Die deutsche Rüstungsindustrie erlebt seit Februar 2022, ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, eine signifikant steigende Nachfrage. Mit gefüllten Auftragsbüchern verstärken die Unternehmen ihre Personalakquise. Besonders gefragt sind Führungskräfte, wobei sich die Branche zunehmend für Quereinsteiger öffnet.
Dieser Bedarf an qualifizierten Fachkräften hat sich seit 2022 markant erhöht.
Der deutsche Arbeitsmarkt ist branchenübergreifend angespannt. Die Arbeitslosenzahlen liegen knapp unter drei Millionen, und monatlich gehen in der Industrie rund 15.000 Stellen verloren. Die Anzahl der arbeitslos gemeldeten Manager ist binnen eines Jahres um 14 Prozent gestiegen.
Die Rüstungsindustrie hingegen trotzt diesem Trend und setzt ihre Personaloffensive fort, insbesondere bei Führungspositionen.
Headhunter im Rüstungsbereich berichten von einem Anstieg der Aufträge um rund zwei Drittel seit 2022. Für das Jahr 2026 erwarten sie eine weitere Zunahme. Prognosen deuten darauf hin, dass der Sektor bis 2035 ein deutliches Wachstum verzeichnen wird.
Parallel dazu plant die Bundesregierung, die Verteidigungsausgaben bis 2030 auf gut 198 Milliarden Euro zu erhöhen. Zwischen 2026 und 2030 sind dabei kumulierte Mehrausgaben von rund 95 Milliarden Euro vorgesehen.
Personalbedarf bei Rüstungskonzernen
Große Akteure der deutschen Rüstungsbranche suchen intensiv nach Talenten. KNDS, der französisch-deutsche Panzerbauer, stellte im Jahr 2025 knapp 100 Führungskräfte ein und plant in den kommenden Jahren etwas mehr als 100 weitere Neueinstellungen. Der Radarspezialist Hensoldt will im Jahr 2026 insgesamt 1.600 neue Stellen schaffen, davon rund 60 in Leitungsfunktionen.
Rheinmetall, ein Dax-Konzern, plant für 2026 die Einstellung von weltweit über 5.000 neuen Mitarbeitern. Das Unternehmen macht keine spezifischen Angaben zur Anzahl der Führungspositionen. Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS), Hersteller von U-Booten und Marineschiffen, sucht Kandidaten mit Affinität zu maritimen Technologien.
Besonders gefragt sind Bewerber mit gewerblich-technischer Ausbildung, Ingenieurstudium oder IT-Laufbahn.
Quereinstieg als strategische Option
Angesichts des Fachkräftemangels öffnen sich Unternehmen verstärkt für Quereinsteiger. Headhunterin Eva Brückner von Heinrich und Coll betont, dass geeignetes Personal knapp ist. Quereinsteiger bringen laut Branchenvertretern häufig neue Perspektiven, bereichsübergreifende Erfahrungen und Lernbereitschaft mit, wie ein Sprecher von TKMS bestätigt.
Gesucht wird bevorzugt in technischen Industrien wie dem Automobilbau, der Luftfahrt, dem Sondermaschinenbau oder dem Spezialfahrzeugbau. Auch produzierende Industrien wie der Fahrzeug- und Maschinenbau oder die Chemie sowie stark regulierte Bereiche wie Energie, Bahntechnologie und Medizintechnik gelten als relevante Herkunftsbranchen. Grundlegende technische Kompetenzen aus diesen Bereichen sind in vielen Fällen übertragbar.
Besonders gefragt sind Führungskräfte mit Erfahrung in Transformationen sowie technischem und kaufmännischem Know-how. Zudem werden Vertriebsexperten gesucht, die Aufträge aus Programmen der Bundesregierung und der EU akquirieren können. Personal für Geschäftsentwicklung und Programm-Management ist ebenfalls stark nachgefragt.
Der Bedarf an IT-Spezialisten für Fertigungsdaten, Schnittstellen und Testautomatisierung ist hoch.
Ingenieure, Projektmanager sowie Fachkräfte in Beschaffung, Einkauf und Supply-Chain-Management werden ebenfalls nachgefragt. Auch klassische technische Rollen wie Schweißer, Elektriker, Mechatroniker und Produktionskräfte sind gefragt. In operativeren Bereichen wie Programm- oder Projektmanagement, Einkauf oder Supply-Chain-Management öffnet sich die Branche derzeit stärker für Quereinsteiger.
Für sehr hohe Positionen, etwa in der Geschäftsführung, bleiben Branchenvorkenntnisse und ein belastbares Netzwerk jedoch wichtig.
Attraktive Konditionen und spezifische Herausforderungen
Deutsche Rüstungsunternehmen zahlen für qualifizierte Kandidaten vergleichsweise hohe Gehälter. Startups und neue Marktteilnehmer agieren hierbei besonders großzügig, wie Branchenakteure schildern. Ein Beispiel für ein jüngeres Unternehmen in der Branche ist der 2020 gegründete Drohnenhersteller Donaustahl aus Niederbayern.
Viele Unternehmen zahlen nach dem Tarif der Metall- und Elektroindustrie, doch Gehälter werden auch frei verhandelt. Laut einer Handelsblatt-Umfrage liegen die Jahresgehälter für Team- und Abteilungsleiter bei rund 120.000 Euro, für Bereichsleiter zwischen 140.000 und 180.000 Euro. Für bestimmte Fachkräfte wie Ingenieure oder IT-Profis sind bis zu 100.000 Euro im Jahr möglich.
Diese Angaben variieren je nach Ebene, Qualifikation, Region und Tarifbindung. Weitere Anstellungsbedingungen in Stellenangeboten reichen von Sonderzahlungen über tarifliche Zusatzleistungen bis zu 30 Tagen Urlaub und mobilen Arbeitsmodellen.
Der Einstieg in die Rüstungsindustrie bringt spezifische Anforderungen mit sich. Ein Mangel an hoch qualifizierten Fachkräften besteht fort, und erhöhte Sicherheitsanforderungen prägen den Sektor. Die Bundesregierung schließt Bewerber aus bestimmten Staaten wie Russland, China, Iran, Irak und Nordkorea von sensiblen Positionen aus, um mögliche Erpressungsrisiken zu reduzieren.
Für manche Positionen ist die deutsche Staatsbürgerschaft Voraussetzung. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) warnt zudem vor einer Zunahme hybrider Bedrohungen wie Sabotage, Cyberangriffen und Spionage gegen Rüstungsunternehmen. Als Beispiel für die Bedrohungslage gilt das mutmaßliche Mordkomplott gegen den Gründer des Drohnenherstellers Donaustahl, Stefan Thumann.
Thumann steht nach Berichten unter Personenschutz.
Ausblick: Marktdynamik und offene Fragen
Der Rüstungssektor wird laut Prognosen bis 2035 wachsen. Die hohe Nachfrage nach qualifiziertem Personal dürfte anhalten, und die Bereitschaft zur Integration von Quereinsteigern dürfte weiter zunehmen. Makroökonomisch sind die Wirkungen steigender Verteidigungsausgaben laut einer IW-Studie jedoch begrenzt.
Der maximale BIP-Impuls liegt demnach bei 0,9 Prozent im Jahr 2027. Die Studie warnt davor, die Rüstungsindustrie zum neuen Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft zu erklären. Zusätzliche Importe für Verteidigungsgüter und die Belastung der Staatsfinanzen dämpfen den Effekt.
Die zukünftige Balance zwischen steigendem Personalbedarf und den makroökonomischen Realitäten bleibt eine entscheidende Frage für die Branche.







