Die deutsche Versicherungsbranche konfrontiert ein gravierender Fachkräftemangel. Headhunter melden einen massiven Engpass bei qualifizierten Führungspersönlichkeiten und technischen Spezialisten. Die besten Talente sind dabei häufig nicht aktiv auf Jobsuche, sondern müssen diskret und direkt angesprochen werden.
Unternehmen, die Personalberatungen mandatieren, erhalten Zugang zu diesem „verdeckten Arbeitsmarkt“.
Der Mangel an spezifischem Know-how resultiert aus dem tiefgreifenden Umbruch, in dem sich die Versicherungsbranche aktuell befindet. Treiber sind primär die Digitalisierung, verschärfte regulatorische Anforderungen und der Wettbewerb um Fachkräfte mit anderen Sektoren.
Digitalisierung und technologischer Wandel forcieren den Bedarf
Die Notwendigkeit, veraltete IT-Infrastrukturen durch Cloud-native Lösungen abzulösen, stellt einen zentralen Aspekt des digitalen Wandels dar. Cloud Computing wird dabei als Katalysator für die umfassende Digitalisierung betrachtet, wobei Software-as-a-Service-Lösungen besonders gefragt sind. Gleichzeitig verändern Künstliche Intelligenz (KI), Machine Learning und Big Data Geschäftsmodelle, Prozesse und die Nutzung von Daten.
Dies betrifft Bereiche wie Pricing, Underwriting, Schadenmanagement, Betrugserkennung, Vertrieb und Kundendatenanalyse.
Auch der Aufbau von Identitätsplattformen für das Kunden-Onboarding gewinnt an Bedeutung. Kunden erwarten zudem zunehmend benutzerfreundliche digitale Lösungen, personalisierte Online-Angebote, mobile Schadensabwicklung und automatisierte Policenverwaltung. Diese Entwicklung erhöht den Druck auf Versicherer, entsprechende technische Kompetenzen aufzubauen und zu sichern.
Regulatorische Auflagen treiben den Personalbedarf
Zusätzlich zu den technologischen Herausforderungen fordern steigende regulatorische Anforderungen qualifiziertes Personal. Standards wie ESG (Environmental, Social, Governance), IFRS 17, IFRS 9 und Solvency II erzeugen einen erhöhten Bedarf an Spezialisten. Dies betrifft insbesondere Aktuare, Risikomanager sowie Experten im Finanz- und Investitionsmanagement.
Die Einhaltung von Datenschutzbestimmungen wie der DSGVO sowie Anforderungen an Transparenz und Verbraucherschutz erfordern zudem Anpassungen in den Geschäftsprozessen. Dies schafft weiteren Bedarf an spezifischem Know-how.
Wettbewerb um Talente verschärft Engpass
Der Markt für Top-Entscheider ist wettbewerbsintensiv. Versicherer konkurrieren nicht nur untereinander, sondern auch mit Softwareunternehmen, Technologieanbietern, Beratungen, FinTechs, InsurTechs und Industrieunternehmen um dieselben Profile. Insbesondere der MINT-Sektor (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zählt zu den umkämpften Bereichen.
Ein anspruchsvoller Versicherungsmarkt mit steigenden Risikokosten führt zudem zu einer selektiveren Risikozeichnung durch die Versicherer. Dies kann höhere Prämien und einen schwierigeren Zugang zu Versicherungsschutz in bestimmten Segmenten zur Folge haben. Parallel dazu verstärkt der demografische Wandel den Fachkräftemangel zusätzlich.
Gesuchte Profile: Doppelkompetenz aus Versicherung und Digitalisierung
Headhunter suchen Kandidaten mit einer doppelten Kompetenz aus versicherungsfachlicher Exzellenz und digitaler Innovationskraft. Zu den gefragten Positionen zählen technische Spezialisten und IT-Führungskräfte wie CIO beziehungsweise CTO, Leiter der Anwendungsentwicklung und IT-Architektur, Product Owner für Digital Insurance oder Agile Coaches. CISO, Cloud-Experten sowie Software- und Plattformverantwortliche stehen ebenfalls auf der Liste.
