Die Mercedes-Benz Group AG forciert die Rückkehr ihrer Mitarbeiter ins Büro und plant eine deutliche Einschränkung des mobilen Arbeitens. Ein interner Entwurf für eine Konzernbetriebsvereinbarung sieht vor, dass Beschäftigte in Deutschland künftig an bis zu vier Tagen pro Woche am Unternehmensstandort anwesend sein müssen. Diese Maßnahme fällt in eine Zeit signifikanter wirtschaftlicher Herausforderungen und löst bei der Belegschaft Proteste aus.
Mercedes-Benz begründet die geplante Erhöhung der Präsenzpflicht mit der Notwendigkeit, persönliche Zusammenarbeit, unmittelbaren Austausch und gelebten Teamgeist zu stärken. Eine interne Mail aus dem Frühjahr 2025 beklagte bereits, mobiles Arbeiten sei zum Standard und Büropräsenz zur Ausnahme geworden. Dies widerspreche der ursprünglichen Intention der Konzernbetriebsvereinbarung.
Führungskräfte der ersten Ebene wurden bereits Ende 2024 über die Erwartung des Vorstands informiert, ab 2025 „während ihrer Arbeitszeit grundsätzlich an ihrem Arbeitsort anwesend“ zu sein.
Die Unternehmenskommunikation ergänzt, Kreativität und Innovationsgeist entfalten sich am besten bei persönlichen Treffen vor Ort.
Drastische Gewinnrückgänge und hoher Kostendruck
Die Verschärfung der Homeoffice-Regeln erfolgt vor dem Hintergrund eines Ergebniseinbruchs. Im Geschäftsjahr 2025 halbierte sich der Gewinn der Mercedes-Benz Group auf rund 5,3 Milliarden Euro, nach 10,4 Milliarden Euro im Vorjahr. Das bereinigte Konzern-EBIT sank auf 8,2 Milliarden Euro, nach 13,7 Milliarden Euro. Der Umsatz fiel von 145,6 Milliarden Euro auf 132,2 Milliarden Euro.
Im ersten Quartal 2026 sank das operative Ergebnis um rund 17 Prozent auf etwa 1,4 Milliarden Euro. Die Umsatzrendite im Pkw-Segment fiel auf 4,1 Prozent.
Parallel dazu verzeichnet die Mercedes-Benz-Aktie seit Jahresbeginn 2026 einen Wertverlust von über 24 Prozent. Sie notiert zum Schlusskurs vom 19. Juli 2026 bei 45,51 Euro.
Das 52-Wochen-Hoch lag im Dezember 2025 bei 62,30 Euro. Interne Quellen und externe Beobachter nennen neben einer strategischen Neuausrichtung auch die angespannte Finanzlage und den hohen Kostendruck als Treiber der Maßnahmen.
Die durchschnittlichen Arbeitskosten in Deutschland lagen zuletzt bei 45 Euro pro Stunde. Der EU-Schnitt betrug 34,90 Euro. Die deutschen Lohnstückkosten sind rund 22 Prozent höher als in wichtigen Vergleichsländern.
Umfangreicher Sparkurs und Mitarbeiterproteste
Die Präsenzpflicht ist Teil des Effizienzprogramms „Next Level Performance“. Dieses Programm zielt darauf ab, bis 2027 Kosten in Höhe von 5 Milliarden Euro zu sparen und die Produktionskosten pro Fahrzeug um zehn Prozent zu reduzieren. Ende März 2026 verfügte das industrielle Geschäft von Mercedes-Benz über eine Nettoliquidität von 33,8 Milliarden Euro.
Parallel zur Debatte um mobiles Arbeiten steht eine Ausweitung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich zur Diskussion. Zudem wurde eine für Juli 2026 geplante tarifliche Sonderzahlung (18,4 Prozent eines Monatsentgelts) für rund 90.000 Mitarbeiter auf April 2027 verschoben.
Diese Pläne führten zu Protesten der Belegschaft. Anfang Juli 2026 demonstrierten rund 33.000 Beschäftigte an zehn deutschen Standorten gegen die Unternehmenspolitik. Die IG Metall kritisierte das Vorgehen scharf: „Hallo Management: So läuft es nicht!
Während Aktionäre mehr als ordentlich profitieren, sollen die Beschäftigten ihre vertraglich festgeschriebenen Rechte opfern? Sicher nicht!“ Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ergun Lümali äußerte, das Vorgehen des Unternehmens verunsichere und demotiviere viele Kollegen massiv.
Schwierige Absatzzahlen und Investitionen in Ungarn
Die wirtschaftliche Situation belasten zusätzlich schwache Absatzzahlen im zweiten Quartal 2026. Weltweit sank der Absatz um acht Prozent auf 417.800 Fahrzeuge gegenüber dem Vorjahr. Besonders betroffen war der chinesische Markt mit einem Rückgang von 30 Prozent.
Die Absätze in den USA stiegen um zehn Prozent, in Europa um vier Prozent. Die Verkäufe batterieelektrischer Autos und Vans legten um 50 Prozent zu.
Trotz der Sparmaßnahmen investiert Mercedes-Benz weiterhin. Rund eine Milliarde Euro fließen in den Ausbau des Werks Kecskemét in Ungarn. Ziel ist eine Verdopplung der Produktion auf 350.000 Fahrzeuge pro Jahr und die Schaffung von rund 3.000 neuen Arbeitsplätzen.
Perspektivisch soll die Kapazität der deutschen Pkw-Werke bei rund 900.000 Fahrzeugen liegen. Kecskemét wird mit bis zu 400.000 Fahrzeugen genannt.
Ausblick: Verhandlungen und rechtliche Hürden
Die genaue Ausgestaltung der neuen Homeoffice-Regelung ist noch Gegenstand von Verhandlungen. Ein vorliegender Entwurf sieht eine Präsenzpflicht von bis zu vier Tagen vor. Mehrere Quellen berichten zudem, eine Fünf-Tage-Präsenz sei geprüft worden. Diesen Plänen stehen rechtliche und tarifvertragliche Hürden entgegen.
Die Anhebung der 35-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich erfordert die Zustimmung der IG Metall, da dies im Flächentarifvertrag geregelt ist. Die Festlegung von Lage und Dauer der Arbeitszeit unterliegt der Mitbestimmung des Betriebsrats. Arbeitsrechtsexperten weisen darauf hin, dass unbezahlte Mehrarbeit an gesetzlichen und tarifvertraglichen Grenzen scheitern kann.
In den nächsten Wochen wird sich zeigen, inwiefern Mercedes-Benz seine Pläne zur Arbeitszeitgestaltung durchsetzen kann und wie die Verhandlungen mit dem Konzernbetriebsrat und der IG Metall verlaufen. Die am 28. Juli 2026 erwarteten detaillierten Geschäftszahlen für das zweite Quartal dürften weitere Einblicke in die wirtschaftliche Lage des Konzerns liefern.
Sie werden die Diskussionen um die Sparmaßnahmen und Arbeitsbedingungen beeinflussen.
Die langfristigen Auswirkungen auf Mitarbeiterbindung und Employer Branding von Mercedes-Benz bleiben offen.







