Auf dem Fortune Southeast Asia 500 Summit in Vietnam fordert Esther Nguyen, Gründerin und CEO des Medienkonzerns POPS Worldwide, umfassende staatliche Rahmenbedingungen für die südostasiatische Kreativwirtschaft. Ohne verlässlichen Schutz für geistiges Eigentum, tragfähige Rechtsstrukturen und gezielte Exportförderung bleibt die internationale Skalierung für weite Teile der regionalen Musik- und Unterhaltungsbranche blockiert. Reine Social-Media-Reichweiten reichen nach Ansicht von Nguyen nicht aus, um kulturelle Inhalte systematisch auf globaler Ebene zu monetarisieren.

Hohe Reichweiten treffen auf zähe Monetarisierung

Mit einer Bevölkerung von über 650 Millionen Menschen gilt Südostasien für Medienkonzerne als wichtiger Wachstumsmarkt. Plattformen wie TikTok und Instagram verändern das Marketing sowie den weltweiten Vertrieb lokaler Künstler grundlegend. Gleichwohl schlägt sich das rapide Nutzerwachstum bislang kaum in adäquaten Erlösen nieder.

Die Region weist eine ausgeprägte Preissensibilität auf. Reine Streaming-Abonnements stoßen schnell an finanzielle Belastungsgrenzen der Verbraucher, weshalb werbefinanzierte Modelle mit niedrigeren Margen das digitale Geschäft dominieren.

Um stabile Cashflows zu generieren, erschließen Medienanbieter und Labels alternative Erlösquellen abseits des reinen Streamings. In den vergangenen zwei Jahren verzeichnet der physische Musikmarkt in Südostasien bei Vinyls, CDs und limitierten Box-Sets ein zweistelliges Wachstum. Parallel dazu treiben Merchandising und aufwendig inszenierte Live-Events die operativen Margen der Produzenten.

Allerdings bremst ein infrastruktureller Engpass das weitere Wachstum der Live-Sparte. Zwar existieren vereinzelt Großarenen für Produktionen mit bis zu 50.000 Zuschauern, doch es fehlt an differenzierten Spielstätten mittlerer Größe. Kenny Ong, Managing Director von Sony Music für Malaysia, Singapur und Vietnam, betont diesen Mangel.

Für den gezielten Aufbau von Nachwuchskünstlern seien Spielstätten mit Kapazitäten von 2.000 sowie 4.000 bis 5.000 Plätzen unerlässlich. Ohne ein flächendeckendes Netz solcher mittelgroßen Bühnen bleibt die systematische Tournee- und Entwicklungsarbeit für lokale Talente stark eingeschränkt.

Marktfragmentierung bremst institutionelle Investoren

Neben den baulichen Hürden hemmt die Struktur des Kapitalmarkts die Professionalisierung der Unterhaltungsindustrie. Global agierende Private-Equity-Investoren finden nur selten Zielunternehmen mit ausreichender Skalierungsgröße. Sujey Subramanian, APAC-Chef beim Investmenthaus ICG, verweist auf institutionelle Hürden: Das typische Mindest-Eigenkapitalticket seines Hauses liege bei 50 Millionen US-Dollar, skalierbare Zielobjekte seien in der Region jedoch kaum vorhanden.

Zusätzlich fehlt es Südostasien an spezialisiertem Wagniskapital für Kreativwerte. Während Finanzzentren wie Los Angeles, New York oder Tokio über erfahrene Investoren verfügen, die Musikrechte und Medienformate präzise bewerten können, fehlt ein vergleichbares Ökosystem in den ASEAN-Staaten weitgehend. Dieser Mangel drückt auf die Unternehmensbewertungen und erschwert die Refinanzierung aufstrebender Medienhäuser.

Als Vorbild für eine erfolgreiche Skalierung dient der Branche häufig Südkorea. Die dortige Industriepolitik schuf im Rahmen der K-Wave planvoll weltweite Nachfrage über Fernsehserien, Gastronomie und Lifestyle-Produkte. Auf diesem Fundament gelang es der K-Pop-Industrie, sich als globaler Milliardenmarkt zu etablieren.