Zudem suchen Unternehmen Führungskräfte für IT-Transformation und digitale Programme sowie IT-Experten mit Erfahrung in Migrationsprojekten, etwa der Ablösung historischer Host-Systeme durch Cloud-native Lösungen. Im Bereich Aktuariat, Risikomanagement und Finanzen sind Verantwortliche Aktuare (DAV), Chefaktuare, Chief Risk Officer (CRO), Leiter Rechnungswesen und Bilanzmathematik sowie Spezialisten für Risikocontrolling gefragt. Experten für Solvency II Reporting, die Umsetzung von IFRS 9 und 17, ESG Reporting und Pricing Modelle sind ebenso relevant.
Für die Core Operations, also Underwriting und Schaden, suchen Personalberatungen Leiter Schadenmanagement, Head of Underwriting für Industriegeschäft sowie Leiter Betrieb. Spezialisten für Betrugserkennung und KI-gestützte Dunkelverarbeitung sind ebenfalls nachgefragt. Im Vertrieb und Marketing liegt der Fokus auf Vertriebsvorständen und -direktoren, Leitern des Makler- und Direktvertriebs sowie Spezialisten für Omni-Channel-Strategien und Customer Journey Optimierung.
Führungskräfte und Spezialisten für Data Strategy, Data Engineering, Business Intelligence, Advanced Analytics, Machine Learning und Artificial Intelligence, die Technologie, Daten und Geschäftsmodelle verbinden können, sind wichtig. Auch C-Level-Positionen werden gezielt gesucht.
Hohe Kosten und schnelle Besetzung durch spezialisierte Headhunter
Die Vermittlung dieser Profile ist kostspielig. Exklusiv mandatierte Suchen für Spezialisten und das Mittelmanagement bewegen sich laut Branchendaten in der Regel zwischen 20 und 30 Prozent des Jahresbruttozielgehalts. Für Executive Search, also Top-Führungskräfte und C-Level-Positionen, liegen die Honorare üblicherweise bei 25 bis 35 Prozent des vereinbarten Jahresbruttozielgehalts.
Die Abrechnung erfolgt häufig in drei Teilen: zu Beginn, nach Long List und nach Einstellung.
Personaldienstleister wie Schuckart Consulting, MEYHEADHUNTER oder People & Projects e.K. betonen, dass strukturierte Suchprozesse die Time-to-Hire verkürzen können. Erste Profile lassen sich je nach Mandat innerhalb von zwei bis vier Wochen präsentieren. Eine vollständige Besetzung einer C-Level-Position dauert nach Branchendaten durchschnittlich acht bis 16 Wochen, während Spezialisten- und Mittelmanagement-Rollen häufig in sechs bis zwölf Wochen besetzt werden.
Dies zeigt, dass spezialisierte Personalberatungen in diesem Markt eine Rolle bei der Beschleunigung von Besetzungsprozessen spielen.
Der Bedarf an Headhuntern in der Versicherungsbranche verstärkt sich durch die Erwartung der Unternehmen, Kandidaten zu finden, die nachweislich die Anforderungen einer Position erfüllen. Branchenexperte Callen Thenn bemerkt: „Unsere Kunden – Agenturen, Anbieter, MGAs, TPAs usw. – engagieren uns, wenn sie jemanden brauchen, der sofort mit der Produktion beginnen kann. Sie suchen nicht jemanden, den sie ausbilden können.“
Er ergänzt, dass bei einer fünfstelligen Recruiter-Gebühr in der Regel drei bis sieben Jahre direkte Versicherungserfahrung in genau der Rolle erwartet werden.
Ausblick: Wettbewerb um Fachkräfte bleibt intensiv
Der Wettbewerb um technische Spezialisten und Führungskräfte in der Versicherungsbranche dürfte vor dem Hintergrund anhaltender Digitalisierung, neuer Technologien wie KI, sich ändernder regulatorischer Anforderungen und des demografischen Wandels weiterhin intensiv bleiben. Der Bedarf an spezifischem Know-how bleibt hoch. Versicherer müssen weiterhin erhebliche Investitionen in die Gewinnung und Bindung von Talenten tätigen, um die Transformation ihrer Geschäftsmodelle erfolgreich zu gestalten.







