Die Mercedes-Benz Group weitet ihre Abfindungsprogramme gezielt auf die Stammbelegschaft in der Produktion aus. An den Komponentenstandorten Stuttgart-Untertürkheim und Berlin-Marienfelde bietet der DAX-Konzern gewerblichen Mitarbeitern Abfindungen von bis zu 330.000 Euro für das freiwillige Ausscheiden an. Der Schritt ist Teil des Sparprogramms „Next Level Performance“, mit dem Vorstandschef Ola Källenius bis 2027 dauerhaft fünf Milliarden Euro an Fixkosten einsparen will.
Da betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2034 vertraglich ausgeschlossen sind, greift der Stellenabbau ausschließlich über das Prinzip der doppelten Freiwilligkeit. Sowohl der Arbeitnehmer als auch der Arbeitgeber müssen einem Aufhebungsvertrag zustimmen.
Hohe Prämien für den Abschied vom Verbrennungsmotor
Das Abfindungsangebot zielt primär auf die klassische Antriebsfertigung und klammert die Endmontage ganzer Fahrzeuge aus. An den Standorten Untertürkheim und Berlin fertigt der Konzern unter anderem Verbrennungsmotoren, Achsen sowie Getriebebauteile. Im firmeneigenen Intranet begründet das Management die Maßnahme mit schrumpfenden Fertigungstiefen und sinkenden Volumina konventioneller Aggregate, was bereits zu Personalüberhängen führt.
Die Konditionen für das Ausscheiden staffeln sich nach Alter und Funktion. In Baden-Württemberg erhält eine 50-jährige Arbeitskraft in der Entgeltgruppe 5 inklusive Schichtzulagen eine Abfindung von rund 224.000 Euro. Facharbeiter in der Entgeltgruppe 7 kommen auf rund 248.000 Euro.
Die Maximalauszahlung von rund 330.000 Euro erreichen 50-jährige Schicht- und Fertigungsgruppenleiter in der Entgeltgruppe 12. Wer zusätzlich auf eine bezahlte Freistellung verzichtet, erhält weitere 7,5 Monatsgehälter. Für jüngere Mitarbeiter unter 39 Jahren setzt sich die Summe aus Sockelbetrag, Monatsgehältern und einer Turboprämie zusammen, die mindestens 17.500 Euro beträgt.
Bei zwölf Jahren Betriebszugehörigkeit entspricht dies für Angelernte rund 113.000 Euro, für Facharbeiter rund 122.000 Euro und für Schichtleiter rund 151.000 Euro.
Beschäftigte in Untertürkheim erhalten pauschal 10.000 Euro als Ausgleich für den Wegfall externer Perspektivberatungen. Parallel dazu greifen Brückenmodelle für ältere Jahrgänge. Ein 57-jähriger Meister der Entgeltgruppe 12 kann beim frühzeitigen Ausstieg fünfeinhalb Jahre vor dem 63. Geburtstag rund 299.000 Euro beanspruchen, wahlweise als Einmalzahlung oder in Monatsraten.
Ab 63 Jahren berechnet sich die Abfindung auf Basis halber Monatsgehälter multipliziert mit den verbleibenden Monaten bis zur Regelaltersgrenze, gedeckelt mit einem Mindestbetrag von 25.000 Euro. Alternativ stellt das Unternehmen eine Orientierungszeit von zwei bis drei Jahren gegen 20.000 beziehungsweise 30.000 Euro mit Wiedereinstellungsgarantie bereit. Entscheidet sich der Mitarbeiter für den endgültigen Ausstieg, zahlt der Konzern die halbe Abfindung aus.
Milliardenaufwand im Windschatten der Beschäftigungssicherung
Grundlage dieser Zahlungen ist die bis Ende 2034 fixierte Vereinbarung zur Zukunftssicherung. Mercedes-Benz nutzt derartige Programme im Werk Untertürkheim bereits seit 2019 und in Berlin seit 2022 in jährlichen Fenstern. Der aktuelle Rahmen ist bis Ende 2029 festgeschrieben.