Branchenvertreter fordern nun von den Regierungen der ASEAN-Staaten vergleichbare kultur- und industriepolitische Initiativen, um Medienkataloge international wettbewerbsfähig zu machen.

Vietnams Vorstoß bei Urheberrechten und Industriepolitik

In Vietnam reagiert die Politik mit ersten konkreten Maßnahmen auf diese Forderungen. Im Januar 2026 verabschiedete die Regierung die Resolution 80. Das Dokument gibt ein jährliches Wachstum der Kulturwirtschaft von zehn Prozent vor und strebt bis zum Jahr 2030 einen Anteil der Kreativwirtschaft von sieben Prozent am Bruttoinlandsprodukt an.

Zeitgleich gehen staatliche Behörden schärfer gegen illegale Streaming- und Downloadportale vor. Ein acht Jahre währender Rechtsstreit um geistiges Eigentum endete kürzlich mit einem wegweisenden Urteil zugunsten der Rechteinhaber.

Für Medienkonzerne bildet die rechtssichere Durchsetzung von Urheberrechten das Fundament, um Kataloge als bilanzierungsfähige Vermögenswerte zu aktivieren. Esther Nguyen sieht in der juristischen Entwicklung einen ersten Meilenstein, mahnt jedoch weitere Reformen an: „The enforcement and interpretation of IP laws still needs some work, but at least it’s going in the right direction.“

Dass lizenzierte Medienkataloge erhebliche Unternehmenswerte schaffen können, demonstriert POPS Worldwide im operativen Geschäft. Das 2007 in Ho-Chi-Minh-Stadt gegründete Unternehmen unterhält Standorte in Vietnam, Thailand und Indonesien. Das Medienhaus verwaltet mehr als 45.000 Tonträgeraufnahmen und verzeichnet monatlich über vier Milliarden Abrufe auf diversen Plattformen.

Bis 2021 sicherte sich das Unternehmen institutionelle Finanzierungen von mindestens 37 Millionen US-Dollar. Im März 2026 stieg zudem der US-Musikverlag Primary Wave als strategischer Partner ein.

Auch das Wettbewerbsumfeld gewinnt an Dynamik. Das börsennotierte vietnamesische Medienunternehmen Yeah1 meldete für das Geschäftsjahr 2025 ein Umsatzwachstum von 60 Prozent. Wesentlicher Treiber waren reichweitenstarke Musik- und Fernsehformate wie die Show „Call Me by Fire“, die Spitzenwerte von bis zu 50.000 Vor-Ort-Zuschauern pro Abend erzielte.

Zudem deklarierte der Mischkonzern Vingroup den Kultursektor im Jahr 2025 zu einer seiner strategischen Säulen, was den Zufluss von Großkapital in den Markt beschleunigt.

Konsolidierungsdruck vor dem Gang an die Kapitalmärkte

Die Fragmentierung des Marktes zwingt die regionalen Akteure zunehmend zur Konsolidierung. Da internationale Fonds erst ab Ticketgrößen von 50 Millionen US-Dollar investieren, müssen lokale Medienhäuser grenzüberschreitende Allianzen eingehen oder gemeinsame Vertriebsstrukturen aufbauen. Nur über derartige Unternehmenszusammenschlüsse erreichen die Anbieter die nötige bilanzielle Substanz, um für globales institutionelles Kapital relevant zu werden.

Als Gradmesser für das internationale Investoreninteresse gilt der derzeit vorbereitete Börsengang von POPS Worldwide an der Tokioter Börse. Das IPO wird zeigen, wie die globalen Kapitalmärkte südostasiatische Medienwerte und Lizenzkataloge bewerten. Parallel dazu entscheidet die praktische Durchsetzung der vietnamesischen Resolution 80 darüber, ob die Region den Übergang von einem reinen Konsumentenmarkt zu einer institutionalisierten Exportwirtschaft für Unterhaltungsformate bewältigt.