Von Dennie-Alexander Trost
Letztes Wochenende. Auf meinem Schreibtisch: zwei Jahre Steuer, die ich vor mir hergeschoben hatte. Ein Schuhkarton voller Belege – Tankquittungen, Restaurantrechnungen, diese Thermopapier-Dinger vom Baumarkt, die nach sechs Monaten so verblasst sind, dass man sie nur noch erahnen kann.
Eine Steuererklärung hasst man schon. Zwei auf einmal sind ungefähr so verlockend wie ein Wurzelkanal ohne Betäubung. Mein Standardsatz seit Monaten: „Mach ich am Wochenende.“ Und dann schiebt man, bis aus einem Jahr zwei werden.
Dieses Mal habe ich die Belege abfotografiert, die Bilder in einen Ordner gezogen und Claude Cowork gesagt: lies das aus, sortier nach Kategorie, zieh die Beträge raus, bau mir eine saubere Tabelle für den Steuerberater.
Zwei Steuerjahre → ein Wochenende. Der nervige Teil – Belege lesen, sortieren, in eine Tabelle bringen – war an einem Nachmittag durch.
Und während ich da saß, hat es mich erwischt. Der Gedanke, um den es in dieser Ausgabe geht:
Das Werkzeug, das mir gerade zwei Jahre Papierkram vom Hals geschafft hat, hat fast jeder von uns offen im Browser. Wir benutzen es nur komplett falsch.
Die meisten tippen Fragen rein wie bei Google
„Wie viel wiegt der Mond?“ „Schreib mir einen netten Spruch zum Geburtstag.“ Antwort kommt, Kopf nickt, Tab zu. „Ganz nett. Aber der Hype ist übertrieben.“
Das ist, als würdest du dir einen Bagger in den Garten stellen und damit anfangen, einzelne Sandkörner umzudrehen. Funktioniert. Du verschenkst nur 99 % der Maschine.
OpenAI hat sein eigenes Nutzerverhalten untersucht: Fast die Hälfte aller Anfragen sind schlicht Fragen. Nur rund 40 % drehen sich darum, die KI tatsächlich etwas tun zu lassen.¹ Genau da liegt der ganze Hebel.
Mein Vater hätte gesagt: Hör auf, über die große Lösung nachzudenken. Fang mit dem Abwasch an. Das Leben belohnt den, der anfängt – nicht den, der die perfekte Strategie plant.
Also hier sind vier maximal langweilige Dinge, die mein Leben tatsächlich verändert haben.
1. Die Steuererklärung, vor der ich nicht mehr weglaufe
Zurück zum Schuhkarton. Das Entscheidende war: Ich habe die KI nichts gefragt. Ich habe ihr die Drecksarbeit gegeben. Belege lesen, Beträge erkennen, nach Kategorie sortieren, in eine Tabelle gießen – für zwei Jahre auf einmal.
Und dann kam der Moment, der mich umgehauen hat: Sie hat mir sogar den Übertrag ins ELSTER abgenommen. Genau den Schritt, für den ich jahrelang einen Steuerberater bezahlt habe.
Drübergeschaut, ein paar Zahlen korrigiert, abgeschickt. Zwei Jahre Aufschieberei, an einem einzigen Wochenende erledigt.
Also habe ich meinen Steuerberater gekündigt.
2. Mein Desktop sah aus wie mein Kopf an einem schlechten Tag
427 Dateien. praesentation_final_FINAL_v3.pptx. Screenshots aus 2022. Drei Versionen vom selben Vertrag, und keiner wusste, welche gilt.
Cowork drübergelassen: nach Themen in Ordner sortiert, nach Inhalt und Datum sinnvoll umbenannt, Dubletten markiert.
427 Dateien → 14 Ordner. 9 Minuten.
Klingt nach Kleinkram. Aber ein aufgeräumter Rechner fühlt sich an wie ein aufgeräumter Kopf – und das war die Sache von neun Minuten, vor der ich zwei Jahre Angst hatte.
3. Die Tennis-App für meine Mutter
Das hier ist mein Favorit.
Meine Mutter spielt Dienstag und Donnerstag Tennis. Sie wollte ihre Matches festhalten – Gegnerin, Ergebnis, was lief gut, was nicht. Jede App im Store war entweder überladen, voller Werbung oder kostete im Abo mehr als die Platzmiete.
Also habe ich mich an einen Sonntagabend gesetzt und ihr mit Claude Code eine eigene kleine App gebaut. Genau das, was sie wollte. Nichts, was sie nicht braucht.
Wichtigster Satz dazu: Ich kann keine Zeile programmieren.
Früher war das das Ende der Geschichte – „dann eben nicht“. Heute ist es der Anfang. Wenn das Ding, das du brauchst, nicht existiert, baust du es eben. An einem Sonntagabend. Zwischen zwei Folgen Tatort.
4. Präsentationen, die nicht mehr mein Wochenende fressen
Pitch-Decks waren früher mein persönlicher Albtraum. Inhalt stand in zwanzig Minuten. Dann drei Stunden Kampf mit Abständen, Schriftgrößen und der Frage, warum dieses eine Bild immer verrutscht.
Heute werfe ich Claude den Inhalt hin und lasse das Design machen. Layout, Struktur, ein roter Faden, der hält.
Das langweilige Achtzig-Prozent-Geschiebe ist weg. Übrig bleiben die zwanzig Prozent, die wirklich von mir kommen müssen: die Story und die Pointe.
Warum fast alle KI falsch nutzen
Der Denkfehler steckt in einem Wort: „fragen“. Die meisten behandeln KI wie eine Suchmaschine mit besseren Manieren.
Der Unterschied, der alles verändert: Gib ihr einen Job. Einen vermüllten Ordner. Einen Karton Belege. Eine App, die es geben sollte und nicht gibt.
Hör auf, sie zu fragen, was sie weiß. Gib ihr das, was du hasst.
So fängst du an (heute, nicht „irgendwann“)
Nimm die nervigste Aufgabe. Die eine, die du seit Wochen vor dir herschiebst. Genau die.
Lad echte Dateien hoch. Nicht beschreiben, was du hast – die Fotos, die Tabelle, den Ordner reinziehen.
Sag in einem Satz, was rauskommen soll. „Sortier mir das nach X und gib mir Y.“ Mehr nicht.
Lass es arbeiten, dann prüf nach. Du bleibst der Chef. Die KI macht den ersten Entwurf, du gibst das Go.
Eine Aufgabe pro Woche. Nicht dein Leben umkrempeln. Eine Sache abgeben, die dich bisher Zeit gekostet hat.
Die unbequeme Wahrheit
KI schenkt dir nicht den Sinn des Lebens. Sie schenkt dir den Samstag zurück. Was du mit dem Samstag machst, ist dann wieder deine Sache.
Meine Mutter, Anfang 60, trackt jetzt jeden Dienstag ihre Matches in einer App, die ihr Sohn an einem Sonntagabend gebaut hat – ohne eine Zeile Code zu können. Das ist für mich KI. Kein Science-Fiction, keine Singularität. Ein zufriedenes Lächeln auf dem Tennisplatz.
Du sitzt auf einem Bagger. Hör auf, Sandkörner zu drehen.
¹ OpenAI / NBER, „How People Use ChatGPT“, 2025
(c) Foto – Gemini KI-generiert












