Bernhard Montag, Vorstandsvorsitzender von Siemens Healthineers, kritisiert die Managementkultur in Deutschland. Er bemängelt eine weitverbreitete Haltung des „Rumgenörgel[s]“ und eine Anspruchshaltung vieler Wirtschaftslenker gegenüber der Politik. Montag fordert mehr Eigenverantwortung und eine Abkehr von der Erwartung, dass externe Kräfte die Probleme der Unternehmen lösen.
Seine Aussagen fallen in eine Zeit, in der Debatten um den Standort Deutschland und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft geführt werden.
Eigenverantwortung statt Klagen
Montag vertritt die Ansicht, dass die Verantwortung für Wirtschaftswachstum und Unternehmenserfolg primär bei den Unternehmenslenkern selbst liegt und nicht bei der Politik. „Mir persönlich gefällt dieses Rumgenörgel einfach nicht. Weil ich sage: Das sind Unternehmen, wir sind nicht in einer Planwirtschaft oder Staatswirtschaft“, sagte er.
Er wirft einem Teil der Wirtschaftsführer vor, sich so zu verhalten, wie sie es ihren eigenen Mitarbeitern vorwerfen würden: mit der Erwartung, dass jemand anderes Probleme beseitigen soll.
„Dauernd auf die Regierung zu schauen, finde ich schwierig“, sagte Montag. Er weist Erklärungen zurück, die das Fehlen großer Wachstumsunternehmen in Deutschland allein auf Bürokratie oder langwierige Baugenehmigungen zurückführen. Diese Haltung positioniert ihn gegen gängige Argumente in der Standortdebatte.
Siemens Healthineers, die ehemalige Medizintechniksparte von Siemens, ging 2018 an die Börse. Seit 2021 ist das Unternehmen im Dax 40 gelistet. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte der Konzern einen Umsatz von 23,4 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 2,1 Milliarden Euro.
Damit überschritt der Nettogewinn erstmals die Zwei-Milliarden-Marke. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet Siemens Healthineers ein Umsatzwachstum von bis zu vier Prozent und einen kräftigen Gewinnanstieg.
Standorttreue und Investitionen
Trotz seiner Kritik an Teilen der Managementkultur betont Montag die Bedeutung des Standortes Deutschland für Siemens Healthineers. „Wir haben mehr als 20 Prozent der Mitarbeiter in Deutschland. Das heißt: Wir sind immer noch da. Wir haben unseren Kern da“, erklärte er. In den vergangenen Jahren investierte der Konzern 650 Millionen Euro in deutsche Standorte.
Montag unterstrich überdies: „Wir bauen und wir haben auch immer mehr Beschäftigte. Und wir haben auch eigentlich kein Problem, Mitarbeiter zu finden.“ Diese Darstellung steht im Kontrast zu Befunden zum Fachkräftemangel in Deutschland.
Laut Ifo-Institut leiden knapp ein Viertel der Unternehmen in Deutschland unter Fachkräftemangel. In der Elektrobranche liegt dieser Anteil mit 31,7 Prozent noch höher.
Der Kununu-Score von Siemens Healthineers liegt bei 4,1 von 5 Punkten bei 869 Bewertungen (Stand 2026). Das Unternehmen übertrifft damit den Branchendurchschnitt Medizintechnik von 3,6 Punkten. Ein wichtiger strategischer Schritt war die Übernahme des US-Krebsspezialisten Varian, die 2020 abgeschlossen und mit 16,4 Milliarden Euro bewertet wurde.
Die Debatte um die Entwicklung der Konzerne im Siemens-Verbund wird auch vor dem Hintergrund der Abspaltungen unter dem damaligen Vorstandschef Joe Kaeser geführt. Tobias Bäumler, Vorsitzender des Siemens-Gesamtbetriebsrats, bezeichnete diese Abspaltungen rückblickend als Fehler. Den aktuellen Konzernumbau unter CEO Roland Busch bewertet der Betriebsrat hingegen positiv.
Marktaussichten und Unternehmensstrategie
Montags Forderung nach mehr Eigenverantwortung und weniger Anspruchshaltung an die Politik wird die Debatte um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands fortführen. Die Position von Siemens Healthineers als Dax-Konzern, der sich zu seinem Heimatstandort bekennt und dort investiert, stärkt die Wahrnehmung seiner Äußerungen. Ein von Unternehmen und Verbänden aus Bayern und Baden-Württemberg verfasster „Brandbrief“, der schnelle Reformen und die Senkung von Sozialabgaben fordert, wurde unter anderem von Siemens sowie weiteren Konzernen wie Mercedes, Porsche, ZF, Audi und BMW unterstützt.
Siemens Healthineers wird in diesem Zusammenhang nicht namentlich als Unterzeichner genannt.
Siemens will nach Angaben der Quellen in Kürze seine Aktienmehrheit an Siemens Healthineers abgeben. Ein konkreter Zeitplan oder weitere Details wurden bislang nicht genannt. Diese Entwicklung könnte die Eigenständigkeit von Siemens Healthineers weiter festigen und strategische Optionen verändern.
Marktbeobachter werden verfolgen, welche Auswirkungen diese Entflechtung auf die Geschäftsstrategie und die Positionierung des Medizintechnikkonzerns haben wird.