Die Maßnahmen zeigen bereits deutliche Spuren in der Personalstatistik. Die Stammbelegschaft in Untertürkheim sank von rund 16.000 Beschäftigten im Jahr 2021 auf etwa 12.500 im Jahr 2025. In Berlin reduzierte sich die Mitarbeiterzahl 2025 um rund 100 auf 1.800 Personen.
Zwar liegen die Abfindungen in der Produktion deutlich über den branchenüblichen Sätzen von 0,5 bis 1,5 Monatsgehältern pro Beschäftigungsjahr, sie bleiben jedoch hinter den Paketen der Verwaltung zurück. Im indirekten Bereich – Verwaltung, Forschung, IT und Produktionsplanung – verzeichnete das Unternehmen in Einzelfällen Zahlungen von mehr als 500.000 Euro. Zwischen April 2025 und März 2026 verließen rund 5.500 Beschäftigte aus indirekten Bereichen den Autobauer.
Für das Gesamtjahr 2025 weist Mercedes-Benz rund 1,6 Milliarden Euro an Abfindungsaufwendungen aus. Beim Münchner Konkurrenten BMW erhielten Mitarbeiter im indirekten Bereich in vergleichbaren Programmen laut Berichten in Spitzenfällen bis zu 650.000 Euro.
Absatzkrise in China belastet das Betriebsergebnis
Der finanzielle Aufwand für die Restrukturierung trifft auf ein herausforderndes Marktumfeld. Im dritten Quartal 2026 stieg das Konzernergebnis zwar um 28 Prozent auf 1,52 Milliarden Euro, der Umsatz sank jedoch um 4,5 Prozent auf 30,7 Milliarden Euro. Der weltweite Fahrzeugabsatz ging im gleichen Zeitraum um acht Prozent auf 407.200 Einheiten zurück.
Besonders der Markt in China bereitet dem Management Sorgen. Die Auslieferungen brachen im dritten Quartal um 31 Prozent ein. Für das Gesamtjahr 2025 sank das operative Konzernergebnis (EBIT) auf 5,82 Milliarden Euro.
Zugleich lag die weltweite Elektrifizierungsquote für reine Elektroautos und Plug-in-Hybride im dritten Quartal 2026 bei 25 Prozent. Die Zielmarke für die Jahre 2028 und 2029 peilt 40 Prozent an.
Der Kostendruck verschärft den internen Ton. Produktionsvorstand Michael Schiebe stellte intern Werksschließungen in den Raum, sollten die Fertigungskosten nicht sinken. Damit koppelt die Führung Standortsicherungen explizit an Effizienzfortschritte. Teile der Kompaktwagenfertigung verlagert das Unternehmen bereits schrittweise aus dem badischen Rastatt ins ungarische Kecskemét.
Hohe Kosten für schnellen Kapazitätsabbau
Branchenexperten verweisen auf die Notwendigkeit des raschen Umbaus. Ferdinand Dudenhöffer vom Center for Automotive Research betont: „Geschwindigkeit kostet Geld.“ Das Management steht vor der Herausforderung, Überkapazitäten im Verbrennerbereich schnell abzubauen, während Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali und die IG Metall Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich strikt ablehnen.
Im Dezember 2026 folgt eine Neuauflage des Abfindungsprogramms für indirekte Bereiche. Diese Runde soll erstmals auch die Produktionsplanung und Führungskräfte umfassend einbinden. Unklar bleibt, ob der Konzern erneut eine Turboprämie für Schnellentschlossene gewährt, nachdem dieser Bonus am Standort Berlin zuletzt auslief.
Da in den kommenden zehn Jahren rund 20 Prozent der deutschen Belegschaft altersbedingt in den Ruhestand wechseln, wägt die Konzernführung bei jedem Vertrag ab, ob sich teure Sofortabfindungen mit Blick auf das Sparziel 2027 rentieren. Die kommenden Quartals- und Jahresberichte werden offenlegen, in welchem Umfang die hohen Einmalkosten das Nettoergebnis auf dem Weg zu niedrigeren Strukturkosten belasten.







