Die Einstiegsgehälter für Informatiker stehen unter Druck. Daten aus dem Vereinigten Königreich belegen, dass der Anteil der Informatikabsolventen, die als professionelle Coder oder Programmierer arbeiten, für den jüngsten Jahrgang auf 28 Prozent sank. In früheren Jahrgängen lag dieser Anteil bei etwa 40 Prozent.
In den USA ist die Nachfrage nach Einstiegs-Tech-Positionen in Ballungsräumen wie New York City ebenfalls deutlich zurückgegangen.
Experten nennen Künstliche Intelligenz (KI) als einen Faktor, der diesen Wandel beeinflusst, warnen jedoch davor, Kausalität vorschnell festzulegen.
Rückgang der Einstiegsstellen und sinkende Löhne
Die Nachfrage nach Berufseinsteigern in der Technologiebranche hat sich seit 2022 spürbar abgeschwächt. In New York City sanken die Stellenausschreibungen für Einstiegs-Tech-Positionen zwischen 2022 und 2025 um 49 Prozent. Dies ist der größte Rückgang unter allen Berufsfeldern der Analyse.
Im Jahr 2023 übertraf in New York City das Angebot an neuen Hochschulabsolventen mit Informatik- und verwandten Abschlüssen erstmals seit Beginn der Datenerfassung 2010 die Anzahl der verfügbaren Einstiegs-Tech-Stellenanzeigen. Dies deutet auf ein Überangebot an Absolventen im Verhältnis zu den verfügbaren Einstiegspositionen hin.
Auch im Vereinigten Königreich zeigen die Daten einen Rückgang der Jobaussichten für Informatikabsolventen. Der Anteil derer, die eine beliebige qualifizierte Stelle antraten, fiel von über 60 Prozent vor zwei Jahren auf 50 Prozent für den jüngsten Jahrgang. Die Befragten hatten ihre Kurse 2024 abgeschlossen und wurden 15 Monate nach Abschluss befragt.
Matt Hiely-Rayner, Direktor von Intelligent Metrix, kommentiert die Entwicklungen: „Angesichts derart reaktionsschneller und kostengünstiger Fleißarbeit durch KI in diesem Bereich, ist es schwer, nicht zu dem Schluss zu kommen, dass dies hinter dem Trend steckt.“
KI beeinflusst Lohnentwicklung
Eine Studie von Apollo Global Management, durchgeführt von Torsten Slok und Sania Edlich, zeigt ebenfalls Auswirkungen. Sie fand heraus, dass die realen Lohnzuwächse für Arbeitnehmer in Berufen mit hoher KI-Exposition nach 2023 um 6,7 Prozentpunkte langsamer verliefen als in weniger exponierten Berufen. Die Lohnlücke war im untersten Lohnquartil mit 10,7 Prozent am größten und im obersten Quartil nicht nachweisbar.
Gleichzeitig fand die Studie keinen statistisch signifikanten Effekt auf die Beschäftigung insgesamt.
KI-Automatisierung wird in mehreren Quellen als Faktor genannt, da Systeme einfache und wiederkehrende Aufgaben übernehmen können. Diese Aufgaben wurden früher oft von Junior-Mitarbeitern erledigt. Greg Morrisett, Dekan von Cornell Tech, sagte etwa, KI habe „wahrscheinlich die größten Fortschritte beim Schreiben, Testen und Überprüfen von Code gemacht, verglichen mit fast jeder anderen Disziplin.“
Er ergänzte jedoch, dass Unternehmen Ingenieure brauchen werden, „um all diesen Prozess zu managen.“
Jonathan Bowles vom Center for an Urban Future fasst die Lage zusammen: „Einstiegs-Stellenanzeigen sind dramatisch zurückgegangen, und die erste Sprosse der Karriereleiter in der Tech-Branche steht unter Druck.“
Uneinheitliche Evidenz und steigende Nachfrage nach spezialisierten KI-Fähigkeiten
Die Evidenz zur Rolle der KI ist nicht einheitlich. Einige Studien dokumentieren reduzierte Lohnzuwächse in KI-exponierten Berufen, andere sehen keine signifikanten Jobverluste insgesamt, sondern eine Umgestaltung der Nachfrage nach Fähigkeiten. In New York City stieg die Nachfrage nach KI-bezogenen Fähigkeiten in Einstiegs-Tech-Stellenanzeigen seit der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 um über 8.000 Prozent.
Berufe mit der höchsten KI-Exposition verzeichneten einen Rückgang von 29 Prozent bei den Einstiegs-Stellenanzeigen, während Berufe mit minimaler Exposition um 21 Prozent wuchsen.
Für Informatikabsolventen bedeuten diese Entwicklungen veränderte Arbeitsmarktbedingungen. In Deutschland lag das durchschnittliche Einstiegsgehalt im Bereich KI bei 56.960 Euro brutto pro Jahr. Mit mehrjähriger Berufserfahrung stieg das Durchschnittsgehalt in den Daten auf 75.075 Euro brutto pro Jahr.
Im Vereinigten Königreich stiegen spezialisierte KI-Stellenangebote innerhalb eines Jahres um 61 Prozent. Von 112.000 auf 180.000 Positionen. Laut PwC erreichte die durchschnittliche Gehaltsprämie für Arbeitnehmer mit spezialisierten KI-Fähigkeiten im Jahr 2025 34,2 Prozent, gegenüber elf Prozent im Vorjahr.
Diese Befunde deuten darauf hin, dass die Nachfrage nach spezialisierten KI-Fähigkeiten wächst, während allgemeine Einstiegsrollen unter Druck geraten. John McGuire, Direktor bei Pulsion Technology, bringt dies auf den Punkt: „Klar ist, dass KI bereits verändert, was Unternehmen von ihren Mitarbeitern benötigen. Mitarbeiter, die selbstbewusst diese Tools nutzen und gleichzeitig das Urteilsvermögen, die Kreativität und das Wissen bewahren, die die Technologie nicht ersetzen kann, werden in einer starken Position sein, wenn sich dieser Wandel fortsetzt.“
Offene Fragen und Marktentwicklungen
Die langfristigen Auswirkungen von KI auf Beschäftigung und Löhne bleiben unklar. Experten wie Charlie Ball von Jisc betonen, dass es schwierig ist, einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen KI und dem Rückgang von Einstiegsstellen oder Löhnen zweifelsfrei nachzuweisen. Auch Konjunktur, eine Nachfrageanpassung nach der Pandemie und andere Faktoren spielen eine Rolle.
Ein weiterer Befund betrifft die Weiterbildung. Fast die Hälfte der Unternehmen, die ihre Budgets für Learning & Development kürzten, erhöhte gleichzeitig ihre KI-Investitionen. Mitarbeiter geben eigenen Angaben zufolge durchschnittlich 788 US-Dollar pro Jahr für Weiterbildung aus.
Rund 20 Prozent berichteten, mehr als 1.000 US-Dollar aus eigener Tasche zu zahlen. Amanda Augustine von Careerminds warnt: „Wenn Arbeitnehmer das Gefühl haben, in ihre eigene Zukunft investieren zu müssen, weil ihr Arbeitgeber es nicht tut, riskieren Unternehmen, Talente zu entwickeln, die letztlich jemand anderem zugutekommen.“
Marktbeobachter diskutieren, wie Bildungseinrichtungen und Unternehmen auf die Verschiebungen reagieren sollten. Curricula und Weiterbildungsangebote müssten angepasst werden, damit Absolventen für die veränderte Nachfrage gerüstet sind. Die Debatte über die Notwendigkeit von Ingenieuren, die den gesamten KI-Prozess managen, läuft weiter.







