tag mobiles Arbeiten pro Woche zulassen.

Bereits im Frühjahr informierte der Vorstand Führungskräfte über die Erwartungshaltung zu erhöhter Präsenz; die Regelung soll nun auch Tarifbeschäftigte betreffen.

Wirtschaftlicher Druck und Sparmaßnahmen

Die Straffung der Homeoffice-Regelungen fällt in eine Phase wirtschaftlicher Herausforderungen für Mercedes-Benz. Seit Jahresbeginn 2026 verzeichnete die Aktie des Konzerns einen Rückgang von 25 Prozent. Im Jahr 2025 erzielte der Konzern ein operatives Ergebnis von 8,2 Milliarden Euro, nach 13,7 Milliarden Euro im Vorjahr.

Der Nettogewinn halbierte sich auf rund 5,3 Milliarden Euro. Im ersten Quartal 2026 sank das Ergebnis um 17,2 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Die bereinigte Umsatzrendite der Pkw-Sparte erreichte im ersten Quartal 2026 4,1 Prozent.

Das Unternehmen nennt als Gründe Produktionsschwierigkeiten beim elektrischen SUV-Modell GLC durch fehlende Batterien, einen Absatzeinbruch in China, hohe Kosten an deutschen Standorten und teure Modellanläufe. Mercedes-Benz hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2027 fünf Milliarden Euro Kostensenkungen durch das Programm „Next Level Performance“ zu erreichen. Laut Unternehmen trug dieses Programm 2025 über 3,5 Milliarden Euro zum Ergebnis bei.

Zudem sollen die Produktionskosten je Fahrzeug bis 2027 um zehn Prozent gegenüber 2024 sinken.

Widerstand von Arbeitnehmervertretern

Die Präsenzpflicht ist Teil einer Reihe von Maßnahmen, die auf Widerstand stoßen. Diskutiert wird unter anderem eine Verlängerung der tariflichen Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich. Eine geplante Sonderzahlung für rund 90.000 Beschäftigte in Höhe von 18,4 Prozent des Monatsentgelts, ursprünglich für Juli 2026 vorgesehen, wurde auf April 2027 verschoben.

Am 3. Juli 2026 protestierten Berichten zufolge rund 33.000 Beschäftigte an zehn deutschen Mercedes-Standorten gegen die Pläne.

Die IG Metall und ihre Vertreter äußern scharfe Kritik. IG-Metall-Chefin Christiane Benner sagte: „Hallo Management: So läuft es nicht! Während Aktionäre mehr als ordentlich profitieren, sollen die Beschäftigten ihre vertraglich festgeschriebenen Rechte opfern?

Sicher nicht!“ Barbara Resch von der IG Metall Baden-Württemberg kommentierte: „Die Beschäftigten haben Mercedes groß gemacht, und jetzt sollen sie die Zeche für Fehlentscheidungen im Vorstand zahlen.“ Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali ergänzte: „Das Vorgehen des Unternehmens verunsichert und demotiviert viele Kollegen massiv.“

Rechtlich gibt es in Deutschland kein gesetzliches Recht auf Homeoffice. Der Betriebsrat hat jedoch Mitbestimmungsrechte bei der Ausgestaltung mobiler Arbeit (§ 87 Abs. 1 Nr. 14 Betriebsverfassungsgesetz). Eine dauerhafte Verschlechterung der tariflichen Arbeitszeit setzt die Zustimmung von Gewerkschaft und Arbeitgeberverband voraus.

Branchentrend und Ausblick

Mercedes-Benz ist mit der Rückkehr zu stärkerer Büropräsenz nicht allein. Laut dem KPMG CEO Outlook erwarten 83 Prozent der befragten Konzernchefs eine vollständige Rückkehr der Belegschaften ins Büro. Unternehmen wie Amazon und SAP haben bereits Präsenzpflichten eingeführt oder angekündigt.

Amazon verpflichtete Büroangestellte ab 2025 wieder zur Fünf-Tage-Präsenz, SAP kündigte drei Tage pro Woche an.

Studien weisen auf unterschiedliche Effekte hin: Das Fraunhofer-Institut stellt heraus, dass Produktivität im Homeoffice hoch sein kann, solange der Anteil mobiler Arbeit 60 Prozent nicht überschreitet. Produktivität könne nach drei Homeoffice-Tagen pro Woche sinken. Eine JLL-Studie nennt, dass 33 Prozent der befragten Unternehmen bereits eine Präsenzpflicht etabliert haben und weitere 27 Prozent dies planen.

Die TU Darmstadt berichtet, dass 24 Prozent der Beschäftigten in wissensintensiven Bereichen fehlende orts- und zeitflexible Arbeit als Kündigungsgrund ansehen. Eine Konstanzer Studie registriert bei Rückkehr ins Büro einen Anstieg gesundheitlicher Belastungen, insbesondere Erschöpfungssymptome.

Die finale Abstimmung über die neue Konzernbetriebsvereinbarung zwischen Mercedes-Benz und dem Konzernbetriebsrat steht noch aus. Es bleibt abzuwarten, wie sich die verschärfte Präsenzpflicht und die Sparmaßnahmen auf Motivation, Bindung von Fachkräften, Innovationskraft und das Unternehmensklima auswirken. Die Branche befindet sich in einem Wandel, in dem Effizienzsteigerungen und Kostensenkungen als zentrale Ziele gelten.