Bahnchefin Palla fordert Kulturwandel und setzt auf messbare Ergebnisse

Evelyn Palla, seit Oktober Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, setzt den Konzern und insbesondere das Management unter Druck. Die gebürtige Südtirolerin kritisiert eine mangelnde Leistungskultur und bezeichnet die bisherige Verantwortungsdiffusion als „organisierte Verantwortungslosigkeit“. Angesichts anhaltender operativer Probleme und schwacher Pünktlichkeitswerte fordert Palla einen Kulturwandel.

Sie betont, dass für sie nur messbare Ergebnisse zählen.

Die Debatte um Pallas Führungsstil und die angestrebte Transformation des Staatskonzerns steht im Fokus der öffentlichen Diskussion.

Direkte Ansprache des Kernproblems

Palla äußert deutliche Kritik an der internen Performance des Bahnkonzerns. „Die Leistungskultur der Vergangenheit war für die Performance der Bahn nicht ausreichend, das wollen wir ändern“, erklärt sie. Ihre Kritik richtet sich an das Management, das in der Vergangenheit oft „gut genug erklären“ konnte, warum Ziele nicht erreicht wurden.

Dieses Verhalten beschreibt Palla so: „Man kam oft jahrelang durch.“

Sie fordert eine Abkehr von dieser Praxis und betont: „Für mich zählen nur messbare Ergebnisse und keine Erklärungen.“ Pallas zentraler Kritikpunkt ist die „organisierte Verantwortungslosigkeit“ innerhalb der Deutschen Bahn. Sie beschreibt, wie Verantwortung zwischen zentraler Verwaltung und operativer Ebene hin- und hergeschoben wurde.

Hierzu formuliert Palla: „Pünktlichkeit beginnt mit einer klaren und transparenten Verantwortungsallokation an der richtigen Stelle.“

Das zielt auf Änderungen in Entscheidungswegen und Zuständigkeiten ab, um die operative Leistungsfähigkeit zu verbessern.

Der Weg zum „Eisenbahnerstolz“: Pallas Vision und ihre Hürden

Palla will den „Eisenbahnerstolz“ im Konzern zurückbringen. Eine interne Umfrage im Jahr 2026 ergab, dass dieser Stolz einen historischen Tiefpunkt erreicht hatte. Palla erkennt die Leistungen der operativen Belegschaft ausdrücklich an: „Die Zugbegleiter, Lokführer, Fahrdienstleiter, Gleisarbeiter, Disponenten und alle, die jeden Tag mit einer unbefriedigenden Situation kämpfen und viel improvisieren müssen – das sind meine Helden, die die Eisenbahn täglich am Laufen halten.“

Ihre Strategie zielt darauf ab, Moral und Engagement dieser Mitarbeiter zu stärken, indem strukturelle Probleme angegangen werden. Allerdings stößt Pallas Strategie auf Skepsis. Matthias Gouthier, ein Organisationsforscher, der zu Organisationsstolz forscht, äußert sich kritisch: „Um Stolz zu empfinden, braucht man einen Erfolg.“

Er ergänzt, dass Mitarbeiter von Reisenden oft nur negative Rückmeldungen erhalten. Diese Einschätzung unterstreicht die Herausforderung: Der angestrebte Stolz bedarf spürbarer Verbesserungen im täglichen Betrieb, um glaubwürdig zu sein.

Herausforderungen in Zahlen und Zeitachsen

Die Deutsche Bahn steckt laut Palla in der schwersten Krise ihrer Unternehmensgeschichte. Die Pünktlichkeitswerte des Fernverkehrs im ersten Halbjahr 2026 untermauern diese Einschätzung: Lediglich 59 Prozent der Züge erreichten ihr Ziel ohne größere Verspätung. Palla selbst vergibt der aktuellen Gesamtleistung der Bahn die Schulnote drei und dem Fernverkehr eine „4 minus“.

Sie betont jedoch, dass schnelle Verbesserungen unrealistisch seien: „Die Pünktlichkeit bleibt in diesem Jahr weiter schwierig, weil es im Netz einfach noch zu viele Störungen und zudem zu viele Baustellen gibt. Wer hier etwas anderes verspricht, macht den Menschen etwas vor.“ Palla prognostiziert, dass die Bahn erst im Jahr 2035 das „Gröbste hinter sich“ haben wird, um pünktlicher und profitabler zu sein.

Dieses Jahr ist zugleich das 200. Jubiläum der Bahn. Bis dahin ist nach ihrer Darstellung ein tiefgreifender Umbau erforderlich.

Das betrifft ein Netz von 33.400 Kilometern mit 5.400 Bahnhöfen, das täglich von 450 Bahnunternehmen und 50.000 Zügen genutzt wird und über fünf Millionen Menschen im Personenverkehr transportiert.

Die Reaktion der Gewerkschaft und offene Fragen

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) reagiert auf Pallas Äußerungen differenziert. Die EVG hebt die „fast Übermenschliches“ leistenden Beschäftigten hervor: „Die Beschäftigten bei der Bahn leisten fast Übermenschliches. Tagtäglich trotzen sie der gnadenlos veralteten und maroden Infrastruktur und sorgen mit harter Arbeit und viel Engagement dafür, dass bei der Bahn überhaupt noch etwas fährt.

Die Bahnchefin hat Recht, wenn sie diese Leute als Helden bezeichnet.“ Gleichzeitig meint die Gewerkschaft: „Die Bahn hat kein Personalproblem, sondern ein Prozessproblem.“

Sie kritisiert lange und unklare Entscheidungswege sowie Verantwortungsdiffusion und fordert, dass Entscheidungen dort getroffen werden müssen, wo Probleme den täglichen Betrieb behindern, nicht im Bahntower. Die Frage bleibt, inwieweit Pallas Forderung nach einem Kulturwandel bereits konkrete personelle Konsequenzen im Management gehabt hat oder haben wird. Die EVG-Kritik deutet darauf hin, dass sich trotz Pallas Aussagen noch keine spürbaren Veränderungen in den Prozessen eingestellt haben.

Analysten und Branchenbeobachter werden die konkreten Maßnahmen und deren Auswirkungen auf Pünktlichkeit und Profitabilität verfolgen, um die Erfolgsaussichten von Pallas Strategie zu bewerten.

Die kommenden Quartalsberichte und die Entwicklung der Pünktlichkeitsstatistiken werden Indikatoren für Fortschritte sein.