Die Weltwirtschaft erlebt seit Jahren eine Reihe von Schocks, welche die Anfälligkeit globaler Lieferketten aufzeigen. Von der Covid-19-Pandemie über geopolitische Konflikte bis zu Cyberangriffen wächst die Liste potenzieller Störfaktoren. Für den deutschen Mittelstand, der stark in internationale Beschaffungs- und Vertriebsstrukturen eingebunden ist, entwickeln sich Absicherung und Resilienz der Lieferketten zu einer strategischen Aufgabe.

Mittelstand unter Druck: Risiken und mangelnde Vorsorge

Die Abhängigkeit von funktionierenden Lieferketten nimmt zu, während die Turbulenzen für die Weltwirtschaft nicht abklingen. Eine Umfrage aus dem Jahr 2022 zeigt: Die aktuelle Lage, etwa durch die Covid-19-Pandemie oder Kriege, beeinflusst Lieferketten (88 Prozent) und Versorgungslage (78 Prozent) der Unternehmen am stärksten. Typische Risikobereiche umfassen die Abhängigkeit von Einzellieferanten in der Beschaffung, IT-Ausfälle durch Cyberangriffe, Transportverzögerungen aufgrund von Wetter oder Stau sowie die Insolvenz von Partnern, die Liquiditätsprobleme verursachen kann.

Im Normalbetrieb erleben 85 Prozent der globalen Lieferketten mindestens eine Störung.

Trotz dieser Risiken offenbaren Studien erhebliche Defizite im Risikomanagement vieler mittelständischer Unternehmen. Der Risiko-Report Mittelstand 2026 des Deutschen Mittelstands-Bunds (DMB) stellt fest, dass 54,7 Prozent der Unternehmen auf den Ausfall von Inhabern nicht oder nicht ausreichend vorbereitet sind. Eine mangelnde Cybersicherheit und der Verlust von Schlüsselmitarbeitern mit unverzichtbarem Know-how zählen ebenfalls zu den zentralen Schwachstellen.

Die Abhängigkeit von Großkunden bewerten Unternehmen häufig weniger kritisch, obwohl der Verlust eines Großkunden existenzbedrohend sein kann. Marc S. Tenbieg, geschäftsführender Vorstand des DMB, unterstreicht dies. Über 60 Prozent der Betriebe besitzen zudem keine dokumentierte Risikoanalyse.

Eine BME/riskmethods-Studie aus dem Jahr 2017 ergab, dass 80 Prozent der befragten Unternehmen keine oder unzureichende Maßnahmenpläne für die wichtigsten Gefahren etabliert hatten. Die BME-Logistikstudie 2024 zeigt ferner, dass nur 26 Prozent der Unternehmen eine explizite Funktion für Supply Chain Risk Management (SCRM) eingerichtet haben. Lediglich 31 Prozent zeigen sich mit dessen Wirksamkeit zufrieden oder sehr zufrieden.

Professor Jacob Hamann-Lohmer fasst die Lage zusammen: „Wir werden vielleicht nie mehr zum Zustand vor der Pandemie zurückkehren. Das haben noch nicht alle Firmen verstanden.“

Strategien für mehr Resilienz und Stabilität

Um die Widerstandsfähigkeit gegen Störungen zu erhöhen, stehen mittelständischen Unternehmen verschiedene Strategien zur Verfügung. Eine Kernmaßnahme ist Diversifikation und Redundanz in der Beschaffung. Rahul Prasad, Geschäftsführer der digitalen B2B-Plattform Castfast, betont: „Eine sorgfältige Lieferantenauswahl und -kontrolle ist unerlässlich.“

Viele Unternehmen bauen zwei bis drei alternative Lieferanten auf und bevorraten kritische Komponenten. Im Jahr 2022 gaben 71 Prozent der Befragten an, Bevorratung zu betreiben; 44 Prozent nutzten Multi-Sourcing.

Der Optoelektronik-Spezialist AEMtec aus Berlin, der weltweit Zulieferer hat, war im September 2025 von einem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke betroffen. Dieser führte zu einem rund 60-stündigen Stromausfall. Das Unternehmen reagierte unter anderem mit der Anmietung von Notstromaggregaten und erwägt die Anschaffung eigener fest installierter Aggregate.

AEMtec baut zudem einen zweiten IT-Standort in Dresden auf, um die Einsatzfähigkeit zu sichern.

Ein weiterer Trend ist die Regionalisierung: Die Produktion wird näher an Heimatstandorte oder Kunden verlagert (Onshoring, Reshoring, Nearshoring). Der Reisegepäckhersteller Travelite aus Hamburg hat bereits ab Mitte der 2010er Jahre Teile der Produktion der Marke Titan aus Asien nach Deutschland geholt. Im Jahr 2025 startete Travelite die Produktion im 6.000 Quadratmeter großen Werk in Obernzell, um Titan-Produkte komplett in Deutschland zu fertigen.

Werksleiter Dominik Mösl sagt: „Die Lieferketten waren während der Pandemie zeitweise komplett unterbrochen, man hatte keine Kontrolle mehr.“

Die Digitalisierung erhöht die Transparenz in Lieferketten. Digitale Tools für Logistikmanagement und Warenwirtschaft, Frühwarnsysteme, cloud-basierte Software, Tracking-Tools und KI-gestützte Prognosen ermöglichen es, Risiken besser zu identifizieren und zu bewerten. Transparenz bleibt eine Herausforderung: 79 Prozent der Unternehmen decken die erste Lieferantenstufe ab, nur 31 Prozent die zweite Stufe und 14 Prozent weitere Stufen.

Organisatorische Maßnahmen ergänzen technologische Ansätze. Dazu gehören Notfallpläne, klare Vertretungsregelungen und regelmäßige Schulungen. Bei Wiko-Technik in Hamburg sichern ISO-Zertifizierung und dokumentierte Prozesse die Qualität.

Gezielter Wissenstransfer, etwa zwischen dem senioren Firmenchef und Juniorchef André von Bargen, wird als wichtig für die Bewältigung unvorhergesehener Situationen genannt.

Ausblick: Kontinuierliche Anpassung und Investitionen gefordert

Die Herausforderungen für die Lieferketten bleiben bestehen. In einer Befragung des Risiko-Reports erwarten 38,4 Prozent der Unternehmen, dass sich die Risiken in den kommenden zehn Jahren noch verschärfen. Dies erfordert kontinuierliche Anpassung und Investitionen in Risikomanagementstrategien.

Während einige Firmen Fortschritte erzielt haben, sind andere nach der Pandemie zu einer kostengetriebenen Mentalität zurückgekehrt. Sie bauten Bestände ab oder reduzierten Lieferanten – ein Widerspruch zur Forderung nach mehr Resilienz.

Die BME-Logistikstudie 2024 stellt fest, dass die Implementierung von SCRM in vielen Unternehmen noch am Anfang steht. Zugleich zeigt die Studie „Supply Chain Pulse Check“ von Deloitte aus dem Jahr 2025, dass 39 Prozent der Unternehmen ihre Ausgaben für Lieferkettenresilienz stark bis sehr stark gesteigert haben. Die Etablierung einer risikobewussten Unternehmenskultur sowie strategische Investitionen in Diversifikation, Regionalisierung und Digitalisierung sind zentrale Bausteine für eine resilientere Gestaltung der Lieferketten im Mittelstand.

Marktbeobachter gehen davon aus, dass diese Trends an Bedeutung gewinnen werden, während Unternehmen weiterhin nach Wegen suchen, Unsicherheiten zu minimieren und globale Abhängigkeiten neu zu bewerten.