Ein historischer Wasserturm in Niebüll steht zur Versteigerung – für 175.000 Euro könnt ihr ein denkmalgeschütztes Kleinod aus dem Jahr 1908 erwerben. Das Besondere: Der Turm wurde von 200 Lehrlingen aufwendig saniert und dient heute als außergewöhnliche Ferienwohnung mit Panoramablick. Die Deutsche Grundstücksauktionen AG bringt das Objekt am 25. Juni unter den Hammer.
Vom Abriss-Kandidaten zum Ausbildungsprojekt
Die Geschichte des Wasserturms ist eng mit der Marschbahn verbunden. Als einziges Bauwerk seiner Art entlang dieser Strecke versorgte er bis 1972 Dampflokomotiven mit Wasser. Die massiven Tanks stellten sicher, dass bei plötzlichen großen Entnahmen genug Druck im System blieb. Nach dem Ende der Dampflok-Ära stand der Turm jahrzehntelang leer.
2007 erwog die Stadt Niebüll den Abriss des verfallenden Gebäudes. Ein Jahr später fiel die Entscheidung anders aus: Die Kreishandwerkerschaft übernahm das Bauwerk und entwickelte ein ambitioniertes Ausbildungsprojekt. Von 2012 bis 2015 leisteten 200 Lehrlinge im Baugewerbe mehr als 10.000 Arbeitsstunden. Spender unterstützten die Sanierung finanziell und ermöglichten so die Rettung des Denkmals.
Technische Meisterleistung auf sieben Metern Grundfläche
Die Sanierungsarbeiten stellten die Lehrlinge vor besondere Herausforderungen. Sie setzten den Turmkopf neu auf, bauten den alten Wasserbehälter aus und zogen Zwischendecken ein. Eine 25 Tonnen schwere Kopfplatte musste präzise positioniert werden, bevor das neue Turmdach entstand. Vier großzügige Fenster bringen heute Tageslicht in das schlanke Bauwerk. Die heutigen Besitzer kauften den Turm 2017 und wandelten ihn in eine Ferienwohnung um. Im Erdgeschoss befinden sich Entree, eine bodengleiche Dusche und WC mit Handwaschbecken sowie die Heizung. Drei Wohnebenen stapeln sich darüber. Im Turmkopf auf zehn Metern Höhe öffnet sich ein offenes Schlafzimmer mit Sitzecke und Miniküche. Schallisolierte Fenster halten den Lärm der nahegelegenen Gleise ab und garantieren ruhigen Schlaf trotz Bahnverkehr.
Strategische Lage als Verkehrsknotenpunkt
Niebüll bietet mit rund 10.000 Einwohnern mehr als nur Kleinstadtidylle. Die Stadt liegt 35 Kilometer von Husum und 45 Kilometer von Flensburg entfernt. Als Verkehrsknotenpunkt nach Sylt und Dänemark profitiert die Region von konstanten Besucherströmen. Urlauber zahlen derzeit 328 Euro für zwei Personen pro Nacht – ein Preis, der die Nachfrage nach außergewöhnlichen Unterkünften in der Region widerspiegelt.
Die Auktion findet am 25. Juni statt. Der neue Eigentümer kann die 55 Quadratmeter Wohnfläche selbst nutzen oder das Geschäftsmodell als Ferienwohnung fortführen. Eine Besichtigung mit dem Auktionator ist am 10. Juni um 8.30 Uhr möglich. Interessierte erreichen das Auktionshaus unter 030/88468825.
Wassertürme als Wohn- und Arbeitsräume
Die Umnutzung von Wassertürmen hat in Norddeutschland Tradition. Jakob Richter erwarb vor mehr als 20 Jahren einen 1913 errichteten Wasserturm in Hardenbeck in der Uckermark. Der Künstler nutzt das Gebäude als Wohnung und Atelier. Seine Galerie „JakobSturm“ zeigt seine Werke und die seiner Malerfreundin Nadia Mirenkovic in den historischen Räumen.
In Malchin steht ein weiterer sanierter Wasserturm zum Verkauf. Nils Holger Thiel investierte seit 2006 in den Ausbau und schuf auf sieben Etagen rund 270 Quadratmeter Wohnfläche. 52 neue Fenster bringen Licht in den 25,5 Meter hohen Turm. Im Garten ergänzt ein Swimmingpool das Ensemble. Thiel bietet das denkmalgeschützte Objekt für eine Million Euro an – bisher ohne Erfolg.
