Siemens-Vorstandschef Roland Busch baut die weltweite Führungsstruktur des Münchner Industriekonzerns grundlegend um. Unter dem Leitmotiv „One Tech Company“ streicht das Unternehmen weltweit rund 300 CEO- und CFO-Titel auf Ebene der Landesgesellschaften sowie der operativen Einheiten. Der Schritt zielt darauf ab, historisch gewachsene Silos und Machtbereiche abzubauen, um das Zusammenspiel von Hardware, Software und industrieller künstlicher Intelligenz zu beschleunigen.

Bruch mit Statussymbolen auf C-Level

Der Stichtag am 1. Oktober markiert den formalen Beginn der vereinfachten Organisationsstruktur. Bei der Siemens Business Conference im Münchner Norden schwört Busch mehr als 300 Topmanager auf das veränderte Modell ein.

Die operative Verantwortung der Führungskräfte im Kerngeschäft bleibt dabei weitgehend bestehen, künftig firmieren die Betroffenen jedoch als President, Managing Director oder Head of Function.

Auch an der Spitze der industriellen Kerngeschäfte weicht das C-Level-Kürzel. Cedrik Neike für Digital Industries, Peter Koerte für Smart Infrastructure und Michael Peter für Mobility führen nicht mehr den Titel „CEO“, sondern treten als „President“ auf. Die Finanzchefs der Sparten tragen künftig die Bezeichnung Executive Vice President Finance.

Der Entzug der gewohnten Titel sorgt intern für Unruhe. Teile des mittleren und gehobenen Managements werten den Schritt als Degradierung. Nach einer weltweiten Ankündigung per Videokonferenz sehen Tausende Angestellte sowie Führungskräfte ihre künftige Rollen- und Aufgabenzuordnung als unzureichend geklärt.

Aus Unternehmenskreisen verlautet, die Struktur bleibe stellenweise komplex und die Transformation befinde sich mitten in einem laufenden Prozess.

Verschlankung an der Konzernspitze

Parallel zur Umstellung auf regionaler Ebene strafft der Aufsichtsrat unter Vorsitz von Jim Hagemann Snabe das oberste Führungsgremium. Der Vorstand der Siemens AG schrumpft durch planmäßige Personalwechsel von sieben auf fünf Mitglieder.

Finanzvorstand Ralf P. Thomas legt sein Mandat zum 1. April 2026 nieder und scheidet zum 13.

Mai 2026 aus dem Vorstand aus. Er bleibt Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens Healthineers und steht dem Konzern bis Jahresende als Sonderberater zur Verfügung. Seine Nachfolge übernimmt Veronika Bienert, die bisher für Siemens Financial Services, Siemens Real Estate und Global Business Services verantwortlich zeichnet.

Bei Smart Infrastructure übernimmt Peter Koerte zum 1. Juli 2026 die Leitung des Segments von Matthias Rebellius, der mit regulärem Vertragsende aus dem Vorstand ausscheidet. Koerte gibt dafür seine bisherigen Aufgaben als Chief Technology Officer und Chief Strategy Officer ab.

Die technologische Steuerungsfunktion wandert eine Ebene tiefer: Ein Chief Technology Officer unterhalb des Vorstands berichtet künftig an Digital-Industries-Chef Cedrik Neike.

Rekordbilanz finanziert den Technologiesprung

Busch treibt die Umstrukturierung aus einer Position historischer Ertragsstärke voran. Im Geschäftsjahr 2025 erzielt Siemens einen Umsatz von 78,9 Milliarden Euro, was einem Zuwachs von fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der Auftragseingang legt um sechs Prozent auf 88,0 Milliarden Euro zu, während der Auftragsbestand ein Volumen von 117 Milliarden Euro erreicht.

Das Book-to-Bill-Verhältnis liegt bei soliden 1,1.

Der Konzernüberschuss klettert auf 10,4 Milliarden Euro und markiert damit den dritten Rekordwert in Folge. Das industrielle Geschäft steuert ein Rekordergebnis von 11,8 Milliarden Euro bei, der Free Cashflow erreicht 10,8 Milliarden Euro.

Die einzelnen Sparten entwickeln sich dabei uneinheitlich. Smart Infrastructure verzeichnet ein Umsatzplus von neun Prozent bei einer Gewinnmarge von 18,3 Prozent, Mobility steigert den Erlös um zehn Prozent. Dagegen leidet Digital Industries unter einer anhaltenden Automationsflaute: Der Umsatz sinkt um vier Prozent, die bereinigte Marge ohne die Zukäufe Altair und Dotmatics liegt bei 15,9 Prozent.

Im Fünfjahreszeitraum von 2021 bis 2025 weist Siemens ein durchschnittliches jährliches Umsatzwachstum von acht Prozent aus – nach zwei Prozent im vorangegangenen Jahrzehnt. Der Total Shareholder Return steigt in dieser Spanne um 151 Prozent.

Fokus auf industrielle Daten und Portfoliobereinigung

Hinter der organisatorischen Vereinheitlichung steht die klare Fokussierung auf industrielle künstliche Intelligenz. Siemens bündelt die Datenströme aus der Fabrikautomatisierung, der Gebäudeinfrastruktur und der Schienenmobilität, um skalierbare KI-Modelle für industrielle Kunden bereitzustellen. In den vergangenen Jahren investiert der Konzern knapp 30 Milliarden Euro in den systematischen Aufbau seines Software-Portfolios.

Mittlerweile beschäftigt Siemens rund 30.000 Software-Ingenieure und etwa 1.500 ausgewiesene KI-Spezialisten bei einer Gesamtbelegschaft von rund 320.000 Mitarbeitenden in etwa 150 Ländern. Über die kommenden drei Jahre fließen weitere 1,0 Milliarde Euro zweckgebunden in KI-Funktionen für eigene Produkte. Im abgelaufenen Geschäftsjahr summieren sich die Investitionen in Fertigung sowie Forschung und Entwicklung auf 9,4 Milliarden Euro.

Gleichzeitig setzt der Konzern die Bereinigung des Portfolios fort. Aus Verkäufen historischer Randgeschäfte erlöst Siemens insgesamt 7 Milliarden Euro, nachdem Analysten den Wert sechs Jahre zuvor auf lediglich 1,5 Milliarden Euro geschätzt hatten. Als nächster strategischer Schritt steht die Abspaltung von 30 Prozent der Anteile an Siemens Healthineers direkt an die Siemens-Aktionäre an.

Damit entkonsolidiert der Konzern die Medizintechniktochter, um sie mittelfristig rein als Finanzbeteiligung zu führen.

Operative Bewährungsprobe für das Führungsteam

Im Frühjahr 2026 richtet sich das Augenmerk der Finanzmärkte auf die konkrete Ausgestaltung der Healthineers-Abspaltung. Für Investoren und Marktbeobachter wird entscheidend sein, ob der Abbau der Führungstitel über einen symbolischen Kulturimpuls hinausreicht und flachere Berichtswege die Reibungsverluste zwischen den Technologiesparten messbar reduzieren.

Gleichzeitig steht der Vorstandsumbau im Frühjahr und Sommer 2026 unter Beobachtung. Das Management muss beweisen, dass die tiefere Verknüpfung mit der industriellen KI-Software ausreicht, um die schwächelnde Automatisierungssparte zügig auf ihr ursprüngliches Margenniveau zurückzuführen.