Der Wasserturm auf dem Nesselberg in Waren an der Müritz wurde 1897 von einer privaten Initiative errichtet. Nach wechselvoller Geschichte – inklusive eines Brands 1900 und Kriegsschäden – kaufte 2009 die eigens gegründete Genossenschaft „BEWAHREN Ferienhaus eG“ das Gebäude. Seit 2011 können Gäste in vier Wohnungen übernachten. Die Preise starten bei 80 Euro pro Nacht bei mindestens zwei Übernachtungen.
Kreative Konzepte für historische Substanz
Der Wasserturm in Angermünde am Bahnhofsplatz zeigt, wie aufwendig solche Projekte sein können. Der Londoner Ingenieur David Grove, der auch das Lüftungssystem im Berliner Reichstagsgebäude konstruierte, baute ihn 1901. Familie Ihlow begann 2007 mit dem Umbau ihres Lebenswerks. 140 Stufen einer schmalen Wendeltreppe verbinden heute die Zimmer und führen zur Dachplattform. Sieben Zwischendecken schufen drei Wohnungen. Ein Außenfahrstuhl erleichtert den Zugang. Das Ferienhäuschen „Zum Pumpenhaus“ kostet ab 65 Euro.
In Joachimsthal kauften der Designer Richard Hurding und die Projektmanagerin Sarah Phillips 2003 einen seit 1987 leer stehenden Wasserturm. Die beiden Briten bauten auf dem mehr als 20 Meter hohen Turm eine Aussichtsplattform namens „Biorama“. Von Juni bis August öffnet die Plattform von Donnerstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 11.00 bis 18.00 Uhr. Bei klarer Sicht reicht der Blick bis zur Spitze des Berliner Fernsehturms. Im Inneren verteilten die Eigentümer auf vier Ebenen Arbeitszimmer, Schlafzimmer, Wohnzimmer, zwei Büros, Küche und Sanitärzelle auf 140 Quadratmetern. Eine moderne Metall-Außentreppe mit 118 Stufen oder ein futuristischer barrierefreier Aufzug führen zur Aussichtsetage.
Vom Wasserspeicher zum Medienturm
Auch als Bürogebäude eignen sich die historischen Türme. Die Nordkurier Mediengruppe mietet seit 2016 den Wasserturm in Prenzlau, der den Stadtwerken gehört. Auf fünf Ebenen entstanden Büro- und Konferenzräume. Der 1899 erbaute Turm erreichte ursprünglich eine Gesamthöhe von etwa 40 Metern inklusive des gotischen Kegeldachs. 1936 entfernte die Stadt die Turmspitze wegen des nahegelegenen Flugplatzes. 1974 stoppte ein Bürgerbegehren den geplanten kompletten Abriss. 1979 demontierten die Verantwortlichen den oberen Teil mit Wasserspeicher und Wasserbehälter. Der 18 Meter hohe Schaft blieb stehen und wurde erst durch die Kooperation zwischen Stadtwerken und Mediengruppe zu neuem Leben erweckt.
Investition in Geschichte mit Zukunft
Der Wasserturm in Niebüll verbindet historisches Erbe mit moderner Nutzung. Die aufwendige Sanierung durch Lehrlinge garantiert handwerkliche Qualität. Die Lage am Verkehrsknotenpunkt verspricht konstante Nachfrage im Ferienwohnungsmarkt. Mit 175.000 Euro Mindestpreis liegt das Objekt deutlich unter vergleichbaren Immobilien wie dem Malchiner Turm. Die 55 Quadratmeter bieten zwar kompakten Raum, doch die außergewöhnliche Architektur und der Denkmalschutz schaffen einen Wert, der über reine Quadratmeter hinausgeht. Für Investoren mit Gespür für besondere Objekte könnte sich die Auktion lohnen.
nordkurier.de – Schnäppchen-Immobilie: Historischer Wasserturm sucht neuen Besitzer (Ines Markgraf)
X @immofux – Ferienwohnung im denkmalgeschützten Wasserturm wird versteigert
© Foto: X / Immofux Immobilien












